Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Zum 100. Geburtstag von Barry Goldwater: Ein libertärer Südstaatler auf der Suche nach der „Schweigenden Mehrheit“

von Gérard Bökenkamp

Seine Strategie ging nach seiner Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 1964 für die US-Republikaner auf

01. Januar 2009

Heute vor hundert Jahren, am 1. Januar 1909,  wurde in Phönix im Staate Arizona Barry Morris Goldwater geboren. Er war über fünf Legislaturperioden Senator seines Heimatstaates. 1964 trat er als Präsidentschaftskandidat der Republikaner gegen den demokratischen Amtsinhaber Lyndon B. Johnson an und verlor haushoch. Die meisten gescheiterten Präsidentschaftskandidaten werden vergessen. Es lohnt sich aber, sich mit Barry Goldwater zu befassen. Nicht nur, weil er unter den Präsidentschaftskandidaten des 20. Jahrhunderts eine der schillerndsten und interessantesten Figuren war, sondern auch, weil er eine politische Strategie entwickelte, die zwar erst später aufgehen sollte, aber die USA  für die nächsten Jahrzehnte prägte.

Senator Goldwater wollte in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die US-Republikaner auf einen grundsätzlichen Oppositionskurs zur herrschenden Linie der Demokraten bringen. Vor allem wollte er die starke Rolle des Staates seit dem New Deal zurückdrängen und für diese Politik eine konservative Mehrheit gewinnen. Sein bekanntestes Zitat bringt seinen Standpunkt deutlich zum Ausdruck: „Extremismus in der Verteidigung der Freiheit ist kein Laster.“

Goldwater entwickelte dafür eine Strategie, die „schweigende Mehrheit“ der Amerikaner anzusprechen. Er identifizierte ein Wählerpotential in den von der Bürgerrechtsgesetzgebung verunsicherten Wählern der Südstaaten-Demokraten. Diese Strategie ging langfristig auf und veränderte das regionale Wahlverhalten deutlich: Heute hat die Republikanische Partei ihren politischen Schwerpunkt in den Südstaaten, wie auch das Ergebnis der letzten Präsidentschaftswahlen wieder bestätigt hat. Das ist eigentlich ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Die Republikanische Partei war schließlich als Partei gegen die Ausbreitung der Sklaverei gegründet worden und ihr erster Präsident Abraham Lincoln hatte dem Süden im amerikanischen Bürgerkrieg eine vernichtende Niederlage beigebracht.

Mit Richard Nixon teilte Goldwater die Auffassung, dass eine „schweigende Mehrheit“ der US-Amerikaner  nicht mit den linken gesellschaftlichen Tendenzen der sechziger Jahre einverstanden war und dauerhaft der demokratischen Partei entfremdet werden konnten. Aber Mitte der sechziger Jahre war die Zeit dafür noch nicht gekommen. Als Goldwater im Wahlkampf dennoch an seinem radikalen Kurs festhielt, verhalf er Johnson zum bis dahin größten Wahlerfolg in der Wahlgechichte der USA. Erst der Vietnamprotest und das Scheitern von Johnsons Gesellschaftspolitik, der „Great Society“,  bereitetet den Boden und brachte 1968 Richard Nixon in das Amt des Präsidenten. Die Strategie eine strukturelle Mehrheit für die republikanische Partei durch den Aufbau einer breiten konservativen Wählerkoalition zu schaffen, wurde mit der „Reagan-Revolution“ vollendet. Es war die Politisierung der bis in die siebziger Jahre weitgehend unpolitischen evangelikalen Basis, durch die der Durchbruch erreicht wurde. Die christliche Rechte stellte eine große Zahl von Parteiaktivisten und schuf einen verlässlichen Wählerblock.

Allerdings war Goldwater selbst mit den Folgen dieses politischen  Erfolges zusehends unzufrieden. Die Zugeständnisse, die die Partei ihren evangelikalen Bündnispartnern machte, gingen ihm gegen den Strich. Er kritisierte den Einfluss der religiösen Rechten  auf den Kurs der Republikaner und sah in ihren politischen Ambitionen eine Bedrohung für das Privatleben und den Individualismus. Er sprach sich für die Aufrechterhaltung der bestehenden Abtreibungsgesetzgebung aus und gegen den Ausschluss von Homosexuellen aus dem Militärdienst. Dies wurde als Abweichung des McCarthy-Freundes und überzeugten Antikommunisten Goldwater von der konservativen Linie angesehen. Viel wahrscheinlicher ist, dass Goldwater unter Konservatismus schon immer primär einen „Extremismus der Freiheit“ verstand, der mit jeder Art von inhaltlichem Kompromiss nur schwer vereinbar war.

Barry Goldwater gehörte zu den Personen der Zeitgeschichte, die durch ihr (unvermeidliches)  Scheitern die Welt stärker beeinflussten als andere durch ihren politischen Erfolg.



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