20. März 2009

Philosophische Praxis (Vol. 4) Über den Umgang mit der Armut

Der Wohlfahrtsstaat als Moralvernichter

Einer aktuellen U-Bahn-Durchsage zufolge soll man Menschen, die in der U-Bahn betteln, in Hinkunft nichts mehr geben, exakt gar nichts. Die Begründung: Zum einen sei das Betteln vielen Fahrgästen lästig, zum anderen ohnehin verboten und schließlich sei es allemal besser, sich mit Spenden an anerkannte Hilfsorganisationen zu wenden. Zum Schluss heißt es „Wir danken für ihre Mithilfe“, so als ob alle Anwesenden bereits ihre Zustimmung gegeben hätten. Der große Bruder hat gesprochen. Der lauschende Fahrgast bleibt stumm. Wo liegt das moralische Problem?

Wir kennen vor allem zwei Stategien, um all jenen, die wir als arm bezeichen, zu helfen: Die eine, traditionelle, die uns aus den Religionen überliefert ist, besteht darin, wohltätig zu sein und Almosen zu geben; die andere, moderne, die in den so genannten Wohlfahrtsstaaten entwickelt wurde, darin, aus der Armut ein Rechtsverhältnis zu machen. Beide Strategien, die heute gleichermaßen in Anwendung sind, haben bislang nicht dazu geführt, dass es die Armut, die ein Übel ist, nicht mehr gibt. Beide Strategien haben versagt.

Das Almosen beruht auf der Freiheit des Einzelnen, der die Möglichkeit hat, persönlich Gutes zu tun. Er kann sich mit demjenigen, der in Not ist, verbünden. Er kann frei entscheiden, wem er ein Almosen zukommen lässt und ob es aus Geld, einer Speckjause, einer Verdienstmöglichkeit oder einem Ratschlag besteht. Er kann sich persönlich nach dem Wohlbefinden seines Schützlings erkundigen und so auf Dankbarkeit hoffen. Zweifellos gehört es zum guten Benehmen, dass derjenige, der deutlich mehr hat als er benötigt, jenen, die nicht imstande sind, sich das, was sie zum Überleben brauchen, zu verschaffen, nach eigenem Ermessen gibt. Die Strategie des Almosen-Gebens basiert auf wechselseitigem Vertrauen und persönlicher Verantwortung.

Die andere, moderne Strategie, nämlich Armut mit Hilfe des öffentlichen Rechts zu verstaatlichen, funktioniert gänzlich anders. Den einen, die als reich bezeichnet werden, wird unter Androhung von Gewalt ein Teil ihres Eigentums entwendet, unter dem Vorwand, es an die Armen zu verteilen. Bloß kommt nur ein Bruchteil des erpressten Geldes bei den Armen an, weil zu den Armen unter anderen auch die AUA-Piloten gehören, deren Arbeitsplatz gefährdet ist. Mit Gerechtigkeit hat das alles rein gar nichts zu tun, bloß mit einem Herrschaftsverhältnis, das sich als Wohlfahrtsstaat tarnt.

Abgesehen davon kann es gar kein Recht auf zwei warme Mahlzeiten am Tag geben. Es gibt niemanden, bei dem man dieses Recht einfordern könnte. Niemand kann dieses Recht garantieren, außer er stiehlt diese Mahlzeiten bei anderen Menschen. Im Unterschied zum Almosen hat solches Handeln also nichts mit Moral zu tun. Im Gegenteil: Es untergräbt jede Moral, weil es den Einzelnen von seiner Verantwortung für seinen Mitmenschen letztlich nachhaltig entbindet und ihn roh und kalt macht.

Deshalb folgender Ratschlag: Geben Sie immer, wenn Ihnen danach ist, einem Bettler ein paar Euro. Der Wohlfahrtsstaat ist so gut wie bankrott. Und bleiben sie gelassen, wenn sich ein Bettler um Ihr Geld eine Flasche Schnaps kauft und es nicht für einen warmen Wintermantel spart. Es war ein Geschenk und Sie haben es ohnehin nicht im Griff, was in der Folge mit Ihrem Geld passiert. Wir danken für Ihre Mithilfe!

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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