16. Mai 2009

Philosophische Praxis (Vol. 16) Der Ursprung staatlicher Herrschaft

Von Bären und Bienen

Der Staat sind keineswegs „wir alle“, wie man uns von Kindesbeinen an weismachen will, sondern er ist ein Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen. Laut Max Weber ist er „diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes das Monopol legitimer (d.h. als legitim angesehener) physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht“. Damit ein Staat Bestand hat, müssen die beherrschten Menschen sich den jeweils Herrschenden fügen.

Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, wollen wir uns einen Bären denken, der gemächlich seines Weges schreitet und plötzlich ein verräterisches Summen hört, das ihn an seine leiblichen Bedürfnisse gemahnt. Freudig erklettert der Bär den Baum, reißt den Bienenstock brutal vom Ast und frisst ihn zur Gänze auf.

Nach und nach begreift er allerdings, dass er mit dieser Vorgangsweise die Population der Bienen reduziert, was ihm zum Nachteil gereicht. Deshalb beginnt er die Bienen zu „bewirtschaften“, nimmt nur einen Teil des Honigs, kommt aber nach einiger Zeit wieder. Da die Bienen wissen, dass Widerstand zwecklos ist, entnehmen sie, um den Stock zu schonen, in Hinkunft selbst einen Teil ihres Honigs, wenn sie den Bären kommen sehen und legen ihn ihm zu Füßen. Der Bär ist sehr zufrieden.

Die Folge ist: Er lässt sich in der Bienengegend nieder und als Gegenleistung dafür, dass er die Bienenstöcke nicht der Reihe nach vernichtet und auch gegen Angriffe fremder Bären schützt, wird er mit derart viel Honig beliefert, dass er damit auch seine Familie, seine Verwandten, seine Freunde und seine Dienerschaft versorgen kann.

Mit der Zeit entwickeln die Bienen die Vorstellung, dass der Bär, wo er doch nun so reich geworden ist, auch ein sehr kluges Tier sein müsse und erbitten in einem Streitfall seinen Rat. Der Bär, der sich geschmeichelt fühlt, spricht ein Machtwort. In weiterer Folge wird er in sämtlichen Streitfällen konsultiert und er erlässt schließlich einen Rechtskodex, der ihm seinen Honig für alle Ewigkeit sichert.

Jetzt werden die Bienen listig: Jene, denen das Honigsammeln lästig fällt, beginnen über ihr Schicksal zu klagen und schmieren dem Bären Honig ums Maul. Der Bär, der freilich noch viel listiger ist, erfindet daraufhin die „soziale Gerechtigkeit“. Diese besteht darin, dass jene Bienen, die deutlich mehr Honig sammeln als alle anderen, zwei Drittel ihres Honigs an ihn abliefern müssen. Er selbst nimmt sich den Bärenanteil. Der Rest wird umverteilt.

Die Bienen sind zufrieden, was die Herrschaft des Bären zementiert. Im Bienenstock gilt der Bär nun mehrheitlich nicht mehr als Räuber, sondern als Wohltäter. In der Folge beginnt er die Größe der Bienenstöcke, die Ab- und Anflugzeiten fürs Honigsammeln sowie den Gebrauch des Giftstachels zu regulieren.

Was wir daraus lernen können: Staatliche Herrschaft beruht, materiell betrachtet, auf Raub, ist aber heute derart subtil geworden, dass sie mehrheitlich akzeptiert wird, vor allem deshalb, weil jene Bienen, denen das Honigsammeln lästig fällt, dominieren.

Im Grunde wäre es freilich allemal angebracht, wenn sich der Bär einen Job suchen und seinen Honig regulär kaufen würde. Bloß hat er sich an sein „Recht“ auf das Eigentum der Bienen derart gewöhnt, dass er das Bewusstsein dafür, nichts anderes als ein Räuber zu sein, völlig verloren hat.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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