03. Dezember 2008

Stammzellen Leben und sterben lassen

Warum Stammzelltechnologien Ausdruck einer lebensbejahenden Kultur sind

Das Europäische Patentamt hat vergangene Woche in einer Grundsatzentscheidung einen Patentantrag der amerikanischen Wisconsin-Madison Universität abgelehnt. Dabei ging es um ein Verfahren zur Produktion embryonaler Stammzellkulturen aus Primaten, zu denen auch der Mensch gehört. Embryonale Stammzellen sind Zellen, die im Gegensatz zu normalen Körperzellen in der Lage sind, sich in beliebige Gewebetypen zu verwandeln, wenngleich sie jedoch nicht mehr dazu fähig sind, einen vollständigen Organismus zu bilden. Diese Pluripotenz genannte Eigenschaft macht sie für die medizinische Forschung interessant, weil sie dazu eingesetzt werden könnten, um Krankheiten zu heilen, bei denen Körpergewebe irreversibel zerstört wurde: beispielsweise Herzinfarkt, Schlaganfall, Querschnittslähmung oder Diabetes mellitus vom Typ 1. Der Patentantrag beschreibt nun, wie man einmal gewonnene Stammzellen dauerhaft aufbewahren und vermehren kann, ohne dass ihre Pluripotenz verloren geht – für die medizinische Anwendungen der Zellen eine natürlich unabdingbare Voraussetzung. Das Europäische Patentamt begründete seine Entscheidung damit, menschliche embryonale Stammzellen könnten in dem Verfahren nur durch die Zerstörung menschlicher Embryonen gewonnen werden und sei in Hinblick auf seine kommerzielle Verwertung daher als „unsittlich“ und nicht patentierbar einzustufen.

Unabhängig davon, welche Position man ganz grundsätzlich hinsichtlich der Frage des Patentwesens im Speziellen und zum geistigen Eigentum im Allgemeinen einnimmt, so ist doch die Begründung der Patentverweigerung schon alleine höchst fragwürdig. So impliziert die Erklärung der Patentbehörde, Stammzellenforschung sei für sich allein genommen vielleicht nicht unmoralisch, so doch ihre kommerzielle Verwertung. Aber welchen Nutzen brächte es den Patienten, wenn ihre Erkenntnisse nicht kommerzialisiert, also zur massenhaften Anwendung kämen? Und, wenn die Stammzellmedizin ein zu sensibler Bereich für den Kommerz ist, wie verhält es sich dann mit dem klassischen Gesundheitsmarkt, in dem mit dem Leiden Millionen Kranker gutes Geld verdient wird? Das europäische Patentamt muss sich fragen lassen, wieso es überhaupt noch medizinische Patente erteilt, wenn sie glaubt, sein Auftrag bestünde darin, menschliches Leben vor seiner „Ausbeutung“ durch Pharmakonzernen zu schützen.

Schwerer wiegen allerdings die gesellschaftlichen Folgen seiner Entscheidung: Biokonservative Gegner der Stammzellenforschung sind von der Entscheidung natürlich entzückt, weil sie jetzt hoffen können, dass mit dem Patentverbot Forschung und Entwicklung in diesem Bereich ins Stocken geraten wird. Das wäre allerdings ein herber Rückschlag für die vielen Patienten, die auf eine Erlösung von ihrem Leid warten und große Hoffnungen in die Stammzelltechnologie gesetzt haben – nicht zuletzt für diejenigen, die an den Folgen ihrer Erkrankung sterben müssen, weil die rettende Stammzelltherapie zu spät kommt. Biokonservative führen demgegenüber die Embryonen an, deren Leben dadurch „gerettet“ würde.

Dies ist der eigentliche Knackpunkt in der Stammzelldebatte: Embryonale Stammzellen werden aus dem Keimbläschen gewonnen, einem frühen embryonalen Entwicklungsstadium, das sich zirka fünf Tage nach der Befruchtung der Eizelle einstellt. Dabei wird der Embryo unweigerlich zerstört, weil die Stammzellen vom sogenannten Trophoblast getrennt werden müssen, aus dem sich später die Plazenta bildet, die den Embryo mit Nährstoffen aus dem Mutterorganismus versorgt.

