04. März 2009

Literatur Wiedersehen mit Philip Marlowe

Pünktlich zum 50. Todestag beschenkt uns der Diogenes-Verlag mit dem Besten von Raymond Chandler

Von Raymond Chandler und seinem Helden, dem Privatdetektiv Philip Marlowe, kann man nicht genug bekommen. Der Autor, der immer darunter gelitten hat, „nur“ als Verfasser von Kriminalromanen zu gelten, ist am 26. März 1959 gestorben. Pünktlich zum 50. Todestag bringt der Diogenes-Verlag die Romane, Geschichten, Essays und die Standard-Biographie von Frank MacShane neu heraus. Die sieben Marlowe-Romane gibt es beispielsweise für 55 Euro in einem schönen Schuber. Knapp 2.000 Seiten pures Lesevergnügen, auch wenn die Romane durchaus von unterschiedlicher Qualität sind.

Im Jahr 1990 hat das Bochumer Krimi-Archiv in einer großen Umfrage bei Krimi-Kritikern, Buchhändlern und Autoren nach den ihrer Ansicht nach besten Kriminalromanen gefragt. Heraus kam eine Liste mit 119 Titeln. Chandler belegt mit „Der lange Abschied“ den zweiten, „Der tiefe Schlaf“ den dritten, „Lebwohl, mein Liebling“ den siebten, „Das hohe Fenster“ den neunten und „Die Tote im See“ den zehnten Platz. Auf Platz eins der Liste rangiert übrigens „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, das 1934 erschienene Depressionsdrama von James M. Cain, das später mit Jack Nicholson und Jessica Lange verfilmt wurde.

„Ein Proust im schmierigen Overall“

Der erste Platz für Cain hätte Chandler sicher geärgert, denn in einem Brief an Blanche Knopf vom Oktober 1942 hielt er fest: „Hammett ist schon gut. Allen Respekt vor ihm. Es gibt eine Menge Sachen, die er nicht konnte, aber was er machte, das machte er glänzend. Dagegen James Cain – puh! Alles, was er anfasst, riecht nach Ziegenbock. Er vereinigt als Autor alles auf sich, was ich verabscheue, ein faux naif, ein Proust im schmierigen Overall, ein schmutziger kleiner Junge mit einem Stück Kreide und einem Bretterzaun, und keiner sieht hin. Solche Leute sind der Abschaum der Literatur, nicht weil sie über schmutzige Dinge schreiben, sondern weil sie es auf eine schmutzige Art tun. Nichts hart und sauber und kalt und gut durchgelüftet.“ Wenn er wollte, konnte der nächtliche Briefeschreiber scharf und ätzend sein.

Warum lohnt es sich heute noch, Chandlers Romane zu lesen, die doch im Los Angeles der 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielen? Sind Schweden-Schmöker, amerikanische Dutzendware und Krimis heutiger Heroen wie Ian Rankin nicht zeitgemäßer?

Dass sich Chandlers Bücher auch heute noch ausgezeichnet lesen, liegt vor allem an seinem Stil. Thomas Degering schreibt in seiner schmalen Chandler-Biographie, dass der Autor immer dann gescheitert sei, wenn er – aus einem Gefühl der literarischen Minderwertigkeit heraus – Ausbrüche ins vorgeblich „wirklich Poetische“ unternahm. Die triviale Romanze „Englischer Sommer“, die phantastische Erzählung „Die Bronzetür“ oder „Professor Bingos Schnupfpulver“ kann man getrost vergessen. In seinen Kriminalromanen tritt der 1888 geborene Schriftsteller jedoch als der große Stilist hervor, der das Schreiben als Kunst verstand: „Auf lange Sicht ist das Dauerhafteste an der ganzen Schriftstellerei der Stil, und der Stil ist das Wertvollste, in das ein Schriftsteller seine Zeit investieren kann. Stil ist das Ergebnis der Qualität seines Empfindens und seiner Perzeption; die Fähigkeit, beide zu Papier zu bringen, ist es, die ihn zum Schriftsteller macht.“

Wer das Glück hat, zum ersten Mal mit Chandler in Kontakt zu kommen, der sollte seine Lektüre mit der Story-Sammlung „Mord im Regen“ beginnen. Anfang der 1930er Jahre war Chandler Direktor von fünf Ölgesellschaften geworden. Nicht nur weil die Depression die Ölwirtschaft zusammenbrechen ließ, sondern auch wegen alkoholischer Eskapaden – Chandler vertrug wesentlich weniger Schnaps als sein hart gesottener Privatermittler – wurde er von einem Tag auf den anderen arbeitslos und aus der Not heraus zum Schriftsteller. Mal schauen, welche Talente die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise hervorzaubern wird…

