29. Januar 2009

Brecht reloaded Erst die Moral, dann das Essen

Oder: Rot ist lecker

Es ist selten so, dass sich irgendwas aus dem Bereich gesellschaftlicher Phänomene in der Geschichte dauerhaft „einpendeln“ würde. Tut es einfach nicht! Weder in Erziehungsfragen, Sexualitätsnormen, Benimmregeln noch in Fragen von staatspolitischer Bedeutung. Das Pendel ist unermüdlich, wenn es auch auf manchen Gebieten schneller ausschlägt oder weiter ausholt als auf anderen. Mal braucht der Pendelsektor Jahrhunderte, ein andermal sind die Ausschläge innerhalb eines Menschenlebens nachzuvollziehen. Die große Uhr der Gesellschaftsformen etwa pflegt langsamer zu gehen als die kleine des Alltagskrams – in dem, was wir „Mode“ nennen, finden wir ein zackiges Pendelchen vor. Das menschliche Grundbedürfnis nach Nahrungsaufnahme und seine Kultivierung bildet ein Pendel ab, dessen Unruh so haltlos ist wie ein Fähnchen im Wind.

Bleiben wir im Bildlichen und werden konkret: Liese Müller ist 65 und beileibe kein Gourmet. Fisch mag sie nur in Stäbchenform, Käse nur überbacken, bei sämtlichen Kohlarten außer Brokkoli verweigert sie sich; die Reste wandern ohnehin täglich in den Müll. Sie dankt Gott, dass es mit dem Gebot, den Teller leer zu essen, endlich vorbei ist. Nie wurde bei Tisch von „den armen Kindern in Afrika“ gepredigt. Tochter Nicole pflegt andere Vorlieben bei quantitativ ähnlichem Ausschuss. Doch Mutters Speiseplanbiographie ist wesentlich umfassender. Bis 1958, dem Jahr ihrer Übersiedlung in den Westen, gab’s winters nur Kartoffeln, Sauerkraut und Rüben. Sonntags Fleisch, manchmal Kürbis und bis März zum Nachtisch Eingemachtes in trübem Zuckerwasser. Die vergangene Not war ihr keine Lehre, sie ist allenfalls nostalgisch vorgebrachte Referenz. Wenn schon Liese Müller nichts aus der eigenen – selbsterlebten – „Geschichte gelernt hat“, wie sollte es dann ums kollektive, unpersönliche Gedächtnis besser bestellt sein?

Eine Geschichte voller Entsagungen

Und doch ist der Ernährungsvollzug von Liese Müller genau wie der von Otto Normal eine Geschichte der Entsagungen. Schon lange nicht mehr aufgrund leerer Vorratskammern und schwieriger Verhältnisse, sondern wohl wegen des Gegenteils – der vollen Regale und Bäuche. Und wegen Politikern und anderen interessengebundenen Predigern, die nicht wissen wohin mit ihrem Überfluss an Regelungsbedarf und Gängelungssinn.

So ist es mit dem Pendel: Es braucht keinen greifbaren Anlass, um auszuschlagen. Wir gehen durch dick und dünn – jetzt eben auch ohne existentielle Notlage. Mit der Anti-Butter-Hysterie dürfte es vor ein paar Jahrzehnten begonnen haben. Das Volk folgte brav den fanatischen Vorgaben und stieg auf Margarine um. Als der Trend irgendwann abebbte und nur noch Omis Margarine kauften, erfand die Margarine-Industrie höchst erfolgreich die Gleichung „Lätta = potent & sexy“. Dem Cholesterin-Wahn folgten – alles im Namen von Gesundheit, Schönheit, später auch Wellness – FdH und unzählige Diätwellen, die wahlweise den Verzicht auf Fette, Kohlehydrate, Salz, Zucker oder Aromastoffe als überlebenswichtig oder wenigstens gesundheitsfördernd verkauften. Mal war die Kartoffel als Dickmacher verschrien, dann die Nudel (Weißmehl!), heute der Reis (klimaschädlich!). Die Mittelmeer-Welle beschwor den Nutzen des Olivenöls, die Mittelmeer-Ebbe verbannte jegliches Fett vom Teller.

So weit – kein Problem: Jedem das Seine. Womöglich ist es eine Art anthropologisches Grundbedürfnis, auch bei Kriegs- und Notlagenmangel (und welcher Christ hält sich heute eigentlich noch konsequent an die Fastenzeiten?) gelegentlich Zeiten der Askese durchzuleiden. Vielleicht ist das die relative Konstante inmitten des Pendelschlags: Die Großeltern litten an Hunger, die Enkel an Essstörungen.

