13. April 2009

Axel Springer Frauenheld und Frömmler, politischer Visionär und Mammutverleger

Eine große Biographie erinnert an einen großen Mann

Er war ein „seltsamer Heiliger“, aber auch eine der interessantesten Figuren der deutschen Zeitgeschichte. Der am 2. März 1912 in Altona geborene Axel Springer war ein Mammutverleger und ein politischer Visionär und nicht weniger bedeutend als so mancher Bundeskanzler. Auf der politisch-publizistischen Ebene lässt er sich nur mit Rudolf Augstein vergleichen.

Es ist ein Glück, dass kein Geringerer als der bekannte Adenauer-Biograph Hans-Peter Schwarz eine über 700-seitige Darstellung von Leben und Werk dieser Ausnahmeerscheinung vorgelegt hat. Insbesondere vier Jahrzehnte nach der bundesrepublikanischen Zäsur von 1968 sollte man dieses Werk zur Hand nehmen – und dem politisch einst so stark angefeindeten Springer Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Um alle Bedenken sogleich zu zerstreuen: Ja, es lohnt sich, die Lektüre dieses schwergewichtigen Bandes in Angriff zu nehmen, da der Biograph eine elegante Feder führt, verständlich, bisweilen sogar salopp formuliert und den Leser nie langweilt. Doch purer Lesegenuss allein reicht nicht aus. Dieses Buch besticht vor allem dadurch, dass Schwarz keine Haus- und Hofberichterstattung betreibt, sondern immer kritisch und objektiv bleibt. Auch Springers weniger einnehmende Seiten kommen nicht zu kurz und werden nicht unter den Tisch gekehrt.

In innerer Opposition zum Dritten Reich

Steigen wir gleich in der Zeit des Dritten Reiches ein. Kinder- und Jugendjahre sind bei einer Figur wie Springer, der erst nach 1945 zu einer wichtigen Persönlichkeit reifte, die tiefe Spuren in der Zeitgeschichte hinterließ, nicht so entscheidend. Glücklicherweis handelt der Autor die ersten Jahre auf rund 30 Seiten knapp ab.

Den folgenden Satz sollten sich alle unsere linken, springerkritischen Gesinnungshelden à la Günter Grass hinter die Ohren schreiben: „Der Befund ist ganz eindeutig: Vom Anfang am 30. Januar 1933 bis zum Ende am 8. Mai 1945 standen die Springers in innerer Opposition zum Dritten Reich.“

Schwarz strickt auch hier an keiner Legende. Springers Rolle als Journalist in der Nazi-Zeit sei zwar kein besonderes Ruhmesblatt gewesen, doch es bestehe ebenfalls kein Zweifel daran, „dass er Verfolgten immer wieder unter eigenem Risiko geholfen hat.“

Die Widersprüche im Charakter Springers traten auch damals schon offen zutage. Der junge Sohn des kleinen Zeitungsverlegers Hinrich Springer litt zwar an der Infamie des Regimes, doch „Dolce Vita fern von der Politik“ überwog. Ein Held sei er in jenen Jahren nicht gewesen, eher ein Bruder Leichtfuß, eben „under-worked and over-sexed“.

Der plastische Stil des Verfassers wird in diesem Zitat deutlich: „Am 2. Mai 1942 war Axel Springer bereits 30 Jahre alt. Bisher hatte er ein recht zielloses Leben geführt: Richard-Tauber-Träume, Phantasien von einer großen Journalistenkarriere bei Ullstein in Berlin, unstetiges Redakteur-Spielen in der politische gleichgeschalteten väterlichen Lokalzeitung, ambivalentes Verhältnis zum Elternhaus, periodischer Ausbruch in die Dolce Vita. Frauengeschichten, Herumlaborieren an verschiedensten Krankheitssymptomen, die ihn physisch und psychisch beeinträchtigten und ihm bis Kriegsende nicht einmal erlaubten, am Luftschutz teilzunehmen.“

In einer totalitären Diktatur konnte ein typischer Liberaler wie Springer natürlich nicht reüssieren. In den Hamburger Gründerjahren (1945 bis 1957) war der lebenslustige Sunnyboy dann einer jener Deutschen in den westlichen Besatzungszonen und in der Bundesrepublik, der kräftig und ohne allzu große Skrupel und Selbstzweifel mit anpackte, um etwas Neues entstehen zu lassen.

