17. Februar 2009

Rezension des Romans „Ruhm“ Kehlmann und die andre Welt

Die Sehnsucht nach dem Ende aller Politik

Kehlmann lesen heißt Siegen lernen: Wer wissen will, wie man erfolgreiche Romane schreibt, dem kann nicht unbedingt der Besuch eines Seminars für Creative writing empfohlen werden, wohl aber die Lektüre des Ruhm verstetigenden „Ruhms“ von Daniel Kehlmann. Das neue Buch suchte und fand eine derart große Leserschar, dass es raketenschnell die ihm gemäße Position in der Bestsellerliste einnahm, den ersten Platz. Was begehrt das deutsche Publikum hier so händeringend?

Das perlende Parlando beherrscht der Autor von „Die Vermessung der Welt“ auch im ungleich schmäleren „Ruhm“, diesem „Roman in neun Geschichten“. Humorig geht es obendrein zu, doch nicht zotig; man schmunzelt, ohne unter sein Niveau zu sinken. Als running gag etwa fungiert die Klage über eine weltweit schlechte Küche. Die Frau des Datentechnikers Ebling kocht „erbärmlich schlecht“. In einer ehemals sowjetischen Teilrepublik wird eine Krimi-Schriftstellerin stets „mit fettem Fleisch und Mayonnaise“ abgespeist, „mit schwartigem Schweinebraten“. Der korpulente Sachbearbeiter Mollwitz wiederum schlingt hemmungslos das Hotelfrühstück in sich hinein, „Mutter macht ja kein gutes Breakfast“.

Der nörgelnde, kulinarisch unterforderte Deutsche ist nicht die einzige Figur mit Identifikationspotential. Fast alle Personen in diesem Geschichtenkarussell, das dann doch kein Roman wurde, drängt es nach Irrealisation ihrer selbst. Sie wollen werden, wie die Botschaften der Kommunikationsgeräte, die sie umgeben: virtuell, fiktiv, nur möglich statt gewiss. Gerade die avancierten Techniken sollen einem atavistischen Ziel dienen. Der Mensch, seiner Gegenwart (und seiner selbst) überdrüssig, will, wie es Prince Leonce in Georg Büchners Lustspiel ausdrückt, „sich einmal auf den Kopf sehen.“ Und Leonce setzt hinzu: „Das ist eins von meinen Idealen. Mir wäre geholfen.“

Indem Datentechniker Ebling durch eine falsche Handynummervergabe in ein fremdes Leben eindringt, gelingt ihm tragisch das. Er schaut sich selbst dabei zu, wie er ein anderer wird. Mollwitz hingegen bedrängt einen Schriftsteller, damit dieser ihn zu einer Romanfigur mache. Er weiß, „wer ihn trifft, kann in einer Story auftauchen.“ Er will so „sich selbst übertragen in was andres“ und erfährt schließlich, nachdem seine Versuche nicht fruchteten: „Ich hab für immer nur mich. Immer bloß hier, auf dieser Seite, auf der andren: never. Keine andre Welt.“

Auch das übrige Personal will seinen jetzigen Status oder gar, wie die krebskranke Rosalie, die ganze Existenz überwinden durch Technik. Mit Handy oder Internet, mit Pillen, Spritzen oder der klassischen Verwandlungskunst, dem Schreiben, soll das Dasein momentweise transzendiert werden. Alles, sagen sich die Kehlmannschen Figuren, ist besser als immer nur eine Frau, die nicht kochen kann, immer ein Beruf, der langweilt, eine Krankheit, die schmerzt.

Diese Sehnsucht nach einem zweiten Dasein, nach dem Parallelleben, in dem man endlich ganz Herr seiner Umstände ist, zeitigt zwar fatale Folgen – Tod oder Kündigung oder Karriereende. Zugleich aber fühlt sich ein sehr großes Publikum dadurch an- und ausgesprochen. In der Postmoderne plötzlich und dank Technik ein ganz anderer sein, ohne Nostalgiker oder Aussteiger werden zu müssen: diese individualistische Utopie hält Kehlmanns „Ruhm“ auf Trab. Es ist die Sehnsucht nach dem Ende aller Politik. Dass sie scheitert, belegt ihre Unmöglichkeit ebenso wie ihre Unbesiegbarkeit.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der „Süddeutschen Zeitung“ und bei „Cicero“, und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier.


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