27. Januar 2009

Wilhelm II Zum 150. Geburtstag des Kaisers

Bericht von einer Podiumsdiskussion mit Historikern

Der letzte deutsche Kaiser und preußische König Wilhelm II. war schon im Kaiserreich eine umstrittene Figur: Bei der breiten Bevölkerung durchaus beliebt aufgrund seiner Volksnähe, von den politischen Eliten für seinen Narzissmus verspottet und von den Gegnern gehasst. Im Ausland ist der Monarch vor allem durch die Kriegspropaganda der Entente-Mächte zur Personifizierung des größenwahnsinnigen Militarismus des Preußentums verklärt worden – nicht zuletzt einer der Gründe, warum das Deutsche Reich für den Ausbruch des ersten Weltkrieges verantwortlich gemacht wurde. Die historische Bewertung seiner Regentschaft wurde lange Zeit vom deutsch-britischen Historiker John Röhl und seiner These des „persönlichen Regiments“ geprägt, demzufolge Wilhelm II. die politische Hauptverantwortung für die desaströse deutsche Außenpolitik zu tragen habe, die zum Ausbruch des Krieges führte. In letzter Zeit wurde die Person Wilhelm II. aber dank der Biografien des australischen Historikers Christopher Clark und des Publizisten Eberhard Straub rehabilitiert, die das Bild eines gesellschaftlich engagierten Kaisers zeichneten, der sein Amt gewissenhaft auszufüllen suchte und dabei in Konflikt mit konkurrierenden Interessen geriet. Am heutigen Tag nun jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal. Zu diesem Anlass luden am vergangenen Donnerstag in der Humboldt-Universität zu Berlin die Verlage DVA und Landt, in denen die Arbeiten Clarks bzw. Straubs erschienen sind, zu einer Podiumsdiskussion mit den drei Historikern Röhl, Clark und Straub ein, von der hier berichtet werden soll.

Die Veranstaltung begann mit einer Enttäuschung, da Prof. Röhl leider aufgrund einer akuten Erkrankung nicht erscheinen konnte. Zur Vertretung war Prof. Gerd Krumreich erschienen, der an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf den Lehrstuhl für Neuere Geschichte inne hat und seit der Veröffentlichung seiner Enzyklopädie über den Ersten Weltkrieg als anerkannter Experte auf diesem Gebiet gilt. Nach ein paar einleitenden Worten erteilte der Moderator Prof. Bernd Sösemann von der Freien Universität Berlin zunächst den „Fürsprechern“ des Kaisers das Wort mit der Frage, welche Aspekte im Leben von Wilhelm II. den Biografen am meisten beeindruckt habe.

Prof. Clark antwortete im akzentfreien Deutsch und betonte die Ambivalenz der Regentschaft des letzten Kaisers. Als Medienmonarch sei er in der Öffentlichkeit sehr präsent gewesen durch seine Reden, die in den Zeitungen veröffentlicht wurden, Festveranstaltungen und Kulturereignisse. Kaiser Wilhelm II. habe sich modern und fortschrittsorientiert gegeben, was seine Schulpolitik, insbesondere die Förderung der Technischen Hochschulen bewiesen. Dazu passten seine politischen Ansichten, die den jungen Kaiser zu Beginn seiner Regentschaft bald in Konflikt mit dem damaligen Reichskanzler brachten. So war der junge Kaiser strikter Gegner des Bismarckschen Kulturkampfes und der damit verbundenen Repression der katholischen Kirche. Nach dem Rücktritt Bismarcks und der Ernennung Leo von Caprivis zum Reichskanzler wurden die Sozialistengesetze aufgehoben und zum ersten Mal Arbeitsschutzgesetze erlassen. Diese Reformen ergingen auf Druck des Kaisers, der sich als „König der Armen“ einen Namen machen und so die Loyalität der Arbeiter gewinnen wollte, die sich bis dahin allein von den erstarkenden Sozialdemokraten repräsentiert sahen. Neben den Aspekten, die den Kaiser als Modernisierer erscheinen lassen, betonte Clark in seinen Ausführungen auch seine rückwärtsgewandten Ansichten, insbesondere Wilhelms Verachtung der modernen Kunst und sein zur Schau getragener Militarismus, der legendär werden sollte (in der Tradition der Hohenzollern erschien Wilhelm II. bei offiziellen Anlässen stets in Uniform). Auch habe er als König von Preußen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs keinerlei Anstrengungen unternommen, das preußische Dreiklassenwahlrecht zu reformieren.

