06. Januar 2009

Gutes neues Jahr… Vor allem Gesundheit!

Über anderthalb Konventionen

Kein Brötchen, keine Zeitung kann man in diesen Tagen kaufen, ohne dass gratis der saisonal typische Wunsch mitgeliefert würde: Gutes neues Jahr! Die Häufigkeit, mit der wildfremde Menschen einander diese Konvention erweisen, verdeckt die durchaus unkonventionelle Verzahnung dahinter. Ein neuer Jahreskreis beginnt, und wider alle Lebenserfahrung möge dieser gut verlaufen – warum aber ausgerechnet er, warum ausgerechnet das Jahr 2009?

Und wer wüsste auch zu sagen, was für den einzelnen gut wäre? Ob nicht das vom Wünschenden erhoffte Gute geradewegs das Schlechte für den Bewünschten wäre? Für diesen wäre vielleicht ein gutes ein arbeitsreiches Jahr, wohingegen jener endlich einmal faul sein möchte, monatelang?

Der scheinbar harmlose Wunsch hat auch darin seine Tücke, dass er dem Neuen das Gute zutraut. Meistens ist der Mensch froh, ungestört weiterwursteln zu dürfen. Vermutlich ist also das die erste Bedingung, damit aus dem Unbekannten wieder das Gute werden kann: Die Unlust an der Zukunft, die reflexhafte Abwehr des Neuen müssen ad acta gelegt werden.

Aus den Kalamitäten soll gesprächsweise ein präzisierender Zusatz befreien. Mit verschwörerischer Privatgelehrtenmiene einigt man sich zwischen Kellner und Kunde auf das Postskriptum „vor allem Gesundheit“ und setzt damit auf eine Konvention deren anderthalbe. Niemand mag leiden, niemand mag ernstlich erkranken, doch wäre ein medikamentenfreies wirklich schon ein gutes Jahr? Fehlt da nicht das Entscheidende? Kann nicht auch ein von Krankheiten immer wieder angehaltener Zeitenlauf zur Güte sich runden, weil in den Pausen die Seele wächst, weil erst dann man klarer blickt auf sich und andere?

Léon Bloy gibt der Floskel „Vor allem Gesundheit“ die Ordnungsnummer 125 in seiner „Auslegung der Gemeinplätze“. Scheinbar stimmt er zu: „Pflege Dein Fleisch, Du hast nichts Kostbareres, und es wächst auch nicht nach. Mach es so haltbar wie möglich und ziehe daraus nach Kräften Genuss.“ Dann beruft Bloy sich tückisch auf einen betrügerischen und darum steinreichen Kaufmann. Dieser, ein gewisser Gibier, rühmt sich seiner Kunst, noch im dichtesten Gedränge Hosenknöpfe für Münzen auszugeben, „aber dazu braucht man Gesundheit, eiserne Gesundheit, denn man muss stets auf der Hut sein und sich nie einen Ruhetag gönnen“.

Für Bloy ist der Fall klar. Die Gesundheit muss der als das allerhöchste Gut preisen, dem an Reichtum und Macht alles gelegen ist. Den freundlichen Bäckern, Kellnern und Zeitungsverkäufern wird man heute nicht derlei unmoralische Geldgier unterstellen wollen. Und doch ist der konventionelle Höchstrang dieses Gutes frappierend.

Wie sähe eine Welt wohl aus, in der nicht das, was einem selbst widerfährt, sondern das, wodurch man anderen beisteht, die Güte eines Jahres ausmachte? „Lass Dir Deine Knochen angelegen sein“, schließt Bloy reichlich desillusioniert, „vor allem Gesundheit.“

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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