26. Juni 2009

Josef Ludwig Reimer Der SPD-Sympathisant, der Hitler die Ideen gab

Nationalsozialismus als pangermanische Sozialdemokratie

„Ich habe alles getan, um die Forderung einer auf die germanische Menschheit beschränkten internationalen europäischen Sozialdemokratie... als eine Möglichkeit erscheinen zu lassen.“ Über den Wiener Schriftsteller Josef L. Reimer (1879-1955), der dieses Anliegen formuliert hat, ist biographisch kaum etwas bekannt. Und dies, obwohl mit Peter E. Becker die Frage gestellt werden muss, ob dieser Reimer etwa der Mann ist, „der Hitler die Ideen gegeben hat“. Für diese Rolle Reimers spricht vor allem die Tatsache, dass Hitler, wie jüngst die Studie von Reuth hinreichend belegt hat, wie Reimer selbst einst dem Sympathisantenkreis der SPD zuzurechnen war. Dies kann man von Lanz-Liebenfels nicht sagen, dem der Linkskatholik Wilfried Daim die Rolle des Ideengebers zuschrieb.

Sozialismus durch progressive Rassenpolitik

In seinem Hauptwerk „Ein Pangermanisches Deutschland“ legte Reimer sein Bedürfnis, sozialistische Weltbeglückungsideen über den Rassengedanken durch ein germanisches Weltreich zu verwirklichen, ausführlich dar. Diese Veröffentlichung erfolgte im Umfeld seines Lehrers, des Arztes Ludwig Woltmann (1871-1907). Von diesem einst aktiven Sozialdemokraten, der maßgeblich den „Revisionismus“ (Reformismus) seines damaligen Freundes Eduard Bernstein beeinflusst hatte, stammt der plausibelste Versuch, den Marxismus mit dem Darwinismus zu vereinigen, also die biologische und soziale Evolution theoretisch zu verbinden. Diese Synthese konnte jedoch nur bei einem Theorieansatz gelingen, der den anschließenden Übergang zur Rassenlehre fast unvermeidlich machte. Woltmann sollte deshalb seine Mitgliedschaft bei der SPD wegen des „widernatürlichen Wahns des Internationalismus“ beenden, der aus seiner Sicht dem Darwinismus widersprach: Dieser legte doch die Annahme nahe, dass nur aus einer selektiven Entwicklung einer progressiven Menschenrasse eine höhere Art hervorgehen könne, die dann den Sozialismus als höhere Stufe der Menschheitsentwicklung verwirklicht. Woltmann sah dabei „in den modernen Klassenkämpfen das Ringen der im Arbeiterstand vorhandenen germanischen Schichten nach Selbständigkeit und Freiheit“. Diese Bestrebungen könnten jedoch nur erfolgreich sein bei „Entmischung“ der europäischen Rassen durch künstliche Rückzüchtung, um damit die progressiven germanischen Rassenkerne im Interesse des Menschheitsfortschritts zur Entfaltung zu bringen.  

„Germanische Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“  

In Übereinstimmung mit Woltmann hielt auch Reimer die Sozialdemokratie als die „erfreulichste Erscheinung des öffentlichen Lebens“ seiner Zeit, weil sie das Bestreben „unseres Proletariats nach gleichberechtigter Anteilnahme am Kulturleben“ ausdrückte. Um eine „unüberwindliche, tonangebende und herrschende Linke“ im Reichstag herbeizuführen, müsste das Kaisertum von seinen feudalistischen Wurzeln, dem Gottesgnadentum und seiner Verbindung mit dem reaktionären Bürgertum getrennt werden. Es könnte dann eine wichtige Funktion beim Übergang zur rassendemokratischen Zukunft und bei der Errichtung eines germanischen Reiches als Voraussetzung des Sozialismus einnehmen, wo es dann unter Germanen keine Über- und Unterordnung mehr geben werde. Die Aristokratie müsste schon deshalb beseitigt werden, da diese durch ihre internationalen Verbindungen den germanischen Charakter verloren hätte, der nur mehr in der deutschen Arbeiterklasse zu finden war. Reimer versuchte die Rassentheorie mit dem sozialistischen Internationalismus zu versöhnen, indem er unter entschiedener Abgrenzung vom Universalismus nach Art des Katholizismus den sozialistischen Internationalismus rassentheoretisch auf die Proletarier germanischer Abstammung beschränkte: „Internationalismus heißt also seiner naturwissenschaftlichen Bedeutung nach Unterordnung mehrerer Nationen unter eine ihr gemeinsames Grundelement bildenden Rasse.“ Auf dieser Grundlage sollte mit Deutschland als Ausgangspunkt beginnend mit der Eingliederung der deutschsprachigen Gebiete Österreichs ein bis nach Sibirien reichendes pangermanisches Reich errichtet und in diesem großen vereinheitlichten Wirtschaftsraum der Sozialismus verwirklicht werden. Damit werde sich auch wahre Demokratie ergeben, deren Gleichheitsgedanke die einheitliche Rasse zur biologischen Voraussetzung habe. „Wir kennen nun die erste Grundlage wahrer Demokratie: die Rasse.“

