27. Februar 2009

Drei Jahrzehnte islamische Revolution Sex, Drogen und demographischer Absturz

Über das Scheitern der totalitären Theokratie im Iran

Mit der Islamischen Revolution im Iran, bis dahin Persien, ist es nicht anders als mit fast allen Revolutionen, die zu einer Übernahme der staatlichen Gewalt durch die Revolutionäre führen. Am Beginn der Revolution steht Leidenschaft und Fanatismus, nach einigen Jahrzehnten bürokratischer Herrschaft bleibt noch Korruption und Zynismus und materieller Egoismus übrig.

Aus den einstigen Gipfelstürmern sind dann feiste Funktionäre geworden, die sich nur noch durch Verwaltung, Polizei und Geheimdienste an der Macht halten. Sie käuen zwar noch die alten idealistischen Phrasen wider, diese haben aber längst ihre einstige Strahlkraft verloren. Um der Strafe zu entgehen, verhalten sich die Leute nach außen hin konform, empfinden aber in Wirklichkeit Häme und Verachtung für den religiös-ideologischen Popanz, der ihnen vorgeschrieben wird. Darin gleichen sich die islamische Republik Iran, Kuba und die Sowjetunion kurz vor ihrem Untergang.

Wo der Islamismus in der Opposition ist, besitzt gerade sein rigoroser und brutaler Moralismus Charisma und Anziehungskraft für die Massen. Dort, wo er als erstes die Macht ergriffen hat, kollabiert gerade das kulturelle und soziale Fundament seiner Weltanschauung.

Man betrachte den Kontrast: Ich erinnere mich an ein Fernsehinterview, in dem Alice Schwarzer von ihrer Reise in die Region zur Zeit der islamischen Revolution berichtete und beschrieb, wie schockiert sie darüber war, dass junge Akademikerinnen freiwillig ihr Gesicht verhüllten. Der Weltspiegel berichtete aus dem heutigen Iran über ein Ski-Erholungsgebiet, wo junge Iraner Urlaub machen und die Frauen sich als erstes des störenden Kopftuches entledigen. Offenbar hat die islamische Revolution in den Köpfen der Menschen dort das Gegenteil von dem erreicht, was eigentlich ihr Ziel war.

Nun kann man das für Einzelbeispiele halten, aber das Datenmaterial spricht dafür, dass sich im Iran eine kulturelle Revolution ereignet, die mit der Ideologie der islamischen Revolution nichts mehr zu tun hat. Der Iran erlebt seit der islamischen Revolution eine beispiellose demographische Implosion. Im Jahr 1990 gab es im Iran noch etwa 5,6 Geburten pro Frau, im Jahr 2000 waren es noch 2,5 Geburten pro Frau und im Jahr 2007 waren es nur noch 1,7 Kinder pro Frau. Damit ist das muslimische Land hinter den „großen Satan“ USA zurückgefallen.

Für den islamische Fundamentalismus ist eine strenge Sexualmoral (besonders für das weibliche Geschlecht) von großer ideologischer und emotionaler Bedeutung. Die demographische Entwicklung weist allerdings darauf hin, dass sich die Lebenspraxis und die Einstellung zur Sexualität in der jungen Generation ganz anders entwickelt hat, als Ayatolla Chomenei und seine Mitstreiter es sich vorgestellt hatten. Der populäre Blogger "Spengler" der Asia Times hat in seinem Beitrag zu diesem Thema auf Erkenntnisse der Teheraner Polizei hingewiesen, nach denen in der Hauptstadt Teheran die Prostitution zu einem weit verbreiteten Nebenverdienst für Akademikerinnen geworden wäre. Es spricht viel dafür, dass es nicht Armut ist, die die jungen Frauen dazu zwingt, sondern die Lust, am Luxus der Oberschicht teilzuhaben.

Der Vergleich zum angeblich so dekadenten Westen muss gerade für streng gläubige Muslime also ernüchternd ausfallen. Schließlich war die iranische Theokratie ja von den islamischen Revolutionären als Gegenmodell zur westlichen Gesellschaftsform gedacht. Viele iranische Bürger ziehen aber den diesseitigen Rausch, den jenseitigen Heilsversprechen der Revolution vor.

Je nach Schätzung sind zwischen zwei und fünf Prozent der Iraner drogenabhängig. Besonders die Nähe zu den Opium-Anbaugebieten in Afghanisten hat zu einer Explosion der Zahl der Heroinabhängigen geführt. Der weitverbreitete Bereitschaft zum Mißbrauch von Drogen spricht nicht dafür, dass die Menschen ihr persönliches Glück im Glauben gefunden und dem Hedonismus abgeschworen haben. Die Menschen treten stattdessen die Flucht vor der erbärmlichen Realität an, die das theokratische Regime ihnen zu bieten hat.

Trotz Abschottung und antiwestlicher Propaganda finden sich also im Iran alle Zivilisationskrankheiten in gesteigerter Form, für die der Westen von den Fundamentalisten gegeißelt wird. Wenn sie den Schah nicht vertrieben hätten, wäre ihnen wenigstens die Vorstellung geblieben über ein alternatives, dem Westen überlegenes Modell zu verfügen. Heute gilt statt dessen für die islamische Republik Iran: Kein System ist so schlecht, als dass es nicht noch zur Widerlegung seiner eigenen Irrtümer dienen kann.

Die Entwicklung im Iran nach der islamischen Revolution ist eine beispielhafte Widerlegung des „moralischen Etatismus“. Moralischer Etatismus bedeutet, dass dem Staat die Funktion zugesprochen wird, die sittlichen Grundlagen der Gesellschaft zu überwachen und moralische Verfehlungen aktiv zu bekämpfen. Staatliche Bevormundung in sittlichen Fragen und Moral-Terror bringen in der Regel aber genau jenen extremen Materialismus und hedonistische Lebenseinstellung hervor, den sie vordergründig bekämpfen sollen.

Nach drei Jahrzehnten hat sich die islamische Revolution im Iran selbst widerlegt und aufgezeigt, welche Zukunft eine fundamentalistische Bewegung erwartet, wenn sie erst einmal für einige Jahrzehnte die Macht ausübt.


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