Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Schlussfolgerungen aus der Finanzkrise: Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten

von Gérard Bökenkamp

Das private Teilreservesystem ist riskant aber legitim

14. April 2009

Während die öffentliche Meinung über die Ursache der Finanzkrise noch im Dunkeln tappt und nichts besseres als Ursache einfällt denn mangelnde Regulierung, können andere, als Außenseiter etikettierte Analysten, für sich in Anspruch nehmen, diese Krise schon seit Jahren vorausgesagt zu haben. Die wichtigsten Strömungen, die eine fundamentale Grundsatzkritik üben, sind in diesem nonkonformen Diskurs die Österreichische Schule sowie populistische Traditionen. Bei dieser grundsätzlichen historischen Kritik der zweiten Gruppe wird leider oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und nicht nur die Politik der Geldvermehrung durch das staatliche Geldmonopol der Zentralbanken, sondern das gesamte moderne Bankensystem in Frage gestellt. Dabei werden die Leistungen und Verdienste der Privatbanken um den wirtschaftlichen Fortschritt gemeinhin ignoriert oder geleugnet.

Die Entwicklung der Privatbanken einschließlich Teilreservesystem und Erhebung von Zinsen auf Kredite hat historisch dazu beigetragen, dass die Vorstellung der klassischen Ökonomen, dass Sparen gleich Investieren ist, Wirklichkeit werden konnte, und dazu, der Polemik der Nachfragetheoretiker gegen das Sparen als angeblich schädliches Horten seine Berechtigung zu nehmen. Gespartes Geld wird dem Wirtschaftskreislauf zugeführt und die Sparer profitieren dadurch von den Gewinnen der Unternehmen, die die Kredite in Investitionen umsetzten. Die Welt ist dadurch nicht ärmer geworden, sondern hat im Gegenteil eine Wohlstandsexplosion erlebt, die vor der Entstehung moderner Kapitalmärkte vollkommen unvorstellbar schien.

Kritisiert wird unter anderem, dass die Banken die Spareinlagen ihrer Kunden verwenden, um sie zu verleihen, und damit ihre Erfahrung nutzen, dass immer nur ein Teil der Spareinlagen von den Kunden zur Auszahlung angefordert werden. Dieses System ist in der Tat mit Risiken behaftet. Wenn doch einmal alle Kunden gleichzeitig ihre Sparguthaben zurückfordern, etwa bei dem berüchtigten Run auf die Banken, werden sie möglicher Weise leer ausgehen. Die Existenz eines solchen Risikos ist jedoch noch kein Beleg dafür, dass dieses System ethisch und ökonomisch nicht vertretbar wäre. An und für sich ist ein Teilreservesystem auf rein privater Grundlage ein legitimes und durchaus nützliches, wenn auch mit den beschriebenen Risiken behaftetes Geschäftsmodell, das so auch in anderen Bereichen der Wirtschaft zum Nutzen der Beteiligten existiert.

Zur Erklärung ein ausgedachtes idealtypisches Beispiel: Nehmen wir einmal an ich habe einen teuren Anzug für besondere Anlässe wie Opern- und Theaterbesuche oder Konzerte gekauft und es wurmt mich, dass ich ihn so selten benutze, obwohl ich viel Geld dafür ausgegeben habe. Nun bietet mir eine Firma an, den Anzug bei sich zu deponieren und mir dafür eine kleine jährliche Gebühr zu bezahlen. Dafür verlangt das Verleihunternehmen von mir die Erlaubnis, den Anzug an ihre Kunden weiter verleihen zu dürfen, verpflichtet sich aber dazu, wann immer ich einen eleganten Anzug benötigte mir einen Anzug gleicher Qualität und in meiner Größe zur Verfügung zu stellen.

Durch dieses System kann ich meinen Anzug tragen und erhalten darüber hinaus eine Gebühr und andere können auch einen Anzug tragen, ohne ihn kaufen zu müssen. Sie zahlen dafür eine Gebühr. Nun kann derjenige, der den Anzug geliehen hat, ihn natürlich auch weiter verleihen. So kann es im Extremfall dazu kommen, dass eine wachsende Zahl von Personen mit demselben Anzug spazieren geht. Das stellt wachsende Organisationsanforderungen an das System, ist aber an sich nicht unlegitim, solange sich alles im Rahmen der Vertragsfreiheit bewegt. Auch wenn verschiedene Leute ein und denselben Anzug nutzen heißt das nicht, dass es plötzlich mehr Anzüge gibt. Ein und derselbe Anzug wird einfach effizienter genutzt.