Zwanghaftes Richtigessen

Neben Fett- und Magersucht sowie dem sinnfälligsten Krankheitssymptom unserer Zeit, der Bulimie (Ess-Brech-Sucht, man schätzt deutschlandweit eine knappe Million Betroffener) gibt es eine Störung, die bislang nur Randgruppen betrifft, die sogenannte Orthorexie. Das Krankheitsbild ist psychiatrisch umstritten. Übersetzen könnte man dieses Lifestylephänomen als „zwanghaftes Richtigessen“. Wer je für einen vegetarisch lebenden Gast fleischlose Bratlinge zubereitet hat, diese aber gemeinsam mit Frikadellen für die seelenarmen Mitgäste auf einem Tablett servierte und sich dann im Ernst nach einem „Nein, danke“ sagen lassen musste, dass Kontamination auch durch bloße räumliche Nähe des Angerichteten geschieht, weiß, wovon die Rede ist. Bei Orthorektikern ist die Gleichsetzung Ernährungsphilosophie gleich Ersatzreligion in Perfektion vollzogen. Einerlei, ob sie vegan, ayurvedisch, makrobiotisch oder blutgruppendiätisch leben: die ideologisch verkrampfte Ausprägung macht den Orthorektiker aus.

Schaut man allerdings auf offizielle und offiziöse Zahlen über mutmaßlich Fehlernährte in der BRD, scheint es, als wären die sturen Gesundesser (die, zugegeben, selten fett sind) die Einäugigen unter Blinden. 39 Millionen Bundesbürger seien übergewichtig, heißt es – Kinder nicht mitgerechnet. Unter denen sei jedes dritte zu dick. Rechnen wir noch die Magersüchtigen, Bulimiker und sonstigen Essgestörten hinzu, wird’s ganz dünne, was den mutmaßlichen Prozentsatz an normalgewichtigen Gesunden betrifft.

Als Frage bleibt: Sollen wir von Deutschland als einem ernährungstechnischen Katastrophengebiet reden – oder besser von Alarmismus? Letzteres würde heißen, die Orthorexie, der Gesundernährungswahn, habe übergegriffen auf Politiker, Gesetzgeber und deren Vermittler, die Medien. Dass dem so ist, legen einige Indizien nahe.

Rot steht für „lecker“!

Im Juni letzten Jahres haben die deutschen Verbraucherschutzminister der Länder eine europaweit verpflichtende Warn-Kennzeichnung von Lebensmitteln gefordert. Das Stichwort heißt „Ampel“ und orientiert sich am sogenannten „sign-posting“, das bereits durch die britische Lebensmittelbehörde vorexerziert wurde. Dort ist das „multiple traffic light“ zwar nicht vorgegeben, aber üblich. Klar, Großbritannien wieder mal: Vorreiter in puncto höchstamtlicher politischer Korrektheit. Vorgesehen ist, dass der Gehalt an Fett, Salz, Zucker und gesättigten Fettsäuren auf der Vorderseite des Produkts farblich markiert dargestellt werden muss. Nahegelegt werden sollen in etwa folgende Botschaften: Grün = mehr davon, gelb = Achtung!, rot = Zähne besser zusammenbeißen. Die britische Food Standard Agency hat das freilich didaktischer formuliert. Rot heißt demnach: „Es ist schön, dieses Lebensmittel gelegentlich als Leckerei zu essen. Pass aber auf, wie oft du zugreifst, und versuche, es in kleinen Mengen zu essen!“ Die Sache, von sämtlichen Verbraucherschutzinitiativen vorangetrieben, hat unzählige Haken: etwa, dass der Rahmkäse in puncto Fettgehalt den gleichen roten Punkt erhielte wie der fettreduzierte Magerkäse, und dass „ungesundes“ Weißbrot bezüglich seines Salzgehalts besser abschnitte als das genuin salzigere Vollkornbrot. Oder, dass für den Verbraucher unklar bliebe, wieweit er den Mund öffnen dürfte, wenn die Ampel bei ungesättigten Fettsäuren und Zucker auf grün stünde, beim Gesamtfettgehalt jedoch rot aufleuchtete. Studien über eine Änderung des Ernährungsverhaltens britischer Ampel-Käufer liegen nicht vor. Wohl aber eine Untersuchung der Universität Maastricht: Demnach verzehrten Kinder mehr von bestimmten Imbissen, wenn sie zuvor durch eine rote Kennzeichnung erfahren hatten, dass dieses Produkt eher nicht gegessen werden sollte. Klar: Rot steht für lecker!

