12. Juni 2009

Multi-Kulti Der Migrationsbericht und sein Spiegel in der „Welt“

Das Babylon des Thomas Schmid

Die Rolle des widerwärtigen Unsympathen ist in Lessings „Nathan der Weise“ vom christlichen Patriarchen besetzt. Zur vollen Kenntlichkeit seiner borniert-intoleranten Boshaftigkeit kommt er in jener Szene, in der er den Juden dem Feuertod überantworten will, weil jener ein Christenmädchen als Tochter aufgezogen hat. „Tut nichts, der Jude wird verbrannt“, so fertigt dieser Gottesmann wiederholt alle Einwände ab. Sein Urteil steht fest, unabhängig von der Wirklichkeit.

Die Rolle des Patriarchen spielen in diesen Tagen die Kritiker des jüngsten Migrationsberichts der Bundesregierung, der allerlei Unerfreuliches über bestimmte Zuwanderermilieus zutage fördert. Genauer: er bestätigt nur regierungsamtlich und mit wissenschaftlicher Autorität, was lange schon kein Geheimnis ist. Ein stupend überdurchschnittlich hoher Prozentsatz von Einwanderern lebt hierzulande von den sozialen Wohltaten, die die Arbeitenden erwirtschaften, dankt diese Fürsorge mit einem hohem Maß an krimineller Energie, Verachtung für die Einheimischen und gefällt sich in trotzigem Rückzug auf die Positionen einer archaischen Moral und eines ganz und gar unaufgeklärten Islam.

Optimisten könnte meinen, dass solche Befunde, deren Anstößigkeit nur durch rhetorische Kraftakte unserer  „Integrationsbeauftragten“ ins Gegenteil verkehrt werden können, auch unsere Freunde unter den Multi-Kulti-Schönschwätzern zur Einkehr bewegen würden. Realisten halten das allerdings für unwahrscheinlich und sehen sich flugs bestätigt. Kümmern wir uns dabei nicht um den heiter-verrückten Rand der Gesellschaft, lassen also die „taz“ außer Betracht, und wenden uns lieber Thomas Schmid zu, dem Chefredakteur der „Welt“-Gruppe im Springerverlag, der auf seinem neuen Chefredakteursblog gleich den Migrationsbericht kommentiert hat. Herausgekommen ist dabei ein prachtvolles Stück „Journalismus“, das zeigt, dass die Kolonisierung der Netzkommunikation durch Vertreter der  etablierten Printpublizistik nur die elende Fortsetzung eines schon lange untauglichen Modells in einem anderen Medium ist. Die heruntergekommene Leitartikelprosa mit ihrer Mischung aus Betroffenheitsposen, Faktenverdrehung und -unterschlagung sowie abenteuerlich irren Schlussfolgerungen und konsequenter Denkverweigerung feiert hier fröhliche Urständ.

„Erschütternd“ sei der Integrationsbericht, titelt Schmid, weil das regierungsamtliche Dokument zeige, dass Menschen mit „Migrationshintergrund“ nun „schlechter ausgebildet, eher arbeitslos und in der Regel sozial unten“ sind. Damit ist das ganze Problem auf eine Ebene geschoben, auf der es auch ein Sozialdemokrat verstehen kann: Es ist ein soziales Problem, und wie man Probleme diesen Typs löst, wissen wir ja alle. Ohne weitere Umschweife verschwindet dabei allerdings die Tatsache, dass es gar nicht um einen allgemeinen „Migrationshintergrund“ geht, denn die Engländer und Franzosen, die Spanier und Polen, die Vietnamesen und auch die Russlanddeutschen, die hierher kamen, fallen durchaus nicht in die Problemkategorie des Berichts. Es sind die Türken und Araber, Muslime also, auf denen der sorgenvolle Blick unserer Integrationsindustriellen ruht, die darüber aber nicht gern laut reden möchten.