Dieses Geschäftsmodell beruht auf der Erkenntnis, dass solche eleganten Anzüge nicht so oft getragen werden und deshalb nur ein bestimmter Anteil der Besitzer ihren Anzug einfordern werden. Würden alle Anzugsbesitzer gleichzeitig ihren Anszug einfordern, könnte das Unternehmen seine Verpflichtung nicht erfüllen. Dann wäre das Geschäftsmodell gescheitert. Dieses Risiko ist berechenbar, aber doch vorhanden. Es ist aber ein Geschäftsmodell, auf das sich alle Parteien vertraglich ausdrücklich eingelassen haben. So funktioniert auch das Teilreservesystem der Privatbanken, das eine effiziente Nutzung von Kapital erlaubt, aber natürlich auch ein Risiko birgt, dass in Extremsituationen, wie zum Beispiel einer allgemeinen Finanzkrise, die Verpflichtungen nicht eingehalten werden können.

Im Falle eines Bank-Runs kann die Bank ihre Vertragsverpflichtung gegenüber den Sparern nicht erfüllen und ihre Bankkonten wie versprochen auszahlen, da das Geld zum großen Teil weiter verliehen wurde. Das ist für die Betroffenen schmerzhaft, aber noch kein Betrug. Es ist in der freien Wirtschaft durchaus keine Seltenheit, dass ein Unternehmen seine Vertragsverpflichtung gegenüber Zulieferern, Beschäftigten oder Kunden nicht erfüllen kann, wenn das Unternehmen pleite geht. Der Sparer, dessen Spareinlagen nicht mehr gedeckt sind, ist hier in derselben unglücklichen Situation wie der Handwerksmeister, dessen Rechnungen nicht mehr bezahlt werden können. Das ist nun einmal das Risiko, welches jeder in einer Privatwirtschaft zu tragen hat. Dasselbe Risiko trägt im übrigen auch die Bank, wenn sie einem Unternehmer einen Kredit gibt, dessen Investition sich schließlich nicht auszahlt. Das ist dann ein Fall für den Konkursverwalter. Ein Betrug liegt nur dann vor, wenn nachweisbar ist, dass es sich um einen betrügerischen Bankrott handelt, also dass der Bankrott beabsichtigt war.

Ob das Teilreservesystem ein Betrug ist oder nicht hängt also nicht vom System selbst ab, sondern davon, ob die Bankkunden wissen, dass ihre Ersparnisse für die Kreditgeschäfte der Bank verwendet werden. Wenn ich zum Beispiel den Familienschmuck in einem Bankschließfach deponiere und eine jährliche Gebühr für die sichere Aufbewahrung zahle, dann aber zum Beispiel meine Nachbarin mit dem Familienschmuck ins Theater fahren sehe, weil die Bank den Inhalt des Schließfaches ohne mein Wissen weiter vermietet, dann liegt offensichtlich Betrug vor. Wenn ich aber der Bank meine Erlaubnis dazu gegeben habe, den Inhalt des Schließfaches weiter zu vermieten, solange ich ihn nicht brauche, offensichtlich nicht. Die Kritiker des Teilreservesystems gehen implizit oder explizit davon aus, dass die Bankkunden ihr Geld nur aufbewahren lassen und die Bank nur als Geldlagerhaus nutzen wollen und nichts davon wissen, dass ihr Geld von der Bank verliehen wird. Das ist aber eine fragwürdige Annahme.

Wenn man einmal davon absieht, dass man aus praktischen Gründen ein Girokonto bei einer Bank besitzen muss, um Miete, Steuern und laufende Ausgaben zu bezahlen, so steht es jedem frei, mit seinem Geld zu tun, was einem beliebt. Die Kunden der Bank, die über ihr normales Girokonto hinaus Sparbücher und andere Finanzprodukte bei der Bank eingerichtet haben, tun das also freiwillig. Mein Großvater zum Beispiel war ein einfacher Mann, der den Banken misstraute. Er bewahrte deshalb seine Ersparnisse in Bar in einem Metallkästchen zu Hause auf und zählte dann mit leuchtenden Augen seine kleinen Ersparnisse. Niemand wird daran gehindert, es genauso zu handhaben.

