24. Januar 2009

Ökonomik Die Struktur der Produktion

Grundlagen der österreichischen Konjunkturtheorie

Ziel des Wirtschaftens ist die bessere Befriedigung individueller Bedürfnisse. Der Grund für die Produktion von Nahrung ist das Bedürfnis der Menschen, ihren Hunger stillen zu müssen. In der anbrechenden Keynes’schen Hochzeit wird dieser Umstand zunehmend verleugnet und durch die Behauptung ersetzt, Ziel des Wirtschaftens sei die Bereitstellung von Einkommen. Einkommen wird aber nur erzielt, um das Bedürfnis nach Nahrung befriedigen zu können. Die der Keynes’schen Lehre folgenden Versuche, angeblich ungenutzte Produktionsmittel durch staatliche Intervention zu stimulieren, ja sogar tote Unternehmen wie die meisten deutschen Banken zu reanimieren, erfolgen gemäß diesem Leitbild. Die Interventionen werden Menschen ein Einkommen ermöglichen, helfen jedoch nicht bei der besseren Befriedigung von Bedürfnissen. Denn das etwa den Bankern mittels Subventionen überlassene Einkommen geht auf Kosten derjenigen, die durch Inflation und Besteuerung dafür aufkommen müssen. Sie müssen mit Einkommensverzicht dafür bezahlen, dass Banker ein Transfereinkommen erhalten. Der den Bankern aufgrund der Transfereinkommen ermöglichten Befriedigung eigener Bedürfnisse stehen Transferbelastungen und erzwungener Verzicht auf Bedürfnisbefriedigung gegenüber.

Der Anlass für die politische Umverteilung der Einkommen zu den Bankern ist der Kapitalverbrauch der Banken. Die deutschen (nunmehr Klein-) Banken sind – wie an dieser Stelle schon vor Monaten ausgeführt – pleite. Sie haben Geschäfte getätigt, aus denen Verluste hervorgehen, die der Höhe nach das Eigenkapital der Banken übersteigen. Kurz: Die Banken sind überschuldet. Die Politik interveniert, um sie am Leben zu erhalten. Sie tut dies, weil sich zu den jetzigen Bedingungen nur wenige Investoren bereit finden, den Banken zu den derzeit gültigen Marktbedingungen Kapital zu überlassen. Die Ursache hierfür ist nicht zuletzt ein strukturelles Problem, das seit Jahren bekannt ist. Deutschland hat zu viele Banken und ist „overbanked“ – wie zynischerweise der damalige Vorstandsvorsitzende der Hypo Real Estate angab, eben der Bank, die nun mit unfassbaren Mengen Steuergeld am Leben gehalten wird. Dass Deutschland „overbanked“ ist,  sollte niemanden verwundern, denn was man subventioniert, davon erhält man mehr. Genauer gesagt: Man erhält mehr als nötig wäre, um die als Nachfrage manifestierten Bedürfnisse zu befriedigen. Die Produktion im Bankbereich geht demnach momentan an der Befriedigung der Bedürfnisse vorbei. Die von den Marktkräften angestrebte Beseitigung dieser Fehlproduktion wird von der Politik verhindert. Das gibt Anlass, zunächst anhand eines Beispiels über die Struktur der Produktion nachzudenken.

Wie eingangs formuliert, dient Wirtschaften der besseren Bedürfnisbefriedigung. Güter sind knapp. Die Verbraucher stehen um sie untereinander in Konkurrenz. Gleichzeitig konkurriert der Verbraucher von heute mit dem Verbraucher von morgen um die gleichen Güter. Güter können jedoch nicht nur konsumiert, sondern auch investiert werden. Ein Beispiel ist ein Bauer, der einen großen Acker als Kapital sein eigen nennt, von dem er einen Teil als Getreidefeld nutzt und der andere Teil brach liegt. Wenn der Bauer das Getreide erntet, muss er sich entscheiden, wie viel von dem Getreide er für die Aussaat aufspart und zu welchen Zeitpunkten er welchen Anteil seiner Ernte verkonsumiert. Konsumiert der Bauer die komplette Ernte, so übt er im wahrsten Sinne des Wortes Kapitalverzehr. Bewahrt er genau so viel Getreide für die Aussaat auf, wie er benötigt um im nächsten Jahr eine vergleichbare Ernte einzufahren, so sorgt er für den Kapitalerhalt. Spart er mehr Getreide auf, so besitzt er die Möglichkeit, im nächsten Jahr mehr Getreide als heuer zu ernten. Die Entscheidungen des Bauers bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Konsum und Investition, jeweils aber auch in zeitlicher Dimension.