Eberhard Straub, der habilitierter Historiker ist und heute als Publizist für die „FAZ“, „Welt“ und „Berliner Zeitung“ schreibt, ließ sich zur Aussage hinreißen, Kaiser Wilhelm II. sei ein „Demokrat auf dem Thron“ gewesen. Politisch schwach, weil er Rücksicht habe nehmen müssen auf die parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse, versuchte er sich in der aufkommenden Mediengesellschaft in erster Linie als Volkstribun zu inszenieren, um nicht auf die Rolle einer „Unterschriftenmaschine“ reduziert zu werden. Er organisierte Hoffeste, an denen nicht nur adlige, sondern einfache Bürger teilnahmen, und er setzte sich massiv für den Aufbau staatlicher Kunstsammlungen ein, die in Museen öffentlich ausgestellt werden konnten, auf dass sich das gemeine Volk an der klassischen Malerei erfreute. Während sein Vorvorgänger Wilhelm I. in seiner Zeit als deutscher Kaiser die Residenz in Berlin praktisch nie verließ, nahm Wilhelm II. sein Amt als „deutscher“ Kaiser ernst und unternahm viele Reisen in das gesamte Reichsgebiet, so dass er bald spöttisch als „Reisekaiser“ bekannt wurde. Wilhelm II. war in seinem volksnahen Verhalten als Monarch geradezu vulgär. Er sei sich nicht mal zu schade gewesen, um als Werbefigur zu dienen. In Hinblick auf das Dreiklassenwahlrecht, das nur bei der Wahl des preußischen Landtags bestand, verteidigte Eberhard Straub den Kaiser, der gegen die Interessen der „privilegierten Bourgeoisie“ nur schwerlich etwas habe ausrichten können. Dazu gehörten nicht nur die Konservativen, sondern auch die Liberalen im preußischen Landtag, deren gemeinsame Mehrheit durch das unfaire Wahlsystem gesichert worden sei.

Prof. Gerd Krumreich kritisierte die beiden Vorredner, insbesondere Herrn Straub, dessen Darstellung des Kaisers als Demokraten er „bizarr“ nannte, für ihre mangelnde Distanz zum Thema. Mangelnde Distanz zum Subjekt sei ein grundsätzliches Problem von Biografien als historische Arbeiten, deren Autoren häufig eine starke Sympathie zu der biografischen Person entwickelten, was ihm sein eigenes Biografieprojekt zu Jeanne d’Arc gelehrt habe. Beiden Werken seiner Vorredner, so Krumreich, mangelte es an einer Auseinandersetzung mit den Schriften des Anti-Wilhelministen Röhl, der dem Kaiserreich seine im Vergleich zum Viktorianischen England oder Frankreich unfertige Demokratie vorwarf, den autoritären Regierungsstil und die Intoleranz gegenüber oppositioneller Kritik, welche belegt sei durch den Straftatbestand der Majestätsbeleidigung und der Pressezensur.

Darauf erwiderte Eberhard Straub trotzig, dass das Wilhelminische Zeitalter entgegen anders lautender Meinungen den freiesten deutschen Staat hervorbrachte, den es bis dato gegeben habe. Die Macht des Kaisers war verfassungsrechtlich beschränkt und das politische System parlamentarisch geprägt. Der Reichskanzler konnte zwar vom Kaiser ernannt werden, allerdings sei der Monarch de facto an die realen Mehrheitsverhältnisse im Reichstag gebunden gewesen. Außerdem sei Wilhelm II. seinen Kanzlern stets ein „loyaler“ Kaiser gewesen, auch, wenn es politische Differenzen gab. Das System habe man sehr wohl offen kritisieren können. Zum Beweis führte Straub die deutsche Sozialdemokratie an, die unter der Regentschaft von Wilhelm II. immerhin zur größten Bewegung seiner Art in ganz Europa geworden sei. Im Übrigen habe es nach Bismarcks Sozialistengesetzen keine Parteiverbote mehr gegeben, und im Kaiserreich seien Verfassungsschutzspitzel, die oppositionelle Parteien infiltrierten, unbekannt gewesen. Straubs Seitenhieb auf die politische Kultur der Bundesrepublik löste im Publikum gleich begeisterten Applaus aus.

