22. Mai 2009

Philosophische Praxis (Vol. 17) Freundschaft

Das Gute im Sinn

Allem Anschein nach sind Freundschaften stabiler, dauerhafter und weniger neurotisch als jede andere persönliche Beziehung. Dies hat seinen Grund darin, dass Freundschaften überwiegend auf der Freiwilligkeit unserer Wahl und unserer Entscheidung beruhen, im Unterschied zu verwandtschaftlichen oder erotischen Bindungen, die uns durch die Natur, durch das Gesetz oder durch geschlechtliche Anziehung gleichsam aufgenötigt werden.

Was Kinder an ihre Eltern bindet, ist eher der Respekt. Freundschaft hingegen lebt vom ungehinderten Gedankenaustausch. Dieser ist zwischen Eltern und Kindern nur beschränkt möglich, aufgrund des Unterschieds im Alter und im Rang. Auch charakterlich können sich selbst Blutsverwandte derart fernstehen, dass es nur selten zu persönlicher Vertrautheit kommt. Und was das Verhältnis zwischen Männern und Frauen anbelangt, so ist ja durchaus fraglich, ob es so etwas wie Freundschaft dort überhaupt gibt.

Aus diesen und anderen Gründen findet sich im Rahmen der philosophischen Tradition fast durchgängig die Meinung, dass es sich bei der Freundschaft, vornehmlich bei der unter Männern, wohl um die edelste Form menschlicher Bindungen handeln müsse. Aristoteles etwa hielt die Freundschaft für noch wichtiger als die Gerechtigkeit. Wahre Freundschaft sei uneigennützig, habe das Gute im Sinn und bringe im jeweils Anderen stets auch nur das Gute ans Licht.

Überdies, so Michel de Montaigne, sei es unter Freunden die vornehmste Verpflichtung zu mahnen und zurechtzuweisen, was philosophisch eine bedeutsame Rolle spiele, weil es die innere Einsicht, das heißt die Selbsterkenntnis rein prinzipiell befördere.

Dementsprechend wurde die Freundschaft oft überhöht und idealisiert, so etwa auch von Montaigne selbst, der damit Vorstellungen der Romantik um Jahrhunderte vorwegnahm: Im Unterschied zum Liebesfeuer herrsche in der Freundschaft „eine allgemeine Wärme, die den ganzen Menschen erfüllt und die außerdem immer gleich wohlig bleibt; eine dauernde stille, ganz süße und ganz feine Wärme, die nicht sengt und nicht verletzt“. Im Unterschied zur sinnlichen Liebe bleibe die Freundschaft „etwas Geistiges, und die Seele veredelt sich in ihr“.

Immanuel Kant, der im Denken stets nüchtern blieb, hielt solche Reden für übertrieben. In ihrer „Reinigkeit und Vollständigkeit“ sei die Freundschaft letztlich unerreichbar, eine bloße Idee und als diese vor allem das „Steckenpferd der Romanschreiber“. Trotzdem tue es Not nach ihr zu streben, als eine „ehrenvolle Pflicht“. Ihr moralischer Kern sei „das völlige Vertrauen zweier Personen in wechselseitiger Eröffnung ihrer geheimen Urteile und Empfindungen, soweit sie mit beiderseitiger Achtung gegeneinander bestehen kann“.

Freundschaften geben demnach Halt, machen Mut, spenden Trost und erhöhen ganz generell die Zuversicht. In Phasen der Unsicherheit, Umstrukturierung, Desorganisation und Gefährdung sind sie ein Hort der Stabilität. Gerade in Krisenzeiten, in denen wir uns in unserer Umgebung und Kultur zunehmend unbehaglich fühlen und weitgehend im Vorgefühl einer Umwandlung der Dinge stehen, klammern wir uns an dieses Urgefühl. Wesentliches Charakteristikum der Freundschaft wird so auch die Beständigkeit und Treue, beides Qualitäten, die jeder „Geselligkeit“ und Illusion der Eintracht wortlos den Abschied geben.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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