15. Dezember 2008

Geschenke Weihnachtszeit, Quälezeit

Woran die ideologischen Umerzieher sich vergebens versuchten, ist nun geschehen

Schlamm, Geschwindigkeit und Demütigung: So lauten die Weihnachtstrends des Jahres 2008. Sehr groß muss der Etat bemessen sein, der dieses gar nicht mehr alternative Programm zum Christfest unter die Leute bringen soll. Auf den Mattscheiben, den Plakatwänden, den Werbeflächen in S- und U-Bahn wetteifern die Händler des Somatischen laut um die Wette.

Für 299 Euro verheißen sie „Formel-Erlebnisse“, nicht im Labor, sondern im Rennwagen. Für 130 Euro sind „Schneemobil-Erlebnisse“ käuflich zu erwerben, schlappe 119 Euro kostet das Paket „Hummer selber fahren“ (für „Autofreaks“, nicht Feinschmecker), ab 99 Euro lockt der Reiz des Baggerfahrens: „Zähmen Sie den Dinosaurier der Neuzeit, steigen Sie ins Führerhaus und versetzen Sie Berge.“

Wer will, hört rhetorisch den Anklang an die Bibel heraus, an jenes Geschichtenbuch, in dem dem Herrn die Wege bereitet werden und dieser wiederum Berge zu versetzen vermag. Nichts ist dort unmöglich (dem Herrn der Geschichte wohlgemerkt, nicht dem Autofahrer), kein Maß soll dort die Gnade kennen. Die Maßlosigkeit also ist auch in der Geschenkewelt geblieben – und das Ansinnen, einmal ganz herauszufallen aus den Bedingungen von Zeit und Raum, sei es via „Bodyflying Bottrop“. Nur 129 Euro sind zu entrichten, um „den Sturm zu reiten und zu fliegen wie ein Vogel!“. Alles aber „in Bodennähe“.

Ein diesbezüglich einschlägiger Werbespot zeigt nichts anderes als die schlammverschmierte Brille eines jauchzend bergabwärts bretternden Mannes. Wie er zu Tale kommt, mit welchem Vehikel, was ihn nach oben befördert hat, wie lange und zu welchem Ende die Fahrt dauern wird, erfahren wir nicht. Wir sehen und hören: Die Geschwindigkeit steigt, das Jauchzen wird lauter, der Schlamm kommt in größeren Dosen geflogen. Juchhe, juchhe, du Teufelskerl!

Wer solche oder ähnliche Präsente aus der „Erlebnisauswahl“ bucht, den reitet ein zweifacher Zweck. Er selbst, der Schenkende, will im Augenblick der Geschenkscheckübergabe glänzend dastehen, anerkennende Blicke, Getuschel und Gewisper und Hallo ernten. Wie er nur auf diese witzige Idee verfallen sei? Dem K., ausgerechnet dem K. einen „Wrestling Workshop“ zu schenken – alle Achtung!

Der Schenkende will zweitens dem Beschenkten zu verstehen geben, dass es dessen, des Beschenkten, Pflicht und Schuldigkeit sei, sich jetzt recht tüchtig zu freuen und später dann, bei der Scheckeinlösung, rechtschaffen bedröppelt drein zu schauen. Oftmals nämlich, ließ sich jetzt ein Psychologe vernehmen, ist die Demütigung des Beschenkten ein Hauptzweck des Geschenkeschecks. Er selbst sei schon Zeuge gewesen, wie reihum johlend der Beschenkte sich abmühte, bei einer Schlammschlacht nicht die Fassung zu verlieren. Die Umstehenden hatten ihren Spaß, der Beschenkte war der arme Teufel, der nicht mehr herauskam aus der Falle, in die er an Heiligabend getappt war.

Ein Schenkefest ist also endgültig das Christfest geworden. Woran die ideologischen Umerzieher von rechts und links sich vergebens versuchten, ist nun geschehen. Die nächste Stufe wird gerade gezündet: Aus der gemeinsamen, vergegenwärtigenden Freude um ein vergangenes historisches Ereignis wurde – im 19. Jahrhundert – der strikt individuelle Geschenketausch. Jetzt wurde aus dessen Grundprinzip, dem „Ich für dich“, ein „Ich für mich“. Der Tropf ist der Beschenkte, der Tyrann der Schenkende. Nur noch von ihm erzählt das Geschenk, und dunkle Geschichten sind es allesamt, Geschichten aus den Abgründen der Seele. Advent, Advent, (k)ein Lichtlein brennt.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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