Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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60 Jahre Bundesrepublik: Eine spezifisch "deutsche Krankheit" gibt es nicht

von Gérard Bökenkamp

Ein internationaler Vergleich zu Wirtschaft, Demographie und Familie

25. Mai 2009

Die Bundesrepublik ist 60 Jahre alt geworden. Damit ist sie älter als die DDR; die Weimarer Republik und das wilhelminische Kaiserreich. Diese Jahrzehnte waren begleitet von einer nicht enden wollenden Debatten über die „Normalität“ deutscher Staatlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei jedem Hauch einer Wirtschaftskrise oder Erfolg radikaler Splitterparteien bei Wahlen wurde thematisiert, inwieweit Bonn nicht Weimar war und inwieweit eine Krise das ganze System zum Zusammensturz bringen könne. Das Selbstbewußtsein der Bundesburger basierte sehr stark auf dem Wirtschaftswunder und der stabilen DM. Um so größer war die Beunruhigung, als sich nach der Wiedervereinigung rasant steigende Schuldenlasten,  hohe Arbeitslosigkeit einstellte und die Auswirkungen des demographischen Wandels nicht mehr zu leugnen waren. Das Wort von der „deutschen Krankheit“ ging plötzlich um. In diesem Beitrag soll nun geprüft werden, inweiweit es eine spezifisch "deutsche Krankheit" gibt, die Bundesrepublik unter weitreichenden ökonomischen oder moralischen Problemen leidet, die sich grundsätzlich von anderen Staaten negativ unterscheiden. Stellt die Bundesrepublik also eine Art Sonderweg da oder ist sie in der Normalität angekommen?


Schon eine oberflächliche Betrachung der statistischen Zahlen des CIA-Factbook zeigt, dass sich die Vorstellung von einem negativen Sonderweg nur schwer rechtfertigen lässt. Großbritannien verzeichnet eine Schuldenquote von über 74 und die USA von über 60 Prozent, Frankreich hat eine Staatsverschuldung von 67 Prozent des Bruttosozialproduktes, Belgien von 80,8 Prozent,   Italien von über 100 und Japan von über 170 Prozent. Deutschland reiht sich mit 62 Prozent im Mittelfeld ein.(Durch die Finanzkrise wird sich dies noch einmal anders darstellen) Offiziell lag die Arbeitslosigkeit im letzten Jahr in der Bundesrepublik bei rund acht Prozent. Das ist doppelt soviel wie in Staaten wie Hongkong und Japan, aber etwa dasselbeselben Niveau wie das Frankreichs. Vor der Finanzkrise lag die Bundesrepublik laut FAZ, was die Staatsquote angeht, im internationalen Vergleich im Mittelfeld hinter den skandinavischen Ländern wie Schweden und Dänemark und Frankreich, die zwischen 53 und 57 Prozent Staatsanteil am BIP aufwiesen.Die Vereinigten Staaten hatten eine Staatsquote von 36,4 Prozent, Neuseeland 36,7 Prozent, Australien 35 Prozent und Irland 33,7 Prozent und  wiesen damit geringere Staatsquoten als Deutschland auf. In Großbritannien aber stieg die Staatsquote unter der Labour-Regierung wieder auf 45 Prozent an, also etwa auf das offizielle Niveau der Bundesrepublik.


Es lässt sich also schwer sagen, dass die Bundesrepublik deutlich negativere Ergebnisse zu verzeichnen hat als andere Industriestaaten. Der extrem negative Eindruck seit der Jahrtausendwende ist dadurch entstanden, dass in den neunziger Jahren und auch noch in den ersten Jahren dieses Jahrtausends ein deutlicher Kontrast zu erkennen war zwischen der regulierten und von Arbeitslosigkeit geplagten Bundesrepublik auf der einen und den ökonomisch wenigstens oberflächlich freieren Staaten USA und Großbritannien auf der anderen Seite. Diese Konstellation war aber, betrachtet man die Entwicklung in jüngster Zeit, offenbar nur eine historische Episode.


