08. Juni 2009

Schuldkultur Karstadt, die Scham und eine öffentliche Hand

Den Staat als absoluten Souverän gibt es nicht mehr

Der Mann weiß, was er will. Seit Karl-Gerhard Eick den Chefsessel des durch seine Vorgänger zugrunde gerichteten „Handelsriesen“ Arcandor/Karstadt übernommen hat, übt er sich in einer nur in Kontinentaleuropa vorgesehenen Disziplin: dem öffentlichen Hilferuf. Nur die hiesige Schuldkultur erlaubt es, sein Gesicht zerknirscht zu Markte zu tragen, es zu wahren, indem man Schuld eingesteht, für diese aber keine Verantwortung übernimmt.

Die Schamkultur hingegen, wie sie jüngst in Südkorea das Leben eines ehemaligen Staatspräsidenten forderte, besteht aus dem Verschweigen dessen, wofür man sich schämt. Jede Schuld hat in dieser Perspektive Gründe, aber keinen direkten Verursacher. Scham hingegen braucht das Opfer einer Person.

Der Refrain der Hilferufe des Herrn Eick ist gleichfalls bemerkenswert. Die „öffentliche Hand“ möge helfen. Sie möge eine Bürgschaft von 650 Millionen Euro bereitstellen. Leicht kommt die Metapher über die Lippen. Gemeint ist natürlich, wie es „Verdi“-Chef Bsirske rasch präzisierte, „der Staat“. Aus dem Bundeshaushalt sollen die Mittel stammen, die das Überleben eines bestimmten privatwirtschaftlichen Unternehmens verlängern sollen, das Verscheiden verschieben. Welches Staats- und Gesellschaftsbild bemäntelt die Rede von der „öffentlichen Hand“?

Vermutlich meint die Hand pars pro toto deren beide. Mit rechter und mit linker Hand soll Geld ausgeschüttet werden. Hände brauchen, damit sie dergleichen tun können, Arme, die zu einem Rumpf führen, der in einen Kopf übergeht, in dem sich ein Gehirn befindet. Praktisch wären auch Beine, damit die Hände mal hierhin, mal dorthin gelangen können, wo man ihrer bedarf. Hände sind immer nur Teil eines Körpers, den sie nicht steuern.

Wem also gehört der leitende Rest des Körpers? Wer denkt die Gedanken, die die Hände zum Handeln veranlassen? In der romantischen Staatsphilosophie, zuweilen bei Novalis, Schlegel, Müller, ist der ganze Staat ein Makroanthropos, ein „großes Ich“, ein „gesellschaftlicher Körper“. Die Gesellschaft wird vom Staat her gedacht, das Individuum von der Gemeinschaft, die Freiheit von der Ordnung her. Eine egalitäre Demokratie wäre mit einem solchen Staatsbild nicht zu vereinbaren. Der Monarch ist der Kopf, die Stände gelten als Glieder. Erst innerhalb solcher Korporationen ist der einzelne bei sich.

Wer heute den Staat als Körper denkt und sich selbst diesem gegenüber positioniert, als Bittsteller und Gabenempfänger, der hat den Wandel zur repräsentativen Demokratie verschlafen; der will Untertan sein und untertänigst erhalten, was ihm gerade ermangelt. Die Bsirskes, Eicks, Münteferings und Seehofers, die schamlos nach dem Staat rufen, vergessen: Den Staat als absoluten Souverän gibt es nicht mehr.

Ein Staat, der solche Hilferufe erhörte, striche seine eigene Geschichte durch. Er wäre das denkbar größte Misstrauensvotum an die Freiheitsfähigkeit der Bürger, die ihn dereinst ins Leben riefen.


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