01. Januar 2009

Gutmenschentum vor der Depression Neujahrsgrüße an das Paralleluniversum

Die Leverage-Zeiten sind vorbei

Zuerst die guten Nachrichten: Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise findet auf der Grundlage des höchsten Wohlstandsniveaus statt, auf dem die Menschheit sich jemals ausruhte. Vor circa 200 Jahren befreite sich ein Teil der Menschheit aus der malthusianischen Falle, in der seit Adam und Eva jeder Produktivitätsfortschritt von einem daraus resultierenden Bevölkerungszuwachs im wörtlichen Sinne aufgegessen wurde. Heute leben Milliarden Menschen in einem Wohlstand, von dem selbst die herrschenden Schichten vergangener Zeitalter nur träumen konnten. Es lebe der Kapitalismus. Ende der guten Nachrichten.

In dieser Wohlstands- beziehungsweise Überflussgesellschaft wurde leider – aufgrund bestimmter Ursachen, über die hier ja oft eigentümlich frei diskutiert und gestritten wird – eine Mentalität zur bestimmenden, welche in ihrer Extremform, dem Gutmenschentum des „modern liberal“, schon die Schwelle zur Geisteskrankheit überschritten hat (darüber mehr in einem künftigen Artikel). Die besagte Mentalität lässt sich in all ihren Ausformungen als mehr oder weniger komplexe Realitätsverleugnung definieren. Der Mensch lässt sich dabei am liebsten von Menschen täuschen, die an ihre eigenen Täuschungen glauben.

Unsere Finanzwelt ist bevölkert von Leuten – die meisten von ihnen Absolventen der teuersten Universitäten und Eliteschulen – die glauben, dass eine Wirtschaft dauerhaft wächst, wenn man da für 5 Prozent leiht und dort für 10 Prozent investiert. Dass Leverage, und um nichts anderes handelt es sich hier, nur auf der Grundlage einer real wachsenden Wirtschaft funktioniert, das heißt wenn die Menge an Gütern und Dienstleistungen tatsächlich zunimmt, wurde dabei schlicht übersehen. Die Wirkung für die Ursache zu halten ist eine beliebte Methode der (Selbst-) Täuschung. Dass dies über viele Jahre funktionieren konnte, hat zum einen mit den sprudelnden Zentralbankquellen zu tun, die ohne Unterlass Geld, welches im Prinzip keinen realen Wert mehr hat, in die Märkte spülen, und andererseits mit den hochkomplexen mathematischen Modellen, in die diese Leverage Deals verpackt wurden. Die Jungs, die solch eine Form der (Selbst-) Hypnose ausgeheckt haben, nannte man deshalb ja auch Zauberer („wizards“). Das ändert leider nichts daran, dass diese Zauberer in einem Paralleluniversum existieren, in dem Brathähnchen an Bäumen wachsen. In der künftigen Mannschaft Obamas sitzen übrigens, was die Bereiche Wirtschaft und Finanzen betrifft, wer hätte es gedacht, bewährte Zauberer. Sie glauben daran, dass er Wunder vollbringen und ihnen die schönen Leverage-Zeiten zurück bringen wird. Sie möchten ihm dabei helfen.

Unsere Zauberer teilen ihr Paralleluniversum mit Millionen von Amerikanern, die glauben, beziehungsweise geglaubt haben, dass sich der Wert ihrer Häuser alle zehn Jahre verdoppelt. Demnächst wollten sie sich die Häuser dann alle gegenseitig verkaufen, um vom erzielten Gewinn einen sorgenfreien Altersruhestand zu genießen. Komisch, dass das nicht funktioniert hat. Aber das ist der Charme des Stirnhirnlappens: Er schenkt scheinbar logische aber trotzdem ziemlich unvernünftige Gedanken so beiläufig aus wie Drinks auf einer irischen Hochzeit. Es dauert nicht lange, bis die Gäste Schwierigkeiten bekommen, ihre Autoschlüssel zu finden, geschweige denn ihren Weg nach Hause.

Und in diesem Paralleluniversum treiben auch noch die Opfer von Bernie Madoffs Schneeballsystem. Die konnten beweisen, dass die Superreichen, mit all ihren Anwälten und Beratern, auch nicht klüger beziehungsweise genauso manipulierbar sind wie alle anderen Bewohner dieser schönen, neuen Welt, in der Milch und Honig fließen, ohne dass jemand seinen Anteil am Reichtum im Tausch für Waren und Dienstleistungen erarbeiten müsste. Und jetzt wo nichts mehr fließt, da sich die Realität des Marktes bemerkbar macht, haben unsere Zauberer und ihre Stirnhirnlappen noch eine grandiose Idee: Sie rufen nach dem Staat, dem größten Schuldner von allen. Ökonomien, die daran kranken, dass das Geld keinen realen Wert mehr hat, sollen dadurch gerettet werden, dass noch mehr Geld ins System gepumpt wird. Wie Mephistoles in Faust II raten sie dem König, das „Geld“ fließen zu lassen; abgesichert durch Schätze, die in der Zukunft noch gefunden werden müssen. Sie möchten sich also das Geld, das sie heute für ihr Leverage brauchen, von ihren Kindern, ihren Enkeln und inzwischen auch ihren Urenkeln, wenn nicht gar ihren Ururenkeln, leihen.

Da haben wir aber ein weiteres Problem mit unserer Wohlstandsgesellschaft: Die ist irgendwie etwas hedonistisch geraten. Kinder stören bei der „Selbstverwirklichung“ und beim shoppen. Die Generation der Baby Boomer sitzt jetzt in leeren Nestern. Die produktiven Enkel wird es nicht in ausreichender Zahl geben. Der Menschenzuwachs kommt aus malthusianischen Welten.

Das mögen schlechte Nachrichten sein. Aber irgendwie sind es auch gute Nachrichten: Der ganze bizarre Zirkus ist bald zu Ende. Diese Blase eines Paralleluniversums mit seiner Gutmenschenelite ist bereits am platzen. Allen „fortschrittlichen“ Intellektuellen, Systemverbesserern, Journalisten, Aktivisten, Fernsehmoderatoren, Künstlern und so weiter werden zwangsweise die Scheingeldhähne zugedreht. Ob es sich dabei nun um „Staatsknete“ handelt oder um die so genannte Luxussteuer, bei welcher derjenige Zauberer statusgemäß führt, der den hirnrissigsten Preis für die größte Abscheulichkeit zahlt, die man sich an die Wand hängen kann. Für in Formaldehyd eingelegte Haifische gibt es nie wieder Millionen. Dafür die ersten Entlassungen in Damian Hirsts Manufaktur.

„Wir gingen in unserem Gespräch ein paar der großen Debatten durch, die seit den siebziger Jahren das Land bestimmt haben ... und wir amüsierten uns königlich über die absurden Argumente, die gewechselt wurden und darüber, dass regelmäßig die absurdesten sich durchgesetzt haben. Nach einer kurzen Pause meinte mein Gesprächspartner: `Das wird alles in weniger als zehn Jahren erledigt sein.´ Ich teile diese Auffassung vollständig“, so Karlheinz Weißmann in „Unsere Zeit kommt“. Ich auch.


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