09. Juli 2009

Philosophische Praxis (Vol. 23) Über den Gebrauch des Wortes „Gesellschaft“

Phrase und Kampfbegriff

Wenn Menschen sich dazu aufschwingen, von „unserer Gesellschaft“ zu sprechen – und dabei Sätze bilden wie „Das ist gut für unsere Gesellschaft“ oder „Unsere Gesellschaft verlangt dies oder das“ –, so sind sie meist davon überzeugt, dass diese Gesellschaft leibhaftig existiert und mit ihr derart vernünftig geredet werden kann, dass klar zu erkennen ist, was sie im Grunde will.

Doch wer ist diese Gesellschaft, die man die unsere nennt und die man so gerne und so oft zitiert? Wer ist dieses „Wir“, von dem allerorts die Rede ist? Ist „unsere Gesellschaft“ nicht bloß eine Phrase, eine Verlegenheitsbezeichnung, zu der man greift, wenn man nicht genau weiß, wovon man spricht?

Zweifellos hat der Begriff der Gesellschaft einen bestimmten Zweck, denn die Verwendung von Sprache ist zwangsläufig mit Theorien über unsere Umwelt verbunden, ganz gleich, ob uns die Bedeutung der Worte nun bewusst wird oder nicht. Deshalb haben Philosophen und Wissenschafter auch stets daran gedacht, ihre Theorien mit Hilfe geeigneter Begriffe deutlich zu markieren, um sie leichter verbreiten zu können.

Speziell sozialistische Agitatoren haben immer wieder Reformen der Sprache vorgeschlagen, um die Massen zu ihren eigenen Überzeugungen zu bekehren. Eine dieser Überzeugungen, die sich von Karl Marx herleitet und in der Folge weltweit durchsetzen konnte, besteht darin, den Begriff „Gesellschaft“ (lat. societas) dahingehend zu gebrauchen, dass er eine gemeinsame Verfolgung gemeinsamer Ziele voraussetzt, die nur durch bewusste Zusammenarbeit zu erreichen sind. Der Ausdruck „Gesellschaft“ diente den Sozialisten demnach von Anfang an als Kampfbegriff und war vor allem dazu da, die Unterscheidung zwischen dem Staat und anderen Institutionen zu verwischen.

Ganz generell, so Friedrich August von Hayek, haben sich sozialistische Autoren, wie etwa Hegel, Comte oder Marx, hinsichtlich der „Gesellschaft“ einer animistischen Denk- und Redeweise bedient, was bedeutet, dass sie die „Gesellschaft“ stets als beseelt betrachteten und ihr einen höheren Zweck unterstellten. Sozialistische Philosophen, so Hayek, haben den Begriff der Gesellschaft stets personifiziert. Sie benutzten ihn auf eine Art und Weise, wie wenn „die Gesellschaft“ ein Lebewesen wäre, das ein „Wesen“ hat, über Geist verfügt, ein Ziel verfolgt und eine Bestimmung erfüllen muss.

Die „Gesellschaft“ wurde zu einem gottgleichen Ding, dem höchste Verehrung abzustatten ist. Was man im Namen der Gesellschaft tat, war wohlgetan. Dem Staat – das heißt den politischen Eliten – fiel dabei die ehrenvolle Aufgabe zu, kraft ihres überlegenen Verstandes diese Gesellschaft zu belehren, zu betreuen und in der Folge so lange zu beplanen, bis sich ihr ureigenstes Wesen – in Form eines „neuen Menschen“ – als Ideal erfüllt.

Dieses System wurde von den modernen Demokratien vollständig übernommen – und es wird, da der „neue Mensch“ noch auf sich warten lässt, in den therapeutischen Sozialregimen der Gegenwart nahtlos weitergeführt. Diese Regimes bemühen sich zunehmend verzweifelt, stets neue gesellschaftliche Ziele zu formulieren. Einer Gruppe von Millionen, ja Milliarden von Menschen einen gemeinsamen Willen, eine gemeinsame Absicht oder einen gemeinsamen Plan zu unterstellen, so Hayek, ist aber nicht nur irreführend, sondern auch höchst beunruhigend.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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