18. Mai 2009

Zentralrat Der Papst, die Juden und das Schweigen

Über Verständnis und Verweigerung

Man stelle sich vor. Ein entfernter Verwandter kommt zu Besuch. Lange hat er sich nicht blicken lassen, der rebellische Neuerer im Kreis der Altvorderen. Im Streit ging man damals auseinander, und Streit war das Meiste, was folgte. Nicht immer wurde der Konflikt nur mit Worten ausgetragen. Ja, es ist wahr, der Jüngere hat seinen Verwandten auch Leid angetan.

Nun aber kehrt er zurück und spricht Worte, die direkt der gemeinsamen Vergangenheit entstammen. Er beschwört das Familienerbe. Kaum hat er geendet, da schüttelt die ältere Verwandtschaft zornig den Kopf. Jedem, der es hören will, erklärt sie: Nein, nein, nein, nein, nein, so werde das nie etwas mit der Wiederversöhnung. Man sei sehr enttäuscht vom Jungspund. Er hätte viel mehr Gefühl zeigen, er hätte sich noch einmal entschuldigen müssen für das Vergangene, Schande über ihn.

So könnte ein Freund der Parabel die Ereignisse verfremden, die sich auf der Pilgerfahrt Benedikts XVI. ins Heilige Land zutrugen. Der Papst sprach unter anderem in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Er begann mit einem Wort des Propheten Jesaja, er zitierte die Genesis und die Psalmen 9 und 98, und er schloss mit den ebenfalls alttestamentlichen Klageliedern, „gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht. Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn.“ Dazwischen hatte er das Gedächtnis der Opfer der Shoah beschworen; ihr Leid dürfe „nie geleugnet, herabgesetzt oder vergessen werden“.

Dann brach der Sturm los. Oberrabbiner Meir Lau erklärte den Fernsehkameras in vorwurfsvollem Ton, der Papst habe von den „getöteten“, nicht den „ermordeten“ Juden gesprochen, und er habe deren Zahl (sechs Millionen) unterschlagen. Die Rede sei eine „große Enttäuschung“ gewesen und „ohne Leidenschaft, Anteilnahme und Gefühl“.

Davon abgesehen, dass der sofortige öffentliche Tadel jedem Gebot der Höflichkeit und der Gastfreundschaft widerspricht: Dasselbe Argument bildete auch hierzulande den Cantus firmus der Papstkritik. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Graumann, war „sehr enttäuscht. Der Inhalt war zwar nicht schlecht, aber es sprang kein Funke über. Die Ansprache wirkte emotionslos, kühl und sachlich. Mehr Emotionalität wäre besser, wäre nötig gewesen.“

Der Generalsekretär des Zentralrats, Kramer, urteilte, die Rede habe Benedikts „Unglaubwürdigkeit“ erhöht. Der Papst hätte sich in Yad Vashem abermals von der Priesterbruderschaft St. Pius X. distanzieren müssen. Und die Präsidentin des Zentralrates, Knobloch, stellte einen dreiteiligen Forderungskatalog auf. Benedikt hätte in Yad Vashem sich von der Bruderschaft ebenso distanzieren müssen wie von deren Bischof und Geschichtsrevisionist Williamson und auch von der neu kompilierten Karfreitagsfürbitte zur „Erleuchtung“ der Juden.

Jeder darf in einem demokratischen Gemeinwesen jeden kritisieren in einem Tonfall, den er selbst für angemessen hält. Der Papst ist in dieser Hinsicht wahrlich nicht sakrosankt. Die Wortmeldungen aus dem organisierten Judentum zeigen jedoch, dass der Zentralrat weder die Neigung verspürt noch die Kompetenz besitzt für ein jüdisch-katholisches Religionsgespräch. Aus zwei Gründen ist dieses Vakuum nicht verwunderlich. Der Zentralrat ist eine politische Interessenvertretung. Für die geistliche Redeweise des Papstes fehlt ihm das Sensorium.

Zum zweiten ist der Dialog zwischen altem und neuem Bund für Christen theologisch essentiell, für Juden aber im besten Fall kulturell interessant. Jeder Christ muss die jüdischen Wurzeln seines Glaubens wach halten und jeglichem Antisemitismus entgegen treten, ist dieser doch immer auch ein Anschlag auf das eigene Bekenntnis. Jesus war Jude, und unter Juden begann seine Mission. Für Juden hingegen ist der eigene Glaube durchaus komplett, wenn sie in Jesus keinen Messias sehen. Christen erblicken darin, neutestamentlich geschult, ein Defizit.

Aus dieser Schieflage kann sich das Religionsgespräch nicht befreien. Die „Jüdische Allgemeine“ beklagt immer wieder, dass es für die ritualisierten Gespräche von jüdischer Seite nur wenig kompetente Partner gibt. Die Aufregungen um Benedikts Yad-Vashem-Rede belegen, dass der Zentralrat aufgrund seiner politischen Brille als Dialogteilnehmer ausfällt. Ein Gespräch kann nicht in Gang kommen, wenn die eine Seite am Gegenüber nur dessen tatsächliche oder vermeintliche Schattenseiten wahrnimmt. Vertrauen ist der Anfang, Misstrauen das Ende von allem.

Auf humorvolle Weise erkannt hat dieses Ungenügen der New Yorker Rabbiner Irwin Kula. Mit Blick auf Richard Williamson erklärte er: „Wo ist bei dieser zwar irritierenden, aber im Gesamtbild doch eher unbedeutenden Sache die ‚Verhältnismäßigkeit’, wo die Bereitschaft, im Zweifel nicht gleich das Schlimmste zu vermuten, die doch ein zentraler religiöser und spiritueller Imperativ sein müsste? Wollen wir Juden wirklich nach dem Schrulligsten, Verkehrtesten, Beleidigendsten und Dümmsten beurteilt werden, was irgendwo in der Welt ein Rabbi über Katholiken oder Christen sagt?“

Bei der letzten Etappe übrigens auf seiner Pilgerfahrt, in der Grabeskirche zu Jerusalem, sagte Benedikt XVI.: „Das Evangelium beteuert uns, dass Gott alles neu machen kann, dass Geschichte sich nicht wiederholen muss, dass Gedächtnisse geheilt werden können, dass die Bitterkeit von Beschuldigung und Feindseligkeit überwunden werden kann“.


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