Doch ausschließlich ein Mann von zupackendem Zukunftsoptimismus war Springer denn auch nicht. Eine politische Frage trieb ihn um: die Aufklärung über die Verbrechen der Nationalsozialisten. Im Februar 1949 schrieb er an einen britischen Freund: „Sie wissen, dass ich es immer bedauert habe, dass 1949 nicht eine handfeste Revolution über Deutschland hinweggegangen ist. Es wurde alles schrecklich normalisiert, und das, was wir heute haben, ist im Grunde die Folge dieser damals künstlichen Abhalfterung der Nazis.“

Ab dem Jahr 1949 geht es für Springer wirtschaftlich eindeutig aufwärts, weil er ein Gespür für die Sorgen, Nöte und Interessen der so genannten „kleinen Leute“ hat. Sein „Hamburger Abendblatt“ sollte im besten Wortsinne populär sein. Alles Elitäre war dem Zeitungsprofi verhasst. Die Rechnung ging auf: 1953, fünf Jahre nach Gründung des Blattes, lag die Auflage bereits bei 332.000 Exemplaren. Das „Hamburger Abendblatt“ Axel Springers „ureigenste Schöpfung“, galt nun als erfolgreichste Lokalzeitung der Bundesrepublik.

In die Phase der Hamburger Gründerjahre gehört auch Springers Wandlung von einem „anti-nazistischen Idealisten“ hin zu einem Verfechter „pragmatischer Personalpolitik“ im eigenen Hause. Springer war eben auch ein tüchtiger Verleger mit dem richtigen Riecher für gute Leute, auch wenn sie, wie Ribbentropps ehemaliger Pressechef (in den Jahren 1940 bis 1945) Paul Carell, dem Nazi-Regime nicht unbedingt in kritischer Distanz gegenübergestanden hatten. Diese Art der Personalpolitik sollte Springer bei der APO und anderen linken Kritikern sehr unbeliebt machen.

Unbeliebt machte ihn sicher auch sein Goldesel, die „Bild“-Zeitung. Hier ging es nicht um ernste Politik, sondern um Unterhaltung: „Springers Originalkonzept von ‚Bild’ lässt also deutlich erkennen, dass die Philosophie des ‚Hamburger Abendblattes’ (‚Seid nett zueinander!’, ‚Menschlich gesehen’) weiterhin maßgebend war.“ Die „Bild“-Zeitung machte ihren Schöpfer sehr reich, weil nicht nur das journalistische Konzept stimmte, sondern auch hervorragende Logistik und modernste Drucktechnik zur Verfügung standen. 1953 kam dann noch mit dem Segen Adenauers die Tageszeitung „Die Welt“ hinzu.

An der Schwelle zur Schizophrenie

Während Springer mit Anfang 40 schon zum wichtigsten Mann der deutschen Presselandschaft geworden war, häuften sich die gesundheitlichen Krisen. Schwarz verschweigt nicht, dass die psycho-somatische Verfassung des Zeitungsmannes zusehends labiler wurde. Hinzu kamen religiöse Erschütterungen. Kurzum: Der nach außen hin oft vor Kraft strotzende Springer, der seinen Reichtum kaum dezent verbarg und dessen Sexualleben alles andere als unspektakulär verlief, stand an der Schwelle zur Schizophrenie.

„1957 war für Springer nicht nur das Jahr, in dem er beinahe durchdrehte. Es war zugleich das Jahr, in dem er die Blätter seines Hauses stärker als je zuvor oder danach auf Linkskurs brachte“, so sein Biograph. Springer lag damals – ähnlich wie der schillernde Chefredakteur der „Welt“ Hans Zehrer auf „Anerkennungskurs“. Um einen Vergleich zu wagen: Hans Zehrers Hang zu Fehlprognosen, sein mangelnder Realitätssinn, seine weitschweifigen Darlegungen der eigenen Haltung zur Weltpolitik taten der politischen Urteilskraft Springers nicht gut. Ein Ernst Cramer, Herbert Kremp oder Matthias Walden waren aus anderem Holz geschnitzt und sorgten dafür, dass in „Welt“ und Welt am Sonntag“ die Stimme der innen- und außenpolitischen Vernunft zu Wort kam. Der arrogante Zehrer hingegen bürstete seinen Chef gegenüber Bundeskanzler Adenauer auf Krawall.

