24. April 2009

Philosophische Praxis (Vol. 11) Mündigkeit und staatliches Interesse

Über die staatlich produzierte Verantwortungslosigkeit

In welcher Weise der moderne Staat auch immer in Erscheinung trat, ob als Demokratie, Sozialismus oder Nationalsozialismus, stets legitimierte er seinen Herrschaftsanspruch durch die tatsächliche oder vermeintliche Produktion von Sicherheit und Wohlstand. Für die Sozialregime der Gegenwart, die sich der Belehrung, Betreuung und Beplanung aller verschrieben haben, gilt dies noch in verstärktem Ausmaß.

Doch kann ein Staat, der sich auf diese Weise legitimiert, am „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) überhaupt ein genuines Interesse haben? Hängt sein Existenzrecht nicht davon ab, dass stets die Mehrheit auch belehrbar, betreuungswürdig und beplanbar bleibt? Und hat dies nicht zur Folge, dass die Unmündigkeit gleichsam in großem Stil gezüchtet wird?

Vieles spricht dafür. Und es würde erklären, warum mittlerweile alles, was irgendwie wankt und schwankt, gefährdet und gestrauchelt ist, sich ratlos räkelt und mal Pause machen will, staatlich subventioniert wird.

Alles, was man subventioniert, wir mehr. Je mehr an ledige Mütter bezahlt wird, desto mehr ledige Mütter und flüchtende Väter gibt es. Je mehr sinnlose Wissenschafts- und Kunstprojekte gefördert werden, desto mehr sinnloses Denken und Tun kommt in Umlauf. Je mehr Spritzen man verteilt, desto mehr Drogensüchtige gibt es. Je mehr Schuldnern ihre Schulden erlassen werden, desto mehr Schuldner wachsen nach. Insgesamt gilt: Je intensiver man sich dem Scheitern, den Defiziten und dem Unsinn monetär zuwendet, desto mehr Menschen werden scheitern, Defizite haben und Unsinn produzieren.

Und wenn dies alles bloß christliche Nächstenliebe ist? Mit Sicherheit nicht, da es weder von Herzen kommt, noch als Gotteslob verstanden wird. Es ist nichts anderes als eine kalte Sozialmechanik, die zusieht, wie das, was sie angeblich verhindern will, stetig wächst. Kälte liegt über der Verwaltung des Elends. Da ist keine Liebe weit und breit.

Jugendliche erkennen kaum mehr Sinn in ihrem Leben und verfallen in Lethargie. Es gibt immer mehr Studenten, die kaum zwei Sätze fehlerfrei lesen können. Psychiater berichten, dass Pathologien aller Art rapide im Steigen sind. Es scheint, als wäre da eine Rechnung so überhaupt nicht aufgegangen.

Oder doch? Sitzt ein Sozialregime nicht umso fester im Sattel, je kaputter eine Gesellschaft ist? Lässt sich jede weitere Regulation nicht umso leichter legitimieren, je schwerer es dem Einzelnen fällt, mit der Komplexität des Lebens zurechtzukommen? Und würde nicht fast jeder Politiker unserer Tage den folgenden Satz ruhigen Gewissens unterschreiben: „Je komplizierter die Formen der Zivilisation, desto eingeschränkter muss die Freiheit des Individuums werden“ (Benito Mussolini). Haben wir überhaupt noch eine Ahnung, was Faschismus eigentlich bedeutet?

Wenn alle gewachsenen Strukturen einmal nachhaltig zerstört sind, wenn jeder Einzelne, etwa durch ein arbeitsloses Grundeinkommen, von der Fürsorge abhängig geworden ist, wenn die Mehrheit eine komfortable Stallfütterung mehr goutiert als ein freies Leben mit all seinen Risiken und Chancen, dann werden wir alle zu Boden sinken, wie die welken Blätter im Herbst. Dann wird niemand mehr erwachsen werden können. Denn dadurch, dass man uns die Verantwortung abnimmt, kann man uns Verantwortung nicht lehren.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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