10. März 2009

Philosophische Praxis (Vol. 2) Wie kommt eigentlich Reichtum in die Welt?

Erklärung mittels Zeitpräferenz

Auch die Zeit lässt sich – so wie alles im Leben – unterschiedlich bewerten. Kinder und Tiere etwa bewerten die Gegenwart extrem hoch. Das heißt sie wollen das, was ihnen begehrenswert erscheint, jetzt gleich haben und haben demnach eine hohe Zeitpräferenz. Kinder und Tiere leben in der Gegenwart und gehen ganz in ihr auf. Die Gegenwart ist alles, was sie sich vorstellen können und die Zukunft liegt außerhalb ihres Bewusstseins. 

Erwachsene haben die Möglichkeit, an die Zukunft zu denken. Sie können auf gegenwärtigen Konsum verzichten, also Sparen, in der Voraussicht, in Zukunft mehr konsumieren zu können. Sie bewerten damit die Gegenwart geringer, haben also eine niedrigere Zeitpräferenz. Hat man Sparen jedoch verlernt, wird alles bereits in der Gegenwart konsumiert, was dem Gegenteil von weiser Voraussicht und kluger Zukunftsvorsorge entspricht.

Wenn uns Erwachsenen nach der Gegenwart gelüstet, nehmen wir einen Kredit, das heißt wir machen Schulden. Ist es ein Konsumkredit, so verjubeln wir ihn für unser tägliches Vergnügen. Das ist selten klug. Ist es ein Investitionskredit, so verwenden wir ihn zur Produktion von Gütern oder zur Bereitstellung von Dienstleistungen, die, wenn sie andere Menschen freiwillig kaufen, einen künftigen Gewinn versprechen. Das ist schon klüger. Noch klüger wäre es freilich, man würde vorher sparen, denn Kredite machen alles teurer, was die Konsummöglichkeiten in der Zukunft reduziert, und umso mehr, je umfangreicher die Kredite sind.

Ist die Zeitpräferenz bei Erwachsenen extrem hoch, so führt dies notwendig zu Verschwendung, in der Folge zu sozialer Hilflosigkeit und bei moralischer Entgleisung zu Diebstahl und Betrug. Stirbt jemand, der eine hohe Zeitpräferenz hatte, so hinterlässt er bestenfalls nichts, meist jedoch Schulden und Probleme, die andere auszubaden haben. Wenn jemand stirbt, der eine niedrige Zeitpräferenz hatte, so wurde in der Regel etwas aufgebaut, das an die nächste Generation weitergegeben werden kann.

Die Vorstellung, dass Konsumieren alle reich machen könne, ist eine große Dummheit. Erstaunlich, dass es die überwiegende Mehrzahl der etablierten Ökonomen bis heute noch nicht weiß. In Wirklichkeit läuft die Kausalität des Reichtums nämlich anders: Zuerst Kapital bilden, mit diesem etwas Sinnvolles produzieren, das andere Menschen freiwillig kaufen, und dann den Überschuss (unter Abzug einer fortlaufenden Sparquote) konsumieren. Die falsche Kausalität, wie heute üblich, nämlich zuerst zu konsumieren, bevor man noch etwas produziert und gespart hat, ist ein Übel. Nicht nur, weil Kredite alles verteuern, sondern vor allem auch deshalb, weil ein Anwachsen der Kreditmenge die Gesamtmenge an Geld erhöht, was notwendig zu Inflation führt. Inflation bedeutet Massenenteignung.

Angesicht der Tatsache, dass wir uns gleichsam kollektiv eine außerordentlich hohe Zeitpräferenz zugelegt haben, braucht es uns nicht weiter zu verwundern, wenn wir enteignet und an die Wand gedrückt werden. Jeder bekommt das, was ihm angemessen ist. Wären wir erwachsen gewesen, wäre uns das nicht passiert.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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