Zehrer und Springer verband ein törichter Hang zu Horoskopen, und Springers Moskau-Reise von 1958 gehört wohl zu dem Dümmsten, was er sich in seinem ganzen Leben leistete. Zum Glück war sein erfolgloses Antichambrieren bei Chruschtschow auch der Wendepunkt in seinem politischen Denken.

In jener Zeit war Springer laut Schwarz ein ziemlich weit nach links geratener „Mammutverleger“: „Er war neutralistisch, atom-pazifistisch und reichlich uninteressiert an der Integration in die freie Welt oder in Westeuropa.“ Ein „Gutmensch“, würde man heute abfällig sagen. Konrad Adenauer bemerkte daher auch nicht ohne Genugtuung: „Springer und Zehrer sind von Moskau wie begossene Pudel zurückgekehrt.“ Doch dem Idealisten Springer war diese Demütigung und Blamage eine Lehre. Von nun an bekämpfte er das kommunistische Regime in der DDR – von der Frontstadt Berlin aus – kompromisslos.

Insbesondere seine Chefredakteure hielt er nun an, scharf gegen den Osten Stimmung zu machen. Die unpolitische „Bild“-Zeitung wurde jetzt zu einem politischen Kampfblatt. Der reiche Zeitungszar half aber auch ganz praktisch aus, indem er zum Beispiel in verschiedenen Fällen Häftlinge mit eigenen finanziellen Mitteln freikaufte.

Berlin und Jerusalem

Seit den 1960er Jahren waren ihm einige Themen so wichtig, dass er immer wieder auf sie zurückkam und bis zum Lebensende an ihnen festhielt. Noch heute gilt daher für alle Blätter des Verlages folgendes Vermächtnis:

„ 1. das unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der deutschen Einheit und Freiheit;

2. die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen; dazu gehört auch die Unterstützung des Lebensrechts des jüdischen Volkes;

3. die Ablehnung jeder Art von politischem Extremismus;

4. die Bejahung der freien sozialen Marktwirtschaft“.

Die nicht erst 1968 einsetzenden harten Angriffe gegen ihn („Enteignet Springer“) schlugen dem psychisch labilen Springer, der eigentlich zum Kämpfer nicht geboren war, mehr und mehr aufs Gemüt. Gesundheitliche Krisen häuften sich, persönliche Schicksalsschläge kamen hinzu. Trost und Stärke fand Springer in der christlichen Religion und bei seiner letzten Ehefrau Friede.

Vertraute im Verlag wie Ernst Cramer sorgten dafür, dass das „Haus proamerikanisch, proisraelisch, antitotalitär (sprich: anti-nazistisch und antikommunistisch), der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet sowie innenpolitisch auf einer Linie blieb, die Springer als „konservative Mitte“ bezeichnete.

Am Ende seines Lebens hoffte der Verleger, sein Werk in die Hände von Matthias Walden geben zu können. Walden, Jahrgang 1927, hieß eigentlich Eugen Wilhelm Otto Baron von Sass, war aus der Ostzone in den Westen geflohen und arbeitete als Kommentator für den RIAS und den Sender Freies Berlin. „Walden war ein brillanter, kompromisslos antikommunistischer, bei allen Linken entsprechend verhasster Journalist. Wie Springer selbst war er tief religiös, auch ein Freund Israels, und zu allem ein begabter Volksredner“, schreibt Schwarz. Springer wollte ihn zu seinem publizistischen Nachfolger aufbauen. Doch Walden verstarb am 17. November 1984 an Krebs, nachdem er eine Blitzkarriere im Verlag begonnen hatte. Springer folgte seinem Freund am 22. September 1985 nach in den Tod.

Axel C. Springer hat sich konsequent dem Zeitgeist verweigert. Durch sein politisches Eintreten für Freiheit und Einheit hat sein Konzern wirtschaftlichen Schaden genommen. Springer war eben mehr als ein Vollblutverleger – er war auch ein politischer Visionär. Eine große Biographie erinnert an einen großen Mann.

Literatur

Hans-Peter Schwarz: Die Biographie. Propyläen-Verlag: Berlin 2008. 735 Seiten. 26 Euro.


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