Anhand dieses Beispiels ist die Verlockung des rudimentären Keynes’schen Ansatzes gut nachvollziehbar. Ein Teil des Ackers liegt brach und ist ungenutzt. Wäre es nicht besser, wenn der Acker zu hundert Prozent genutzt würde statt brach zu liegen? Es würde mehr Getreide produziert werden und alle hätten mehr Nahrung zur Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung. Allerdings wird dabei übersehen, dass der Bauer nur eine bestimmte Menge Getreide zur Verfügung hat. Er muss sich entscheiden zwischen Konsum und Investition, zwischen Aussaat und größerem Eigenverbrauch. Jede Entscheidung zugunsten des einen verringert die Menge der verfügbaren Güter für das andere. Mit anderen Worten: Das Kapital, mit dessen Hilfe die Produktion gesteigert werden kann, ist knapp.

Hinzu tritt – erweitert man das Beispiel – der Umstand, dass dem Bauer nur ein Pferdepflug zur Verfügung steht. Diesen nutzt er bei der Bewirtschaftung des Ackers zu hundert Prozent. Der limitierende Faktor einer größeren Produktion ist nun nicht mehr die Größe des Ackers oder die Menge verfügbaren Saatguts, sondern das dem Bauer als Hilfsmittel zur Verfügung stehende Gerät. Nun wird klar, dass die Produktion von mehr Getreide nicht nur Acker und Saatgut erfordert, sondern auch den Einsatz von mit Kapital beschafftem Gerät. Wenn der Bauer seinen Acker zu einem größeren Anteil mit Getreide bepflanzen möchte, so muss er statt des Pferdepflugs einen Traktor anschaffen. Erst dieser würde den Bauer in die Lage versetzen, seine Produktion zu steigern. Die Produktionssteigerung ist Folge einer kapitalistischeren Produktionsweise des Bauern.

Die Entscheidung des Bauern zieht einiges nach sich: Das Pferd und der Pflug mögen nun überflüssig sein und verlieren ihren Status als Produktionsmittel. Der Bauer müsste seine Investition in beides abschreiben. Andererseits dauert es viel länger, in der Fabrik einen Traktor herzustellen als ein Pferd zum Ackergaul auszubilden und einen Handpflug herzustellen. Die Produktion von Traktoren bedarf ganzer Fabriken und ihr Betrieb bedarf der Versorgung mit Treibstoff. Das hat Auswirkungen auf die Produktion von Getreide. Mit dem Einsatz von Traktoren statt Pferdepflug dauert es viel länger, bis der Bauer durch Hilfsmittel in die Lage versetzt wird, die gleiche Menge an Getreide zu produzieren.