Allerdings geht die ethische Gleichstellung von Embryonen mit geborenen Leben auf den Trugschluss zurück, aus zellulärem Leben ein Menschenleben abzuleiten. Denn der Mensch ist auf zwei verschiedenen Arten am Leben: Zum einen, weil seine Zellen Stoffwechsel betreiben und damit alle lebensnotwendige Organfunktionen erhalten – in diesem Sinne unterscheidet er sich nicht von Bakterien. Zum anderen durch ein emergentes Phänomen, das uns die Illusion verschafft, als Einheit zu existieren, obwohl wir aus vielen Milliarden winziger einzelner Zellen bestehen. Es ist erst das höhere Organisationsprinzip unserer Zellen und Moleküle, aus denen wir gebaut sind, das die Information über unser Dasein enthält und uns zu einer Person machen. Könnten wir jede einzelne unserer Zellen aus unserem Körper entfernen und in Kultur „lebendig“ aufbewahren lassen, so würden wir dennoch aufhören zu existieren. Wurde jedoch auf einer langen Liste die Information darüber festgehalten, wo sich jede einzelne Zelle in unserem Körper ursprünglich befand, stünde die Chance nicht schlecht, dass wir wieder zum Leben erweckt werden könnten, wenn man jede Zelle zurück auf ihren Platz setzt.

Einem Embryo vor dem Keimbläschenstadium fehlt dieses emergente Prinzip. In einem weiteren Gedankenexperiment können wir auch sehen, warum das so ist: Nach ein bis drei Tagen nach der Befruchtung besteht der menschliche Embryo aus einen Haufen von vielleicht acht Zellen. Zerlegen wir den Haufen mittels Mikroskop und Mikromanipulator, haben wir den Embryo scheinbar „getötet“, obwohl jede einzelne seiner Zellen noch am Leben ist. Versetzen wir die Zellen nun wieder zurück an ihren Ursprungsort, haben wir ihn „wiederbelebt“. Für den Embryo in diesem Stadium macht es jedoch keinen Unterschied, in welcher Reihenfolge wir die Zellen anordnen, weil die Zellen noch nicht unterscheidbar sind (man sagt auch: „nicht ausdifferenziert“). Wir könnten uns beim Zusammensetzen auch entscheiden, die vormals inneren Zellen durch die äußeren des Haufens zu ersetzen oder benachbarte Zellen paarweise zu vertauschen – am Ende entstünde der gleiche Embryo immer wieder aufs Neue und, wenn wir neun Monate warten, auch das gleiche Baby. In diesem frühen Stadium enthält der Zellverbund also offensichtlich noch keinerlei Information über einen Organismus. Die Zellen existieren bis dato nur als loser Verbund und sind ebenso lebendig wie primitive Einzeller.

Erst der nächste Entwicklungschritt hin zum Keimbläschen, also dem Stadium, aus dem man die embryonalen Stammzellen gewöhnlich entnimmt, geht mit einem Informationsgewinn einher: Der Embryo besteht ab diesem Zeitpunkt aus zwei unterschiedlichen Zelltypen, den Zellen im Inneren des Bläschens – der Embryoblast – und den äußeren, die den bereits genannten Trophoblast bilden. Der Informationsgehalt eines solchen Embryos ist jedoch winzig, denn er lässt sich in nur einem einzigen Bit speichern: Null für Embryoblast, und Eins für Trophoblast. Man überlege sich nun, um eine technische Metapher zu bemühen, ob ein einzelnes Bit wirklich sinnvoll als Text, Bild oder Videofilm interpretiert werden kann. Aber ebenso wie es von einem einzigen Bit zu einem abendfüllenden DVD-Video noch ein weiter Weg ist, bedarf es auch einer langen Entwicklung bis aus einem Keimbläschen ein Neugeborenes entsteht.

Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu hysterisch, der Stammzellenforschung die systematische Vernichtung menschlichen Lebens vorzuwerfen. Biokonservative, die deshalb ein Ende der Stammzellenforschung fordern, erwecken nur den Anschein moralischer Überlegenheit. Denn in Wirklichkeit bedeutet ihr Standpunkt, dass sie jederzeit bereit wären, ein Menschenleben für das Leben eines Einzellers zu opfern – wahrlich keine philanthropische Idee. Und wenn Embryonen wirklich das ethische Äquivalent von Neugeborenen wären, warum lassen wir es dann zu, dass weltweit täglich tausende von ihnen unbemerkt als Spontanaborte, also Embryonen, die sich nicht in der Gebärmutter einnisten konnten, die Toilette hinuntergespült werden?

Tatsächlich liegt ein zuverlässiges Verfahren, mit dem sich embryonale Stammzellen in Zellkulturen konservieren ließen, wie es die Universität von Wisconsin patentieren lassen wollte, im Interesse derjenigen, die sich um das leibliche Wohl eines Embryos sorgen. Denn nachdem für eine Stammzellkultur ein einziger Embryo sterben musste, lassen sich fortan aus ihr beliebig viele Stammzellen gewinnen, ohne dass weitere Embryos zu Schaden kommen. Stammzellkulturen senken also nicht nur die Kosten, sondern mindern auch die Zahl der Embryonen, die für die Stammzellenforschung ihr Leben lassen müssen.


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