Für die von Deutschland zu erobernden Gebiete schlug Reimer eine Trennung von Germanen und Agermanen vor, die durch Kommissionen „aus Anthropologen, Züchtern, Künstlern und Ärzten“ identifiziert werden sollten. Die germanischen Bevölkerungsteile sollten durch Maßnahmen der internationalistischen Entnationalisierung zu Pangermanen gemacht werden, um so die germanische Rassenbasis im Interesse des Menschheitsfortschritts zu verbreitern. Für die Agermanen wäre bei Ausschluss aus der germanischen Heiratsgemeinschaft – „extra connubium“ – ein Fortpflanzungsverbot (extirpatio) festzulegen: „Es wäre entschieden am einfachsten, wenn auf reichsterritorialem Boden der Vermehrung (Expansion) der Germanen ein Erlöschen (Extinktion) der Agermanen gegenüberstünde“, so Reimer. 

Ein kirchenloses Christentum

Mit dem kongenialen französischen Sozialisten Georges Vacher de Lapouge (1854-1936), den der späte Woltmann sehr bewunderte, war Reimer der Auffassung, dass die für die Verwirklichung des Sozialismus notwendige „Extinktion unerwünschter Bevölkerungselemente“ den Untergang des bisherigen Christentums zur Voraussetzung habe. Dessen Morallehren, insbesondere die des römischen Katholizismus, stellten nämlich ein Fortschrittshindernis dar. Um dieses Hindernis für eine sozialismusadäquate progressive Rassenpolitik zu überwinden, wäre über den gereinigten Protestantismus durch Entkirchlichung ein Christentum herbeizuführen, das die „Verzerrungen unseres Christus durch das jüdisch-völkerchaotische Milieu“ aufhebt und dem natürlichen Bedürfnis der germanischen Mentalität entspreche. Bei Reimer finden sich im Übrigen kaum antisemitischen Ausführungen, jedoch impliziert die Forderung einer Entjudäisierung als Voraussetzung eines sozialismusadäquaten Christentums eine antisemitische Stoßrichtung: „Da er ungermanischen Rassenelementen nur beschränkte Reichsbürgerschaft zuerteilt und ihnen eine Sonderstellung zum rassisch-völkischen Reichsverband angewiesen wissen wollte, ist anzunehmen, dass diese Beschränkung auch für Juden gelten soll“ (so Becker). Allerdings ist zu sagen, dass Reimer aus pragmatischen Gründen in die bestehende deutsche Staatsangehörigkeit nicht eingreifen wollte, auch wenn er bei den Süddeutschen viel „Agermanismus“ zu erkennen glaubte. Umso nachhaltiger sollte aber bei den zu erobernden Gebieten die Selektion, die „Zerlegung der germanischen und agermanischen Komponenten“ vorgenommen werden. Dabei sollte etwa bei den Wallonen eine größere Chance der Eingermanisierung bestehen als bei den slawischen Völkern.     

Revisionismus der Sozialdemokratie

Seine Ausführungen betrachtete Reimer als einen Beitrag im Revisionismusstreit der Sozialdemokratie. Dieser Streit ergab sich nicht nur aus der Verfehltheit der für die SPD maßgebend gewordenen marxistischen Doktrin, die durch den wirtschaftlichen Aufschwung des Kaiserreichs empirisch widerlegt war. Ein wesentlicher Aspekt dieser Krise war die Erkenntnis, dass sich der Marxismus doch nicht mit dem vor allem von Edward B. Aveling, dem Schwiegersohn von Karl Marx, unter Sozialisten popularisierten Darwinismus vereinbaren ließ. Die dadurch bewirkte theoretische Krise ist deshalb bedeutsam, weil die Kombination von Darwinismus und Marxismus letzteren erst zu einer für die Arbeiterschaft verständlichen Lehre gemacht hatte. Im Konfliktfall sprachen dann die besseren Argumente für den Darwinismus und damit – wollte man diesen Darwinismus weiterhin als theoretisches Argument zugunsten des Sozialismus verwenden (Nichtssozialisten bestritten diese Möglichkeit) – für die Plausibilität einer rassentheoretischen und damit naturwissenschaftlich erscheinenden Begründung des Sozialismus. Dass der Rassismus in diesem theoretischen Zusammenhang alles andere als fern liegend war, konnte man schon der Einordnung des Negerskeletts auf der Skala zwischen „Kaukasier“ und Gorilla im maßgeblichen Werk von Aveling ersehen. Reimer wies darauf hin, dass der Klassenkampf lediglich ein sekundäres Phänomen sei, das sich aus der falschen Verteilung der Produktionsfaktoren ergebe, entscheidend wäre aber der der progressiven Entwicklung zugrundeliegende technische Fortschritt, der dem germanischen Genie entstamme und damit rassische Grundlagen habe. Diesem Genie gelte es durch den Sozialismus und den durch ihn möglichen rassenpolitischen Maßnahmen zum Durchbruch zu verhelfen.