Auch Prof. Clark führte den engen Handlungsspielraum des Kaisers an, der zwischen den Ministern der Reichsregierung, Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten sowie den Fraktionen im Reichstag und preußischen Landtag aufgerieben wurde. Eine mächtige Lobby, mit der Kaiser Wilhelm II. regelmäßig zusammen stieß, war beispielsweise der ostelbische Landadel, dessen Interessen durch konservative Parlamentsabgeordnete vertreten wurden, die sich für eine protektionistische Agrarpolitik und Steuersubventionen einsetzten, während der Kaiser sich für den Abbau von Handelshemmnissen im Reich und für den Ausbau von Handelswegen über neue Wasserstraßen einsetzte. Auch habe es häufig Konflikte zwischen der zivilen Verwaltung und dem Militär gegeben, insbesondere in den Kolonien, zwischen deren widerstreitenden Interessen der Kaiser vermitteln musste, weil die Befugnisse nicht verfassungsrechtlich geregelt waren. Als oberster Kriegsherr war nur der Kaiser gegenüber dem Militärapparat weisungsbefugt, der aber gleichzeitig erster Repräsentant des Staates war – der gesellschaftliche Riss zwischen Militär und Zivilleben sei also geradewegs durch seine Person verlaufen, so Prof. Clark.

Die letzten Minuten der insgesamt rund zweistündigen Diskussion drehten sich um die nationalistischen, teils säbelrasselnden Reden des Kaisers, aus denen Prof. Krumreich einige Zitate in die Runde warf, und die schon lange vor dem Ersten Weltkrieg für diplomatische Irritationen sorgten. Er erinnerte auch an den unverhohlenen Antisemitismus von Wilhelm II. Darauf zielte auch eine Zuschauerfrage eines Studenten ab, die von Prof. Clark beantwortet wurde. Dieser führte aus, dass alle seine antisemitischen Auslassungen, die er niedergeschrieben hatte, aus der Zeit im niederländischen Exil nach der Abdankung am 9. November 1918 stammten. In dieser Zeit, in der sich der alternde Wilhelm II. sehr verbittert zeigte, wetterte er nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen die Engländer, Katholiken und diverse andere Personenkreise, die den Zorn des ehemaligen Kaisers auf sich gezogen hatten. Dass Wilhelm II. eine Vorlage für den mörderischen Antisemitismus Hitlers lieferte, könne Clark aber nicht erkennen. Prof. Krumreich erwiderte, dass Wilhelm II., wenn vielleicht nicht bereits vom Beginn an, so doch zum Ende des Krieges, zum Radikalantisemit wurde – allerdings wie viele in den Reihen des Militärs und der Medien, weil man nach einem Sündenbock für den ungünstigen Kriegsverlauf suchte. Dieser strukturelle Antisemitismus kulminierte schließlich in der „Judenzählung“ in den Reihen des Heeres von 1916, die nach der Anschuldigung, jüdische Soldaten entzögen sich dem Fronteinsatz unverhältnismäßig oft, vom Kriegsministerium angeordnet wurde.

Angeregt durch eine weitere Zuschauerfrage endete die Podiumsdiskussion schließlich mit einem kurzen Ausflug zur Julikrise 1914 und den unmittelbaren diplomatischen Umständen, die zum Krieg führten. Der Diskussionsleiter, Prof. Sösemann, bedankte sich noch bei dem Künstler, der an die Kreidetafel des Hörsaals ein Porträt des Kaisers mit seinem charakteristischen Schnurrbart gezeichnet hatte. Die meisten Zuschauer verließen anschließend den Saal in Reih und Glied, gingen vorbei an den vielen Porträts der bedeutendsten Wissenschaftler der ehemaligen Friedrich-Wilhelms-Universität und entfernten sich vom Hauptgebäude über die alte Prachtstraße der preußischen Hauptstadt „Unter den Linden“.

Literatur

John C. G. Röhl, Wilhelm II. Band 1-3

Christopher Clark, Preußen: Aufstieg und Niedergang 1600-1947

Christopher Clark, Wilhelm II: Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers

Eberhard Straub, Kaiser Wilhelm II: Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne


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