Bis in die siebziger Jahre hinein, herrschte in der Bundesrepublik eine größere ökonomische Freiheit als in den USA, Frankreich oder Großbritannien. Unter der Führung der deutschen Ordoliberalen hatte Westdeutschland in Europa einen positiven Sonderweg eingeschlagen. Während Frankreich, Großbritannien und Italien auf Verstaatlichung setzten, setzte Westdeutschland auf marktwirtschaftliche Rezepte. Damals stand Großbritannien kurz vor dem Kollaps und die USA unter Nixon und Carter kämpften mit hohen Inflationsraten und drangsalierten ihre Wirtschaft mit Preiskontrollen. Von einer besonderen angelsächsischen Freiheit im Sinne von Adam Smith oder Thomas Jefferson war nichts zu spüren. Die Ironie der Geschichte war, dass das Land, das den Zweiten Weltkrieg verloren hatte, ökonomisch stärker war als die Sieger.


Durch die Politik von Thatcher und Reagan in Großbritannien und den USA und in Folge der Politik der sozialliberalen Koalition und der Wiedervereinigung in Deutschland änderte sich das Bild. Die USA und Großbritannien galten nun als Hort der Freiheit und die Bundesrepublik als Hort von Bürokratie und Regulierung. Die Wahl von Barack Obama und die Mißwirtschaft von Gordon Brown, belegen allerdings, dass es sich hier nicht um einen grundsätzlichen mentalen Unterschied, sondern lediglich um ein politische Wellenbewegung handelt. Einige Zeit lang profitieren die einen von größerer ökonomischer Freiheit und leiden die anderen unter dem Trend zur Regulierung, dann geht das Pendel wieder in die andere Richtung. Bemerkenswerte ist, dass Deutschland, wenn man sich die Zahlen ansieht, sich nicht deutlich im negativen Sinne von den anderen Industriestaaten, was Schulden und Arbeitslosigkeit angeht, abhebt, obwohl kein anderes Land in der Situation war mit den Folgen einer maroden sozialistischen Wirtschaft fertig zu werden und 16 Millionen Bürger eines kollabierenden realexistierenden sozialistischen Staates in die Wirtschaftsordnung zu integrieren.

Wenn die Bundesrepublik sich heute trotz dieser Herkulesaufgabe eher stärker als schwächer darstellt, als etwa sein westlicher Nachbar Frankreich, dann ist das ein Beleg dafür, dass das zentralistische, auf mächtige Personen konzentrierte und um eine Staatselite aufgebaute System westlich des Rheins noch weniger in der Lage ist als das der Bundesrepublik, mit den wichtigsten wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen fertig zu werden. Nun kann man natürlich auf die Fehler des Wiedervereinigungsprozesses verweisen, es bleibt aber eine offene Frage ob Frankreich, Großbritannien oder Italien mit einer ähnlichen Situation besser fertig geworden wären. Das ist aber sehr zu bezweifeln.


Kommen wir nun zu der Problematik, die mit den größten Zukunftsängsten und Sorgen verbunden ist, der demographischen Entwicklung. Manche Kritiker halten die niedrigen Geburtenraten in der Bundesrepublik für ein Versagen der politischen Klasse, oder eine Folge der Umerziehung durch die Alliierten oder schreiben sie dem negativen moralischen Einfluss der 68er Bewegung zu. Das ist aber sehr unwahrscheinlich, da es sich bei den sinkgenden Geburtenraten ganz offensichtlich um ein globales Phänomen handelt.


