17. Juni 2009

Philosophische Praxis (Vol. 21) Die Politik im Genick

Krokodilologie aus einem Kasperltheater

Kasperl: Die einen strahlen übers ganze Gesicht. Den anderen gelingt das nicht. Die einen wollen das Rathaus erobern, die anderen uns die Zigarren abschneiden.

Pezi: Zwick, zwack!

Kasperl: Den Klugen hör ich zwar zu, muss aber dann gähnen wie ein Nilpferd.

Pezi: Uhhaaaa!

Kasperl: Die Lustigsten sind die Peinlichen und die Ordinären sind furchtbar ordinär.

Pezi: Extraordinär!

Kasperl: Die sind gar nicht souverän. Den meisten ist anzusehen, dass sie drum betteln, dass wir die Zetteln am Wahltag in der Pappendeckelzelle an besagter Stelle mit dem Kugelschreiber kreuzerln.

Pezi: Du Kasperl, ich muss mich schneuzerln!

Kasperl: Ja Pezi, schneuz Dich ruhig, aber nicht in die Zetteln, gell. Weißt, die betteln alle und sagen: Mach dein Kreuzerl und geh! Na geh! Geh in die Pappendeckelzelle und kreuz uns an!

Pezi: (schneuzt sich in einen Wahlzettel) Das ist mir wuascht!

Kasperl: Aber was wollen die eigentlich? Der Max Weber hat eine Antwort. Der sagt: „Wer Politik treibt, erstrebt Macht: Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele (idealer oder egoistischer) oder Macht ‚um ihrer selbst willen‘, um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu genießen“.

Pezi: Der Weber ist ein Streber!

Kasperl: Na geh, hör zu Pezi. Er sagt auch: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“.

Pezi: Krawuzikapuzi! Das sagt er?

Kasperl: Ja, auch: „Herrschaft soll heißen: Die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“.

Pezi: Hör auf!

Kasperl: Und dann: „Disziplin soll heißen: Die Chance, kraft eingeübter Einstellung für einen Befehl prompten, automatischen und schematischen Gehorsam bei einer angebbaren Vielheit von Menschen zu finden“.

Pezi: (rülpst) Du Kasperl, mir wird schlecht!

Kasperl: Und eines sagt er noch, der Max Weber: „Der Staat ist ein auf das Mittel der legitimen, das heißt: als legitim angesehenen, Gewaltsamkeit gestütztes Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen. Damit er bestehe, müssen sich also die beherrschten Menschen der beanspruchten Autorität der jeweils herrschenden fügen“.

Pezi: Das sagt das Krokodil auch immer, weil es nicht mag, dass ich wegrenne, wenn es mich fressen will. Und warum sagt das der Weber?

Kasperl: Na weil’s doch stimmt. Der war ein Krokodilologe. Der hat das Krokodil inwendig und auswendig ganz erforscht.

Pezi: Das ist mir aber jetzt nicht mehr wuascht! Dann kreuzen wir in der Pappendeckelzelle halt wen an, der nicht an die Macht will.

Kasperl: Pezi, mein Spezi, denk nach. So ein Kreuzerl gibt es nicht.

Pezi: Dann wähl ich die Neo-Liberalen!

Kasperl: Die kannst nicht wählen, Pezi. Außerdem sind die auch fürs Krokodil, halt fürs „Krokodil-Light“.

Pezi: Ich mag aber überhaupt gar kein Krokodil!

Kasperl: Dann musst Du Dir Dein eigenes Kasperltheater aufmachen und so gut sein, dass Du so viel Publikum hast und dadurch so viel Geld verdienst, dass sich das Krokodil brausen kann.

Pezi: Das Krokodil braust sich nie! Außerdem finden’s die Kinder lustig. Die freu’n sich immer, wenn’s kommt.

Kasperl: Wart ab.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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