21. Februar 2009

Comedy Von Volker Pispers bis Christian Ulmen

An den staatstragenden Massen vorbeigelacht

Die wichtigste Aufgabe von Humor ist es, gute Laune zu verbreiten und somit der Gesundheit zu dienen. Und am gutgelauntesten und befreiendsten lacht es sich wahrscheinlich dort, wo als Zielscheibe des Spotts die tonangebenden Mächtigen oder der allmächtige Pöbel (auch „die Massen oder „die Mehrheit“ genannt) herhalten müssen. Natürlich möchte man auch bei einem Witz gerne die eigene Meinung bestätigt sehen, auch wenn aufs Korn genommene Populisten bei Büttenreden oder auf dem Nockherberg gerne mal öffentlichkeitswirksam demonstrieren, dass sie auch über sich selbst lachen können. Schließlich gilt es zurecht als Zeichen einer zivilisierten Souveränität, wenn man im Falle eines humoristischen Angriffs nicht beleidigt reagiert, sondern humorvoll kontert. Mir ist leider nicht bekannt, wie Barack Obama es aufnahm, als Silvio Berlusconi ihn als sympathisch und „gut gebräunt“ bezeichnete, aber anderen Zielgruppen wie etwa Muslimen, Schwarzen, Homosexuellen und oft auch Frauen traut man offenbar die besagte Souveränität nicht zu, wenn man wie in Großbritannien einen gut gebräunten Tennisspieler nicht scherzhaft nach einer dunkel ausstaffierten Puppe, dem Golliwog, bezeichnen oder einen Pakistaner nicht zum Paki abkürzen darf, ohne seinen Arbeitsplatz zu verlieren oder zu einem Antirassismus-Training verdonnert zu werden, wie dies der BBC-Journalistin und Margaret-Tochter Carol Thatcher bzw. dem noch nicht vollends auf politisch korrekte Art sozialisierten Prinz Harry passierte.

So lässt sich Humor mit all seinen Unterarten wie Satire, Comedy, Witzen oder Karikaturen heutzutage in zwei Kategorien einteilen: Die erste Kategorie ist der staatstragende, politisch korrekte Humor, also alles, worüber auch Politiker, Mainstream-Journalisten und andere Prominente herzlich lachen dürfen, ohne dadurch irgendeinen Image-Schaden davonzutragen, etwa Witze über gierige Banker und Kapitalisten, Eva Herman oder George Bush. Die zweite Kategorie ist der politisch unkorrekte Humor, also alles, was bei Politikern und staatstragender Journaille Stirnrunzeln auslöst und Tabus der vorherrschenden Zivilreligion bricht, wenn etwa Witze über vermeintlich schutzbedürftige oder schnell beleidigte Minderheiten und Lobbygruppen gemacht werden oder an Konsens-Wahrheiten wie dem Klimawandel, dem bösen Wesen des Kapitalismus oder dem guten Wesen der EU gekratzt wird. Man erkennt diesen Humor vor allem an einem demonstrativ gequälten und gehüstelten Lachen der Rezipienten, welches besonders dann auftritt, wenn man den betreffenden Humorproduzenten eigentlich in die bevorzugte erste Kategorie eingeordnet hatte.

Ein schönes Beispiel ist Volker Pispers. Der ansonsten sehr mehrheitskonforme Komödiant überrascht als französischer Wirt Henri mit feinen Spitzen gegen linke islamfreundliche Emanzen und gegen den Windmühlenkampf gegen Rechts von autonomen antifaschistischen Ausländerfreunden, für die ein Ausländer niemals ein Faschist sein könne. Außerdem gibt Henri sich als Antidemokrat, der sein Leben nicht von Mehrheitsentscheidungen abhängig machen möchte und es abwegig findet, dass jemand, der zu blöd für einen Hauptschulabschluss ist, das gleiche Stimmrecht hat wie er selbst. Auch in einer Familie würde man ja schließlich nicht alles von der Mehrheit abhängig machen wollen. Wahrscheinlich bekämen die Deutschen deswegen im Schnitt nur ein Kind, um wenigstens zuhause der Diktatur der infantilen Mehrheit zu entgehen. Wer Volker Pispers jetzt sympathisch findet, sollte sich aber lieber zunächst einmal sein restliches Programm anschauen.