Was anhand der Beispiele gezeigt worden ist, kann man auch abstrakter fassen. Jeder Übergang von einer Produktionsmethode von bestimmter durchschnittlicher Dauer zu längeren oder kürzeren Produktionsumwegen bedingt ganz bestimmte Änderungen im Aufbau der Produktion. Jeder Produktionsumweg bedarf unterschiedlicher Zwischenprodukte, deren Herstellung wiederum in Konkurrenz zum Konsum steht. Böhm-Bawerk, der als erster die Struktur der Produktion beschrieben hat, führt aus: „Jedes Kapital setzt sich seinem Wesen nach aus einer Masse von Zwischenprodukten zusammen, deren gemeinsames Ziel es ist, zu Genussmitteln auszureifen. Sie erreichen dieses Ziel durch die Fortsetzung des Produktionsprozesses, in dessen Verlauf sie selbst entstanden sind. Sie sind alle gleichsam unterwegs auf das Ziel der Genußreife. Der Weg, den sie bis dahin zurückzulegen haben, ist aber verschieden. Teils weil verschiedene Produktionszweige überhaupt verschieden weite Produktionsumwege einschlagen; der Bergbau oder der Eisenbahnbau z. B. viel weitere Umwege als die Holzschnitzerei. Teils aber auch, weil jene Güter, die den augenblicklichen Bestand des Volkskapitales ausmachen, sich auf sehr verschiedenen Punkten ihrer bezüglichen Produktionsbahnen befinden. Mit manchem Zwischenprodukt wurde ein weit ausholender Umweg eben erst betreten, z. B. mit einer Bohrmaschine, die einen Bergwerksstollen einzutreiben berufen ist; andere befinden sich in der Mitte, wieder andere, z. B. Kleiderstoffe, aus denen demnächst Röcke und Mäntel gefertigt werden sollen, nahe am Schlusse der gesamten zu durchmessenden Produktionsbahn. Das Kapitalinventar legt nun gewissermaßen einen Querschnitt durch die ungleich langen und ungleichzeitig begonnenen Produktionsbahnen und kreuzt sie dabei natürlich in den verschiedensten Stadien […].“ Böhm-Bawerk nutzt konzentrische Ringe, um die  verschiedenen Reifeklassen von Produkten zu versinnbildlichen. Je kapitalintensiver eine Produktion ist, desto mehr Zwischenprodukte benötigt sie und desto mehr Ringe zeigt das Bild. Je kapitalintensiver die Produktion ist, desto länger ist auch die Produktionszeit.

Dabei ist nach Mises die Vermehrung des Kapitalgüterbestandes unerlässliche Voraussetzung für das Einschlagen von Verfahren mit längerer Produktions- und demgemäß auch längerer Wartezeit. Er fährt fort: „Wenn man Ziele anstrebt, die weiter liegen, muss man die Produktionszeit verlängern, weil diese Ziele eben erst nach längerer Zeit erreicht werden können. Auch wenn man Verfahren einschlagen will, die bei gleichem Aufwand höhere Mengenergiebigkeit versprechen, dann muss man die Produktionszeit verlängern, weil man die Verfahren, die geringere Mengenergiebigkeit bringen, nur darum gewählt hat, weil sie schneller zum Ziele führen.“

Es lässt sich abschließend festhalten, dass Kapital die Voraussetzung für Produktion ist und beides nicht als Aggregat denkbar, sondern zugeschnitten auf die jeweilige Lage ist. Kapital und Produktion sind somit spezifisch und abhängig von den jeweiligen Umständen. Sie dienen immer den jeweiligen Bedürfnissen der Konsumenten. Wenn sich die Nachfrage ändert, dann ändert sich auch die Produktion. Bezogen auf die aktuelle Situation bedeutet dies, dass das Wegbrechen der Nachfrage nach hoch spezialisierten Finanzprodukten die Schließung von Investmentbanken oder solcher Abteilungen in Universalbanken bedeutet. Indem solche Banken mit Subventionen am Leben gehalten werden, wird die bisherige Struktur der Produktion im Bankwesen beibehalten. Dies zieht eine Verzögerung des Wiederanpassungsprozesses im Bankwesen an die Wünsche der Konsumenten nach sich. Je länger dieser Prozess dauert, desto größer werden die Belastungen sein, die die Politiker den Steuerzahlern und Inflationsgeschädigten zumuten. Die konservierten Einkommen der Investmentbanker sind Transfereinkommen und werden von denen bezahlt, die sich am wenigsten gegen den politischen Zugriff wehren können.

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Literatur:

  • Böhm-Bawerk, Eugen von – Positive Theorie des Kapitales, 4. Auflage, Meisenheim/Glan 1961 (1888), S. 136 ff.
  • Hayek, Friedrich August von – Preise und Produktion, Wien/New York 1976 (1931), S. 32 ff.
  • Mises, Ludwig von – Nationalökonomie, München 1980 (1940), S. 452 ff.

Internet:


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