07. April 2009

Philosophische Praxis (Vol. 7) Sprache und Denken

Warum die Schulen versagen

Wer heute an einer Hochschule oder Universität geisteswissenschaftliche Fächer unterrichtet, der muss sich beim Lesen von Klausuren mit einer erdrückenden Menge an sinnentleerten Sätzen herumschlagen, die noch dazu schwere orthographische Mängel aufweisen. Sucht man diesbezüglich das Gespräch mit Kollegen, um sicherzustellen, nicht einer kulturpessimistischen Hysterie zu unterliegen, so hört man immer wieder: Ja, mit der Beherrschung der Sprache liegt es tatsächlich im Argen. Der meist gesenkte Blick, der dabei zu beobachten ist, spricht Bände.

Die Ursache dieses Übels ist wohl in den Mittelschulen und Gymnasien zu suchen, an denen ein gewisser Drill völlig aus der Mode gekommen ist. Anstatt an der Sprache wie an einer wertvollen Skulptur jahrelang zu feilen und nicht locker zu lassen, bis auch kleine und scheinbar nebensächliche Details fest verankert sind, wird eifrig diskutiert: Über die Klimakatastrophe, die Homoehe, die Todesstrafe und die Mülltrennung, über Gentechnik, Multikulturalität, Nazis und die Unterdrückung der Frau, über Magersucht, FPÖ, Atomgefahr und das verseuchte Essen, über Drogen, die Reduktion der Artenvielfalt, die Ausbeutung der Entwicklungsländer und die Gräuel des Kapitalismus.

Dies alles dient viel weniger der Bildung der Schüler, als vielmehr der politischen Selbstverwirklichung der Lehrer. Und mit Sicherheit hat diese unentwegte Behandlung von Themen, die in ihrer Negativität, Aussichtslosigkeit und Weltuntergangsstimmung kaum zu überbieten sind, mit dazu beigetragen, dass die Unsitte des Komatrinkens unter Jugendlichen so weit verbreitet ist. Angesicht der Aussicht, dass sie ohnehin bald alle unter dem Ozonloch verbrennen werden, potentielle Nazis sind und verantwortlich dafür, dass kleine Kinder in finsteren Löchern ihre Turnschuhe nähen müssen, bleibt als Rettung nur mehr eines: der Alkohol.

Nützliche Dinge, wie etwa zu lernen, wie Banken ihre Geschäfte machen und wie man mit Geld umgeht, bleiben dabei völlig auf der Strecke, was mit dazu geführt hat, dass allein in Wien zehntausende junge Leute überschuldet sind.

Immer schon waren Lehrer auch Propaganda-Maschinen des jeweils herrschenden Denkens. Das war unter den Kommunisten so, unter den Nationalsozialisten, und das gilt auch für das therapeutische Sozialregime, in dem wir derzeit leben. Dieser Umerziehungsfimmel hat offensichtlich kein Ende. Und jetzt droht auch noch die Kindergartenpflicht, was die staatliche Aufsicht bereits im Vorschulalter beginnen lassen würde.

Kann man den Lehrern Vorwürfe machen, wo sie es doch nur gut meinen? Durchaus. Schule ist nicht dazu da, die herrschenden Modethemen und Ideologien diskutieren zu lassen, sondern es geht darum, Grundwissen und vor allem Fertigkeiten zu vermitteln. Von diesen ist die Beherrschung der Landes- oder Muttersprache wahrscheinlich die wichtigste.

Warum? Karl Kraus gibt einen Hinweis: Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, dass in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst. Das bedeutet, dass Denken nur der kann, der eine Sprache beherrscht. Aber vielleicht geht es ja nur darum, nützliches Stimmvieh zu erzeugen. Wer braucht schon Menschen, die eigenständig denken können. Die waren doch immer schon die lästigsten von allen.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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