Und Thomas Schmid möchte das schon gar nicht. Viel lieber möchte er den neuen deutschen Patriotismus für die gute Sache mobilisieren, und das geht so: Er denkt an die deutsche Auswanderung nach Amerika, auf die er gestoßen sein will, als er, „zusammen mit einem alten Freund“ einmal ein Buch geschrieben hat. Wir haben hier keinen Platz, um die Dezenz zu würdigen, mit der er uns den Namen jenes „alten Freundes“ verschweigt. Es ist Daniel Cohn-Bendit, mit dem zusammen er „Babylon“ verfasste, eine halbherzige Multi-Kulti-Schmonzette, von der der Ramsch bei Amazon derzeit noch 38 Exemplare ab 45 Cent feilhält. Nein, wir kümmern uns gleich um Schmids Erinnerung an die deutsche Auswanderung: „Die Leute verließen – weil bettelarm oder verfolgt – ihre pfälzische oder polnische Heimat, überquerten auf abenteuerlichem Weg den Atlantik, fanden sich in der Neuen Welt in einer völlig fremden Umgebung wieder, in der eine fremde Sprache gesprochen wurde. Doch die meisten legten los, bewiesen eine unglaubliche Zähigkeit und kamen, oft erst in der zweiten und dritten Generation, zum Erfolg.“

Wo er recht hat, hat er recht, der Schmid. So ist das mit der Auswanderung immer gewesen und so hat es, in bestimmten Fällen, zu einem Erfolg für Einwanderer und Einwanderungsland geführt. Von dieser Erinnerung aus läge ein kritischer Vergleich mit der gegenwärtigen Wanderungsbewegung nach Deutschland nahe. Deutlich würden dann die fundamentalen Unterschiede: Wo die einen auf die eigene Kraft vertrauen mussten und dabei das volle Risiko des Scheiterns liefen, hält man das Recht auf  Einwanderung heute für einen sozialstaatlich abgesicherten Anspruch. Die sozialpsychologischen und moralischen Folgen in beiden Fällen sind klar zu unterscheiden: Stolz auf die eigene Leistung und Dankbarkeit für die Chancen, die die neue Heimat bot, stehen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite nimmt das erbärmliche Gefühl, das eigene Leben nur auf Kosten fremder Wohltaten führen zu können,  eine aggressive Wendung. 

Aber die Idee, dass Würde eine Möglichkeitsform von Sein ist (Karl Kraus), die sich der Einwanderer zuerst und vor allem selber erarbeiten muss, fällt unters Denkverbot, weshalb unser Springer-Chefredakteur denn auch genau an dieser Stelle abbiegt. Das eklatante Scheitern der Integration bestimmter Einwandermilieus wird flugs aus der Verantwortung der Betroffenen eskamotiert und „unserem Land“ und seiner „Gesellschaft“ zugeschoben.

Damit ist die Welt wieder verdi-mäßig in Ordnung. Der Universalschuldner „Gesellschaft“, der in seiner deutschen Erscheinungsform ja unter besonderen Bewährungsauflagen steht, tritt wieder aus der Kulisse. Mögen erschreckend viele jungen Türken und Araber sich wie die Barbaren inszenieren, tut nichts, die Deutschen sind schuld. Wir werden uns doch nicht von der Wirklichkeit unsere Vorurteile diktieren lassen. Sollen die Deutschen doch gefälligst jedem Problemeinwanderer einen Integrationspaten an die Seite stellen, der ihn mit den hierzulande üblichen zivilisatorischen Grundfertigkeiten vertraut macht und ihn vorsichtig davon abbringt, gewisse heimatliche Bräuche eher seltener zu praktizieren. Schließlich muss es doch möglich sein, die Befunde des „Migrationsberichts“ so zu skandalisieren, dass am Ende Wolfgang Schäuble persönlich verantwortlich ist für jeden „Ehrenmord“, der hier passiert.

„Ein bloggender Chefredakteur war eigentlich überfällig“, schrieb Thomas Schmid, als er seine Expedition ins Internet ankündigte. Man wird sich darauf einrichten müssen, dass diese Sorte von Journalismus nicht sterben wird, bloß weil er nicht mehr die Papierseiten vollmachen darf.


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