Die Kunden der Bank werden nicht betrogen, denn sie wissen oder sie können wissen, dass die Bank ihre Einlagen für ihre Kreditgeschäfte verwendet. (Wenn jemand das Kleingedruckte in einem Vertrag nicht liest und ihn dennoch unterschreibt, ist das immer noch seine eigene Schuld.) Der Grund, warum die Bankkunden es in der Regel vorziehen ihr Geld auf ein Sparbuch zu legen, statt ein Schließfach für ihre Ersparnisse zu mieten, ist der, dass das Schließfach-Gebühren kostet, wohingegen das Sparbuch Zinsen bringt. Ich kann aber nicht Zinsen auf mein Sparbuch erwarten und dann verlangen, dass die Bank das Geld nicht für ihre Kreditgeschäfte verwendet. Eine Bank ist schließlich kein Wohlfahrtsunternehmen, bei dem es etwas für die Kunden umsonst gibt.

Wer ein Konto bei einer Bank eröffnet, stimmt damit den Konditionen des jeweiligen Geldhauses zu und kann sich dann nicht beschweren, dass die Bank sich gemäß dieser Konditionen verhält. Wenn ich nicht will, dass die Bank mein Geld verleiht und das Risiko eines Runs vermeiden will, dann muss ich eben auch auf die Zinsen verzichten und das Geld statt dessen in meinen Sparstrumpf tun, in meinem Garten vergraben oder gegen Gebühr ein Schließfach mieten oder es einer Geldverwaltung gegen Gebühr übergeben, die grundsätzlich das Geld nur aufbewahrt, nicht aber weiterverleiht.

Grundsätzlich gibt es keine Vermögensanlage ohne Risiko. Im Allgemeinen korrelieren Risiken und Chancen miteinander. Riskante Anlagen sind oft auch besonders gewinnträchtig, konservative Anlagen bringen dem Anleger hingegen auch nur einen bescheidenen Gewinn. Die Zinsen auf Sparbücher sind niedrig, weil eben nicht ständig eine Bank pleite geht. Während es alle paar Jahre mal zu einem Crash an der Börse kommt, kommt es zu einem Bankencrash nur etwa alle paar Jahrzehnte. Würde jedes Jahr eine große Bank pleite gehen, dann würden Sparbücher wesentlich höhere Zinsen bringen, um das Risiko zu kompensieren. Dass eine Anlage wie ein Sparbuch unter normalen Umständen mit geringen Risiken verbunden ist heißt nicht, dass es überhaupt kein Risiko für die Sicherheit der Sparkonten gibt. Wenn ich mich zum Beispiel einer medizinischen Operation unterziehe, bei der die Wahrscheinlichkeit 100 zu 1 steht, dass ich ohne Gefahr für mein Leben davon komme, dann heißt das nicht, dass ich nicht unglücklicherweise zu dem einen Prozent gehöre, bei denen der Arzt Exitus feststellen muss.

Hinter der aktuellen Wirtschaftspolitik steckt die Doktrin, dass Banken nicht pleite gehen und Sparer kein Geld verlieren dürfen. Dahinter steht das Tabu, Banken und Sparer als das zu behandeln, was sie sind, nämlich Marktteilnehmer wie alle anderen auch, die ihre Vertragsfreiheit zum gegenseitigen Vorteil zu nutzen versuchen. Wie jedes Unternehmen Bankrott gehen kann, wenn seine Geschäftspolitik nicht trägt, kann auch eine Bank bankrott gehen, wenn sie die falsche Kreditpolitik betreibt. Wie jeder Aktienbesitzer sein Vermögen verlieren kann, wenn er in die falschen Unternehmen investiert hat, kann auch der Sparer sein Vermögen verlieren, wenn die Bank, der er sein Geld zur Verfügung gestellt hat, Geld an schlechte Kreditnehmer vergeben hat. Wer mit Geld Geld verdienen will, geht immer ein (legitimes) Risiko ein – auch der Sparer.

Wer den Geschäftspraktiken der Banken misstraut und das Risiko des Teilreservesystems nicht tragen will, dem steht es frei, auf den guten alten Sparstrumpf oder den privaten Safe zurückzugreifen.

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