14. Juni 2009

Philosophische Praxis (Vol. 20) Gibt es einen Fortschritt in der Moral?

Über die Höhe unserer Zeit

Prähistorische Quellen deuten darauf hin, dass man im Neolithicum Menschen mit Behinderungen gut versorgte. So wurden im Zuge von Grabungen in Deutschland und England zwei Skelette von etwa sechsjährigen Kindern geborgen, an denen sich das Krankheitsbild Hydrocephalus („Wasserkopf“) diagnostizieren ließ. Bemerkenswert ist, dass diese Kinder nicht ausgesetzt oder getötet wurden, so wie dies später bei den Griechen und Römern üblich werden sollte, sondern gepflegt und schließlich auch beerdigt worden waren.

In Südmähren entdeckte man das aufwendig geschmückte Grab einer mehrfach schwerst körperbehinderten Frau, die ein Alter von etwa zwanzig Jahren erreicht hatte, eine im Neolithicum nur knapp unterdurchschnittlichen Lebenserwartung. Unweit des Grabes fand man eine kleine Elfenbeinschnitzerei, die ihren deformierten Schädel kunstvoll und detailreich wiedergibt. Nordöstlich von Moskau befindet sich ein nahezu gleichartiges Grab.

In einer Höhle im Irak fand man das stark deformierte Skelett eines etwa vierzigjährigen Neandertalers, der aufgrund seiner angeborenen Behinderungen wohl niemals in der Lage gewesen sein dürfte, aktiv zur Sicherung seines Lebensunterhaltes beizutragen. Zusätzlich hatte dieser Mann noch einen schweren Unfall erlitten, bei dem er sich komplizierte Knochenbrüche zugezogen hatte. Trotzdem war es ihm möglich gewesen, nicht nur alle Verletzungen vollständig auszuheilen, sondern auch noch viele Jahre weiterzuleben. Das ist nur dann denkbar, wenn man annimmt, dass er durch die Angehörigen seiner Gruppe mitversorgt wurde.

Die Fürsorge für Kranke und Behinderte scheint bei den Neandertalern keine Ausnahme gewesen zu sein. Denn gut verheilte schwere Verletzungen mit fehlenden oder geringen Anzeichen einer Wundinfektion finden sich noch an einer Reihe weiterer Neandertalerskelette, was auf eine ausgezeichnete Krankenpflege hinweist.

Diese und auch andere archäologischen Erkenntnisse lassen die vorsichtige Schlussfolgerung zu, dass Phänomene wie Mitleid, Mitmenschlichkeit und Moral in der Steinzeit durchaus vorhanden und ein Teil der natürlichen Ordnung waren. Dazu brauchte es offenbar keine christliche Religion, keine Deklaration der Menschenrechte und auch keine staatliche Gesetzgebung.

Im Unterschied dazu wurden in den Demokratien der Gegenwart in den letzten Jahrzehnten Millionen an ungeborenen Kindern ermordet, ohne dass dies für die Mehrheit der Wähler jemals ein nennenswertes Problem dargestellt hätte. Mittlerweile macht man sich auch Gedanken darüber, wie mit alten und schwerkranken Menschen in Zukunft umzugehen ist, ob sich dieser wachsende Posten überhaupt noch finanzieren lässt. Und gar nicht so selten hört man von „aufgeklärten“ Bürgern, dass man Bettlern keine Almosen mehr zu geben braucht, weil der Staat für solche Fälle Dienste eingerichtet hätte, für die man ja schließlich Steuern bezahle.

Daraus lässt sich Folgendes schließen: In einer Demokratie wird das Gewissen des Staatsbürgers nach und nach durch das Gesetz ersetzt. Im Idealfall handelt der Wahlberechtigte nur mehr nach denjenigen Maximen, die demokratisch legitimiert wurden. So ist er immer auf der „Höhe“ seiner Zeit. Ein solches System als den Gipfelpunkt der Humanität und als das Ziel der Geschichte zu betrachten, kann unmöglich gutgeheißen werden.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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