Schauen wir uns die Zahlen an: Die USA steht mit knapp über 2 Kindern pro Frau zwar deutlich besser da als die Bundesrepublik. Deutschland hat eine Fruchtbakeitsrate von etwa 1,4 Kindern pro Frau, darin sind schon die höheren Geburtenraten der Einwanderer enthalten.  Das gilt aber wahrscheinlich in noch größerem Maße auch für Frankreich mit seinen 1,98 Kinder pro Frau, für die Niederlande mit 1,66 Kindern, Belgien mit 1,65 und Großbritannien mit 1,66 Kindern pro Frau, die auch eine hohe Zahl von Einwanderern aufweisen. Die Schweiz steht mit 1,4 Kindern nur knapp besser da als die Bundesrepublik. Östereich, Italien, Griechenland, Spanien und Polen bleiben mit knapp über oder unter 1,3 Kindern demographisch hinter der Bundesrepublik zurück. In den asiatischen Tigerstaaten Singapur, Süd-Korea, Hongkong und Japan sieht es mit Geburtenraten zwischen 1,0 und 1,3 noch ein ganzes Stück düsterer aus. Die demographische Entwicklung in der Bundesrepublik ist also mit nichten eine deutsche Besondersheit, sie ist die Ausprägung eines globalen Trends, auf den die Regierung vermutlich wenig Einfluss hat.


Dafür spricht auch, dass die Familienwerte offenbar in der Bundesrepublik nicht stärker beschädigt wurden, als in anderen vergleichbaren Staaten. Die Scheidungsraten in Deutschland liegen laut IDEA-Spektrum zwar höher als in Frankreich, der Schweiz oder Österreich. Sie liegt aber hinter der von Großbritannien und deutlich hinter der der USA. Zu demselben Ergebnis kamen auch die Statistiker der Vereinten Nationen. Kommen wir nun zu einem moralisch besonders umstrittenen Thema, das mit der Demographieproblematik zusamenhängt – Abtreibung. Für Großbritannien gibt es laut Regierungstellen fast 200000 Schwangerschaftsabbrüche im Jahr, in den USA laut den zugänglichen Informationen auf Wikipedia über 800 000, in Frankreich etwa 150 000 und Japan über 340000. Die Bundesrepublik liegt laut statistischem Bundesamt mit ca 130 000 auf demselben Niveau in absoluten Zahlen wie Italien, das allerdings eine geringere Bevölkerungszahl aufweist.


Wenn man die absoluten Zahlen in ein Verhältnis zur Bevölkerungszahl setzt, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Zahlen für die Bundesrepublik eher unterdurchschnittlich sind. Da aber genauer untersucht werden müsste, wie diese Zahlen zu Stande kommen und Dunkelziffern eine große Rolle spielen, muss man mit einer solchen Aussage vorsichtig sein. Das ist aber auch nicht entscheidend. Auf jedenfall ist nicht erkennbar, dass die Bundesbürger mit dieser Problematik leichtsinniger umgehen, als die Bürger anderer Industriestaaten. Es ist insgesamt nicht erkennbar, dass die Familie in Deutschland einen stärkeren Niedergang erfährt als in anderen westlichen Industriestaaten oder dass die Deutschen weniger verantwortungsvoll mit dem Leben umgehen – eher im Gegenteil. Es deutet einiges darauf hin, dass die traditionelle Familie in Deutschland einen stärkeren Stand hat als in anderen europäischen Staaten und selbst als in einigen Teilen der USA.


Fazit: Die Bundesrepublik ist ein Industriestaat wie jeder andere auf diesem Globus. Einige Probleme sind stärker, andere Probleme sind schwächer ausgeprägt, aber insgesamt bewegt sich das wiedervereinigte Deutschland im Trend. Weder in sozio-ökonomischer noch in kulturell-moralischer Hinsicht unterscheidet sich die Bundesrepublik heute grundsätzlich von anderen Staaten desselben Entwicklungsniveaus. Das heißt nicht, dass alle Entwicklungen, mit denen wir in diesem Land konfrontiert werden, erfreulich sind, aber es handelt sich bei den negativen und zum Teil bedrohlichen Tendenzen zur Verschuldung, Verstaatlichung und Bevormundung nicht um den Ausdruck einer „deutschen Krankheit“ oder um spezielle Defizite der Bundesrepublik, sondern auch im Hinblick auf die kulturellen und demographischen Umbrüche um einen globalen Trend. Diese Phänomene können also nicht aus einem rein nationalen Blickwinkel heraus interpretiert werden. Allen anstrengenden Indentitätsdebatten zum Trotz ist die Bundesrepublik heute ein stinknormaler Staat – mit allen Problemen der modernen bürokratischen Ordnung.



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