Der ehemalige Pinkerton-Detektiv Dashiell Hammett hatte seinen letzten Roman „Der dünne Mann“ im Mai 1933 abgeschlossen. Er war der damals literarisch führende Kopf der „hard-boiled-school“. Chandler tat es seinem Vorbild, das er bald in der literarischen Ausdruckskraft weit hinter sich lassen sollte, gleich und veröffentlichte seine ersten Geschichten in einem so genannten Pulp-Magazin. Als seine erste Geschichte „Erpresse schießen nicht“ im Dezember 1933 im „Black Mask“-Magazin erschien, war Chandler nur einer unter vielen guten Schriftstellern dieser Schule. „Aber als er 1959 starb, war sein Werk durch Übersetzungen in achtzehn Ländern verbreitet, und überall auf der Welt suchten ihn Leser, die Sinn hatten für gute Romane und auch beim Kriminalroman das künstlerische Können zu würdigen wussten“, so Philip Durham von der University of California in Los Angeles.

Das künstlerische Können beim Kriminalroman

Das Besondere an diesen noch sehr action- und bleihaltigen Geschichten: Chandler sollte sie später „ausschlachten“ und für seine Romane nutzen. Es war noch ein weiter Weg – auch wenn es nur 20 Jahre dauerte – bis zum Erscheinen des Meisterwerks „Der lange Abschied“ aus dem Jahr 1953, das der Schriftsteller Clemens Meyer zum „Buch meines Lebens“ ernannt hat. Und auch der japanische Autor Haruki Murakami bekannte, er habe dieses Werk mindestens zwölf Mal gelesen.

Wir lieben Chandler vor allem wegen seines Protagonisten Philip Marlowe, der im Film von Humphrey Bogart, James Garner, Robert Mitchum und Elliot Gould dargestellt wurde. Wir alle wären gern ein wenig wie Marlowe, was wohl auch für seinen etwas zarter besaiteten Schöpfer gilt. In „Der lange Abschied“ charakterisiert sich der coole Schnüffler selber: „Ich habe eine Lizenz für private Ermittlungen und betreibe das Geschäft schon ziemlich lange. Ich bin ein Einzelgänger, unverheiratet, mittleren Alters und nicht reich. Ich habe schon mehr als einmal gesessen, und ich übernehme keine Scheidungsfälle. Ich schwärme für Alkohol, Frauen, Schach und noch ein paar andere Sachen. Die Bullen können mich nicht gut leiden, aber ich kenne auch einige, mit denen ich ganz gut auskomme. Ich stamme hier aus der Gegend, in Santa Rosa geboren, beide Eltern tot, keine Geschwister, und sollte es mal so weit kommen, dass ich in einer dunklen Gasse um die Ecke gebracht werde, wie es in meinem Beruf ja jedem passieren kann und vielen Leuten in jedem Beruf oder Nicht-Beruf tagtäglich passiert, dann wird kein Mensch das Gefühl haben, dass seinem beziehungsweise ihrem Leben der Hauptzacken aus der Krone gebrochen wäre.“

Romantischer Ritter

Was Chandler von Hammett unterscheidet, ist vor allem sein Humor, sein scheinbar so leichter Ton und die romantische Atmosphäre. Von Hammetts Helden Sam Spade können wir uns kein wirkliches Bild machen, von Marlowe, diesem romantischen Ritter im Kalifornien der 30er, 40er und 50er Jahre, schon. Aufgrund seiner Fähigkeiten könnte er viel mehr erreichen als ein schäbiges Büro und ständig wechselnde Buden. Und mit den Frauen, die dem gut aussehende Marlowe (Chandler schwebte ein Typ wie Cary Grant vor) eigentlich sehr ergeben sind, klappt es eigentlich auch nie so recht oder zumindest nie langfristig. Denn sein Auftrag ist klar: Auch wenn er immer wieder scheitert, er will die Welt von ein bisschen Schmutz befreien, auch wenn er sich dabei immer wieder eine blutige Nase, eine Menge Undank und keine hohen Honorare einhandelt. Privatleben hat Marlowe eigentlich nicht. Er kocht gut Kaffee, kann sich ein Ei in die Pfanne schlagen, spielt Schach gegen sich selbst und hat die Pulle mit Feuerwasser immer griffbereit.