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt Professor Joachim Westenhöfer von der Hamburger Universität für Angewandte Wissenschaften, der die möglichen Ampel-Auswirkungen unter die akademische Lupe genommen hat. Er sprach angesichts der Ergebnisse von der „perfektesten Null-Korrelation“, die er je gesehen habe. Damit kommt er von den Kritikpunkten im Detail zur Hauptsache: „Verständlichkeit schlägt sich nicht automatisch in Verhalten nieder.“ Genau – das kennt man ja. Wer wüsste nicht, dass Fernsehkonsum Kindern abträglich ist – und wie viel tägliche TV-Stunden sind es dennoch im BRD-Schnitt? Wer kennt nicht zahlreiche Verhütungsmethoden – und wie viele Abtreibungen sind es jährlich? Ach, das Trägheitsmoment des rundum aufgeklärten Verbrauchers ist unermesslich. Wo ist der Bürger, der nicht wüsste, dass Cola und Chips genau wie ungeschützter Sex Dickmacher sind? Verlangt er, dem das Schutzvorhaben doch gelten soll, also nach einer Ampel, die ihm ultimative Grenzen aufzeigt? Hier wird es komisch: Laut Eurobarometer fällt es Dreiviertel der Deutschen leicht, sich gesund zu ernähren. Die von Ex-Minister Seehofer (erst Ampel-Gegner, dann Ampel-Freund) in Auftrag gegebene Gegen-Umfrage (Infratest-dimap) ergab hingegen, dass 60 Prozent der Deutschen mangelndes Wissen über korrekte Ernährung beklagten.

Portionsweise Bürgerentmündigung

Eins dürfte klar sein: Dass dem „Fressen die Moral“ (Bertolt Brecht, imperativisch gesprochen: Brecht!) folgt, wird demnächst im Umkehrschluss gültig sein. Etliche Alternativmodelle zur Ampel stehen zur Debatte – ein Verzicht auf verpflichtende pädagogisch-gängelnde Kennzeichnung ist passé. In Frage käme unter anderem das in Skandinavien lange schon gängige Schlüsselloch-Symbol, das „gesunde“ Produkte (etwa Magermilch, jedoch keine Vollmilch) auszeichnet oder das niederländische „Ik Kies Bewust“-Logo (deutsch: „Ich esse bewusst“), mit dem neben Großkonzernen wie Campina und Unilever über 100 andere Unternehmen ihre Produkte als irgendwie gesundheitszuträglich bewerben. Größter Ampel-Konkurrent in Deutschland aber ist die bereits vielfach gehandhabte Guideline-Daily-Amount-Angabe (GDA). Damit soll, kategorisiert in „kritischen“ Nahrungsanteilen wie Fett und Zucker, der jeweilige Richtwert für die Tageszufuhr prozentual kategorisiert werden. Ein unermessliches Zahlenspektakel! Messgröße hierbei ist der Wert pro „Portion“. Ob das beim Schokokeks ein einziger oder nicht besser weil wahrscheinlicher fünf wären, entzieht sich der Maßregelung. Ausgegangen wird dabei zudem beispielsweise von einem 2.000-Kilokalorien-Bedarf für die als heterogen angenommene Bevölkerungseinheit „Frauen“: Während die Greisin hierbei verstopfen würde, mag die vielbeschäftigte Landfrau abmagern. Die Ausgangslage ist ohnehin illusorisch – wer stellt sich schon mit einem Taschenrechner vor Supermarktregale? Ähnlich konfus verhält es sich mit den anderen Werten, etwa dem Zuckergehalt. Auf Süßigkeiten und der Apfelsaftpackung wird er auszuweisen sein, nicht aber auf der Banane und der Apfelsine – hier verzweifelt selbst der willfährige Rechenkünstler.

Die bevorstehende Kennzeichnungspflicht – wie auch immer ausgestaltet – ist nicht nur verwirrend, sie ist ein weiterer Baustein auf dem politischen Spielbrett der Bürgerentmündigung. Dass sogar die verbraucherschutzaffine „taz“ diesbezüglich von „Infantilisierung“ schreibt, spricht Bände. Man möchte rufen: Esst, Bürger, um zu leben – oder halt: bis ihr platzt!

Vermutlich kostete das Verfassen dieses Artikels etliche Kalorien weniger, als sich im gleichzeitig von der Autorin geleerten Erdnuss-Tütchen befanden. Ein Leckerbissen, dessen Verpackung uns womöglich bald vollrot (Moment, nein, Zucker ist nicht drin!) anschreien dürfte. Ein erzwungener Warnhinweis (für Allergiker) ist allerdings bereits aufgedruckt: „Produkt kann Spuren von Nüssen enthalten“.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 89.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Ellen Kositza

Über Ellen Kositza

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige