Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Zum Tode von Samuel Huntington: Kultur als Faktor im 21. Jahrhundert

von Gérard Bökenkamp

Sein Paradigma und seine Hinterlassenschaft

29. Dezember 2008

Huntington ist wohl einer der einflussreichsten Denker der Jahrzehnte nach dem Kalten Krieg. Das außergewöhnliche daran ist, dass ihm das mit der These vom "Kampf der Kulturen" gelang, die dem Zeitgeist konsequent widersprach. Dem Zeitgeist der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts entsprach vielmehr die Vorstellung seines Kollegen Francis Fukuyama, der von einem „Ende der Geschichte“ sprach.


In eine Phase, in der Multikulti noch weitgehend unhinterfragt die veröffentlichte Meinung dominierte und in der zum Beispiel eine Tageszeitung dem damaligen Berliner Innensenator Schönbohm empfahl, sich am Gehirn untersuchen zu lassen, weil er auf die Integrationsprobleme in der Stadt hinwies, schlugen Huntingtons Thesen von einem „Kampf der Kulturen“ ein wie eine Bombe. Man mochte Huntingtons Thesen mögen oder nicht, kein Feuilleton kam daran vorbei, sich mit seinen Thesen auseinandersetzen.


Die Kulturkreise bilden bei Huntington die primären Größen der Identitätsbildung, woraus folgt, dass auch die Konfliktgrenzen im wesentlichen kulturell also nach seiner Definition religiöse bestimmt sind. Er identifiziert einen konfuzianischen, einen islamischen, einen hinduistischen und einen slawisch-orthodoxen und den westlichen Kulturkreis, der durch das jüdisch-christliche Erbe bestimmbar ist. Konflikte zwischen diesen Kulturen bzw Zivilisationen bezeichnet Huntington als Bruchlinienkonflikte. Burchlinienkonflikte sind nach Huntington durch ihre Besondere Länge und Grausamkeit charakterisiert.


Was Huntingtons Ideenwelt bot, war nicht nur eine Prognose für die Zukunft , sondern auch das Modell für eine neue Sicherheitsarchitektur. Danach sollte die neue Weltordnung entlang der Kulturgrenzen geordnet werden. So wie im Kalten Krieg sich der sozialistische Block und der westliche Block sich gegenüber standen, geführt von je einer Weltmacht, so sollten nun in Huntingtons Modell die einzelnen Kulturkreise diese Rolle übernehmen.


Was bleibt von Huntingtons Thesen?


Huntingtons globales Ordnungsmodell hat sich nicht durchgesetzt. Aus den großen Kulturkreisen sind keine politischen Einheiten entstanden. Vielmehr scheinen die Anhänger des sogenannten  politischen Realismus  Recht behalten zu haben, die die Rückkehr traditioneller Großmachtpolitik vorausgesagt haben. Die von Huntington vorausgesagten kulturellen Konflikte spielen sich vor allem auf einer Konfliktebene ab, die Analysten wie der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld als "Low Intensity Wars" bezeichnet haben, also auf der Ebene von Gurillakriegen und Terrorismus unterhalb der Ebene zwischenstaatlicher Konflikte.


Was von Huntington bleibt, ist die Erkenntnis, dass der kulturelle Faktor, der immer noch ein blinder Fleck in den meisten politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtungsweisen ist, nicht weggedacht werden kann. Huntington hat gezeigt, dass gerade wegen und nicht  trotz der Globalisierung kulturelle Identität in der Innen- und in der Weltpolitik  auch in Zukunft eine bedeutsame Rolle spielen wird. Huntington hat frühzeitig darauf hingewiesen, dass nach dem Zeitalter der Ideologien und der Säkularisierung die Religion eine nicht verkennbare Wiederauferstehung in vielen Teilen der Welt zeitigte. Religion und Politik werden im 21. Jahrhundert in vielen Teilen der Welt wieder stärker miteinander verbunden sein, als das im 20. Jahrhundert der Fall war.


Heute sagen das viele schreibende Zeitgenossen. Nach dem 11. September, nach London und Madrid sind die Stimmen, die von einem Ende der Geschichte sprechen,  sehr leise geworden. Selbst Fukuyama hat inzwischen widerrufen. Huntington hat das alles zu einer Zeit gesagt, als es nur wenige so offen aussprachen. Die bedeutenden Intellektuellen sind nicht jene, die für den Zeitgeist Eulen nach Athen tragen, sondern die Rufer in der Wüste. Darin liegt Huntingtons Größe als politischer Denker. Er verstarb am 24. Dezember 2008 im Alter von 81 Jahren.




 









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