Da ist Dieter Nuhr schon etwas subtiler, so subtil schon, dass seine Komik schon fast zum Wiedenroth’schen Klartext gerinnt, etwa wenn er sich ausmalt, welche Folgen eine falsche Toleranz gegenüber islamischer Intoleranz nach sich zieht. Solche Botschaften würde ein Harald Schmidt allenfalls in mehrfacher ironischer Gebrochenheit transportieren. Aber auch die brachiale Imitationskomik eines Oliver Kalkofe lässt sich oft auch für einen Staatsfeind mit Gewinn goutieren, etwa wenn er die unsäglichen Werbespots der Zwangs-TV-Geldeintreiber persifliert.

Kaum noch ein Geheimtipp sind mittlerweile die Sketche des Schauspielers („Herr Lehmann“) und Komödianten Christian Ulmen, die auf seiner Internetplattform ulmen.tv präsentiert werden. Unter dem Vorwand, Reality-Soaps zu drehen, werden diverse Gutmenschen hinters Licht geführt und auf die Schippe genommen. Christian Ulmen spielt dabei von einem Kamerateam begleitete Figuren wie etwa den schrulligen Armen-Mäzen und Journalisten Alexander von Eich, dem jegliche politische Korrektheit fremd ist. So begleitet er die bilderbuchmäßig gespielte Hartz-IV-Familie Erdmann als paternalistischer Mentor zu einem freundlichen Beamten der Agentur für Arbeit oder auch zu einer Vermittlerin für Sozialreisen und irritiert die Amtspersonen durch Vorschläge wie etwa, dass die Tochter der prekären Sippe einen Job als Stripperin anstreben sollte. Und in einem Interview mit der kurdischstämmigen Linkspartei-Vertreterin Evrim Baba gibt von Eich zu erkennen, dass er Multikulturalität nicht immer als Bereicherung empfindet, woraufhin die Jungpolitikerin das Gespräch entnervt abbricht. Eine der weiteren vielen Ulmen-Figuren ist der vor Lässigkeit fasst zergehende Rastalocken-Hippie Maurice, der zum Beispiel dem Besitzer eines Hanfmuseums, der sehr auf die Seriosität seiner Einrichtung bedacht ist, das Leben schwer macht und alle Vorurteile, die man gegen Hanf-Freunde haben könnte, jubilieren lässt. Als exaltierter und talentarmer Hamburger Blödelbarde Knut Hansen wiederum demaskiert er die Spießigkeit bayerischer Provinzgranden.

Ulmen wird wahrscheinlich später einmal als Pionier der Online-Comedy gelten. Humor ist eine mächtige Waffe, um liebgewonnene politische Meinungsbruchstücke zu pulverisieren, und da sich bis auf wenige Ausnahmen in den etablierten Medien nur Konsens-Humor findet, gibt es noch einen riesigen unerschlossenen Humormarkt, der bislang ohne Zensurgefahr im Internet bedient werden kann. Und vielleicht haben ja auch Komödianten wie Volker Pispers entdeckt, dass es auf Dauer keinen Spaß macht, mit seinem Humor immer nur offene Mehrheitstüren einzurennen und dass konformes Massengelächter humoristisch fragwürdig ist und die Gefahr totalitärer Gleichschaltung birgt.

Internet:

Ulmen.TV

Dieter Nuhr über den Islam

Volker Pispers über Antifaschismus und Demokratie

Oliver Kalkofe über GEZ-Gangsta

Oliver Kalkofe imitiert eine GEZ-Werbetussi

Satiremagazin Gustloff


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Naomi Braun-Ferenczi

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