Und wenn ihm ein Gangster hochnäsig ins Gesicht schleudert, dass er ein Haus in Florida habe und eine Hochseeyacht mit fünf Mann Besatzung, einen Bentley, zwei Cadillacs, einen Chrysler-Kombi und einen MG für seinen Jungen und Marlowe entgegnet, er habe nur ein Haus, kein Weibsbild und ein paar tausend in Pfandbriefen, dann halten wir ihn trotzdem für den Größten. Wir hätten uns die Unverschämtheiten dieses arroganten Schnösels vielleicht ruhig angehört oder ihm entgegnet, dass er uns mal den Buckel runter rutschen könne. Marlowe hingegen rammt ihm die Faust so stark in den Bauch, dass der Fiesling wimmernd zusammen klappt und mit den Händen konvulsivisch hin und her zuckt. Ja, so wären wir auch gern. Formal vielleicht nicht so reich und angesehen wie die Mächtigen, aber wenn es drauf ankommt, mit einer Menge mehr Mumm und Muskeln ausgestattet.

Marlowe als die Personifikation einer Haltung

Einem so klugen Mann wie Chandler war natürlich bewusst, dass ein intelligenter und sensibler Mann wie Marlowe im „echten Leben“ niemals als Privatdetektiv arbeiten würde. Für ihn war er lediglich die „Personifikation einer Haltung, die Übertreibung einer Möglichkeit“. Ein melancholischer Held, ein einsamer Kämpfer: „Ich sehe ihn eigentlich immer auf einer einsamen Straße, in einsamen Räumen, ratlos, doch nie ganz geschlagen“. In späteren Jahren, als Chandler selbst von Einsamkeit geplagt wurde und seine deutlich ältere Frau Cissy immer stärker kränkelte, hat er die Männlichkeit seines Protagonisten und seine Beliebtheit bei den Damen jedoch manchmal etwas übertrieben. Vielleicht war dies eine Art Kompensation.

Chandlers Kosmos, das Los Angeles seiner Zeit, ist hart, korrupt, es wimmelt von zwielichtigen Verbrechern und genauso zwielichtigen „Bullen“. Dass der Leser sich diese Welt vorstellen kann, liegt vor allem an der bildkräftigen Sprache des Autors. So charakterisiert er in „Lebwohl, mein Liebling“, den Ex-Knacki Moose Malloy mit folgenden Worten: „Es war ein großer Mann, nur knapp zwei Meter groß und nicht ganz so breit wie ein Bierwagen.“ Malloy sieht „so unauffällig aus wie eine Tarantel auf einem Quarkkuchen“. In seinen Geschichten und Romanen gibt es Hunderte solcher humorvoller, plastischer Beschreibungen. Es sind Bilder, die man in dieser Form vorher noch nicht gelesen hat.

Viele der heutigen Krimis – ob in Buchform oder im Fernsehen – nerven uns mit ihren Nebengeschichten und sozialen Bezügen. Es wimmelt nur so von zerquälten Ermittlern mit zerrütteten Ehen und missratenen Kindern. Ziemlich verkrampft werden alle möglichen „heißen“ Eisen wie Rassismus, Kindesmissbrauch, Terrorismus, Umweltkriminalität oder was auch immer angepackt. Der gute alte Mord bleibt dabei häufig auf der Strecke. Und weil jeder Ermittler so einen umfangreichen Seelenmüll mit sich herumschleppt, sind die meisten Schmöker auch über 500 Seiten stark. Chandler hat sich meist mit der Hälfte begnügt und trotzdem Kunstwerke, keine Massenware geschaffen.

Dabei hat er zu keinem Zeitpunkt – obwohl er nie „nur“ als Krimiautor, sondern als Romancier gelten wollte – die blödsinnige Unterteilung in E und U mitgemacht. Chandler war der Meinung, dass alle Literatur im Grunde Unterhaltungsliteratur ist. Er konnte eben über dreckige Dinge sauber und gut schreiben. 50 Jahre nach seinem Tod ist er lebendiger denn je und immer noch ein Meilenstein der Kriminalliteratur, ja vielleicht sogar der Weltliteratur.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Ansgar Lange

Über Ansgar Lange

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige