Thomas Fink

Jahrgang 1954, Publizist.

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Gesellschaft: Der funktionelle Soziopath

von Thomas Fink

Von der Züchtung eines neuen Menschenschlages

Ein 18-jähriges Mädchen trifft in einer geselligen Runde eine Freundin, mit der sie viele Wochen nicht gesprochen hat. Während der Unterhaltung erinnert sie sich an eine „komische Sache“ bezüglich einer gemeinsamen Freundin. Diese Freundin hatte vor einiger Zeit gegenüber Bekannten angegeben, für das Wochenende weg zu sein, auf einen Ausflug irgendwohin. Anschließend hat man von der Freundin nichts mehr gehört und gesehen, obwohl diese bis dahin regelmäßig Kontakt per Telefon gehalten hatte. Deshalb neugierig geworden, wollte ein Trio von Vertrauten sie etwa zwei Wochen nach dem „Wochenend-Ausflug“ in ihrer Wohnung besuchen. Sie fanden die Tür angelehnt und betraten die Wohnung. Es gab keine Anzeichen dafür, dass jemand die Wohnung in den letzten zwei Wochen bewohnt hatte. Nichts fehlte, aber ein paar Dinge waren seltsam zerbrochen. Das Trio verließ die Wohnung dann wieder und ging getrennte Wege. Es wurden keine weiteren Untersuchungen angestellt. Es waren nun mehr als zwei Monate vergangen, die „komische Sache“ war zu einer Anekdote geworden und die gemeinsame Freundin blieb verschwunden.

Dies ist nur einer von Dutzenden von ähnlichen Fällen, die mir in den letzten Jahren bekannt geworden sind. Sie sind nicht so spektakulär wie Schulmassaker, haben mit diesen jedoch einen merkwürdigen emotionalen Missklang gemeinsam. Es erschreckt und gibt uns Rätsel auf, wenn ein Teenager wegen Hänselei oder Depressionen ein Dutzend seiner Mitschüler umbringt; aber ist es nicht genauso rätselhaft und frappierend, wenn „Freunde“ nicht in der Lage zu sein scheinen, genug Sorge zu empfinden um Alarm auszulösen, wenn eine Vertraute einfach verschwindet?

Ich glaube, dass diese Missklänge auffällig und weit verbreitet sind. Bis jetzt ist es immer noch relativ selten, dass sie in extreme Gewalt münden. Wenn meine Theorie über das, was hier passiert, sich jedoch als richtig erweist, werden wir in den kommenden Jahren noch viel mehr scheinbar unerklärliche Gewalt sehen.

Was ist meine Theorie? Ich bin davon überzeugt, dass wir zurzeit die ersten Ergebnisse der Folgen eines systemweiten Zusammenbruchs der Kindererziehung im familiären und institutionellen Bereich erleben.  Dieser Zusammenbruch bringt einen neuen virulenten Stamm von Persönlichkeitsgestörten hervor: die funktionellen Soziopathen.

Ein Soziopath ist ein Mensch ohne Gewissen und ohne tiefere emotionale Bindungen zu anderen Menschen, individuell und kollektiv. Die Wissenschaft sucht seit langem nach einer organischen Grundlage für diese Art von Krankheit. Es ist aber auch bekannt, dass frühe Umwelt-Einflüsse eine wichtige Rolle bei der Formung einer menschenverachtenden Persönlichkeit spielen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir, als Kultur, über eine zufällige Kombination von Bildungspädagogik und Kindererziehung Ansätze geschaffen haben, die praktisch ideal sind für die Erzeugung menschenverachtender Persönlichkeiten bei anderenfalls gesunden Kindern.

Dass die Stärkung des Selbstwertgefühls  heute das Haupt-, wenn nicht das Kardinalziel der elementaren Bildung ist, reduziert bei Kindern drastisch deren Möglichkeit, den notwendigen Schmerz darüber wahrzunehmen, dass die Welt, außerhalb von ihnen, Anforderungen an sie stellen kann und stellen wird. Dies ist ein Verlust, der jenen Mechanismus verkrüppelt, durch den Kinder aus infantiler Absorption zu in vollem Umfang individuierten, ethisch erwachsenen Persönlichkeiten reifen. Mit anderen Worten. Die Freizügigkeit, die mit der Emphase auf das Selbstwertgefühl einhergeht, sabotiert die Entwicklung eines echten Selbst jeder Art.

Was will der coole Junge von heute? Respekt!

Wofür? Dafür, das er ein cooler Junge ist.

Und das coole Mädchen und der coole Junge wissen dabei immer weniger, bekommen dafür aber bessere Noten. An den Schulen wird mehr und mehr „eine Leistungsbewertung propagiert, die Quoten für die Vergabe von guten Noten und Abschlüssen unabhängig von der tatsächlich erreichten Leistung“ festlegt, wie Jan Fleischhauer in seinem Buch „Unter Linken“ beschreibt. In der Germanys-next-Superstar-Kultur wird diese (wenn überhaupt) zu Mittelmäßigkeit dann zu Genialität aufgeblasen. In der Familie wird der Vater, wenn er noch da ist, zum Kumpel. Und wenn er nicht mehr da ist, geht die Mutti mit der Tochter einen aufreißen.

Das alles ist nur die Tünche einer erschreckenden Leere und Kälte. Auf der Ebene der Tünche, der Oberfläche, ist der funktionelle Soziopath völlig unauffällig.

Theodore Dalrymple beschreibt in seinem Essay „Vergiftet durch Berühmtheit“ einen giftmischenden Massenmörder, der seiner Schwester (die einen Vergiftungsversuch überlebte) von „der schrecklichen Kälte in mir“ erzählte. Seine einzige Motivation für die zahlreichen Morde war der Wunsch berühmt zu werden. Dalrymple schließt sein Essay mit den Worten: „Könnte eine Ausbreitung dieser Kälte unsere gegenwärtige Besessenheit mit Prominenten nicht zu erklären helfen?“ Ja, sie könnte. Aber diese Kälte brennt in jenen, oft angefeuert durch Drogen und Psychopharmaka, deren inferiores Selbstwertgefühl von der Realität zurechtgestutzt wurde. Und wenn diese nicht im Schützenverein sind, dann haben sie Autos. Oder Messer. Oder Gabeln.

26. Mai 2009

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