Reimer räumte ein, dass der Sozialismus, das heißt die Lehre von der Vergenossenschaftlichung, ein weiterer Begriff sei als Sozialdemokratie. Jedoch sei diese aufgrund ihrer Anhängerschaft und Organisation die maßgebliche Richtung dieser Lehre, der Reimer tiefsten Respekt zollte. Deshalb verwarf er den Versuch des liberalen Pastors Friedrich Naumann, der Sozialdemokratie durch Gründung einer konkurrierenden Arbeiterpartei Stimmen abspenstig zu machen. Diese Bemühungen würden schon deshalb zu kurz greifen, weil es unangebracht wäre, die sozialdemokratische Arbeiterschaft mit einem Deutschland auf der feudal kirchlichen Grundlage des alten Reiches zu versöhnen, anstatt mit Hilfe der Sozialdemokratie eine prinzipielle Änderung dieser Grundlage zu einer „demokratisch freiheitlichen“ Zukunft anzustreben. Außerdem habe Naumann zu sehr von der Nation her gedacht statt auf dem breiten Hintergrund von Rasse zu wirken. Es galt nach Reimer, dem Revisionismus, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Sozialdemokratie an Boden gewonnen hatte, eine andere Richtung zu geben: Wenn der sozialdemokratische Internationalismus rassisch werde, würden sich auch die Männer der Tat rechtzeitig einfinden.

Voraussetzung des Nationalsozialismus

Es ist nachweisbar, dass Hitler die Ansichten von Lapouge kannte, während es eine offene Frage bleibt, ob er sich auch mit den seinem Wiener Milieu entstammenden Auffassungen Reimers befasst hatte. Aufgrund der Ähnlichkeiten ihrer Weltanschauung wäre es überraschend, wenn diese Frage verneint werden müsste. Bei Reimer ist letztlich die Erfolgsvoraussetzung für das Phänomen definiert, das Reimer selbst theoretisch vorweggenommen hatte: die Entstehung des Nationalsozialismus durch die Krise des sozialdemokratischen Internationalismus. Dieser war bereits mit dem Ersten Weltkrieg gescheitert und der Versailler Vertrag raubte die letzten Illusionen. Da die SPD nicht bereit war, ihrer Ankündigung zu entsprechen, diesen Vertrag abzulehnen, um dann den „Kampf gegen den kapitalistischen Westen“ zugunsten des „neuen sozialen Deutschland“ aufzunehmen, wandte sich Hitler von der SPD ab und begründete gegen die SPD, was sich Reimer durch seine Vorschläge von der SPD selbst erhofft hatte, nämlich einen auf das Germanentum ausgerichteten Rassensozialismus. Das Potential dafür war erkennbar vorhanden: Schon bei Lassalle war etwa der Gedanke des Sozialismus als deutscher Weltherrschaft unter einer demokratischen Führerdiktatur formuliert worden. Vor allem lieferte der sozialistische Sozialdarwinismus genügend Material, um daraus eine eigene politische Agenda zu machen. Die SPD bekämpfte daher mit dem Nationalsozialismus ihre eigenen, teilweise verdrängten Ideologiebestandteile. Hitler blieb aber weiterhin wie einst Reimer und auch Woltmann der SPD zugetan: „In der Sozialdemokratie leben die rassisch einwandfreiesten besten deutschen Menschen zusammen“, so Hitler.     

Literatur

Edward B. Aveling: Die Darwin´sche Theorie, Stuttgart 1887

Ludwig Woltmann: Die Darwinsche Theorie und der Sozialismus. Ein Beitrag zur Naturgeschichte der menschlichen Gesellschaft, Düsseldorf 1899

Josef Ludwig Reimer:  Ein Pangermanisches Deutschland. Versuch über die Konsequenzen der gegenwärtigen wissenschaftlichen Rassenbetrachtung für unsere politischen und religiösen Probleme, Leipzig 1905

Peter Emil Becker: Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus und Völkischer Gedanke. Wege ins Dritte Reich, Teil II, Stuttgart 1990

Josef Schüßlburner: Roter, Brauner und Grüner Sozialismus. Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus, Lichtschlag Medien und Werbung KG, Grevenbroich 2008

Ralf Georg Reuth: Hitlers Judenhass. Klischee und Wirklichkeit, München / Zürich 2009


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