Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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ef Television

Mondlandung vor 40 Jahren: Ein großes Feuerwerk zu Ehren der Staatsmacht

von Robert Grözinger

Ein Bürokrat auf dem Mond ist kein großer Schritt für die Menschheit

Heute vor 40 Jahren gelang es einer Behörde, einen Zeitplan einzuhalten. Und das, obwohl ihr dieses Programm, nämlich innerhalb von 8 Jahren einen Mann zum Mond und wohlbehalten zurückzubringen, von höchster Stelle und ohne ihre Konsultation auferlegt wurde. Das ist das eigentliche Wunder der Mondlandung vom 20. Juli 1969. Ein teures Wunder. Das gesamte Apollo-Programm kostete nach heutigen, inflationierten Maßstäben insgesamt 170 Milliarden Dollar. Nicht gezählt, weil nicht registrierbar, sind die vielen Projekte, die vielen Produkte, die das Leben erleichtert hätten, die aber nicht realisiert wurden, weil den potentiellen Unternehmern das dazu nötige Geld weggesteuert wurde oder die dafür nötigen Wissenschaftler und Ingenieure damit beschäftigt waren, ein spektakuläres Feuerwerk zu organisieren. Auch die von Umweltschützern bejubelte Nebenwirkung, die Erde erstmals als empfindliches „Raumschiff“ wahrgenommen zu haben, ist nicht problemlos. Der Begriff „Raumschiff“ impliziert Steuerbarkeit. Er impliziert die Notwendigkeit eines Kapitäns. Ein Planet ist aber kein Raumschiff und somit nicht in dem Sinne steuerbar. Trotzdem sieht sich so mancher Politiker heutzutage gerne als ein zukünftiger Captain Kirk des Raumschiffs Erde. Für die Verwirklichung dieses Alptraums benötigen sie Leute wie Neil Armstrong.

Keiner wird die Nervenstärke und das technische Können Armstrongs anzweifeln. Wie er die Landefähre manuell steuerte, als sich der ursprünglich anvisierte Landeplatz als Geröllfeld entpuppte, und das Fahrzeug mit nur noch 30 Sekunden Restbrennzeit sicher auf den Erdtrabanten absetzte. Wie er seinen berühmten kleinen Schritt machte ohne zu wissen, ob er im nächsten Augenblick im Staub versinken würde. Doch hätte er sich bei den wichtigsten Worten seines Lebens nicht verhaspelt – er sagte „That's one small step for man“ statt „That's one small step for a man“ - könnte man meinen, die NASA hätte einen als Mensch verkleideten Roboter zum Mond geschickt. Ein Roboter war er nicht, aber Neil Armstrong war der mustergültigste Bürokrat, der je die Mondoberfläche betrat.

Oriana Fallaci, die 2006 verstorbene italienische Journalistin, die kurz vor ihrem Tod mit dem Buch „Der Wut und der Stolz“ dem Westen ein viel zu nachsichtiges Verhalten gegenüber dem Islamismus vorwarf, führte im Jahr 1964 mehrere Interviews mit einigen NASA-Astronauten des angelaufenen Mondprogramms. Einer ihrer Interviewpartner war Neil Armstrong, von dem damals noch keiner, auch er nicht, wissen konnte, dass er der erste Mann auf dem Mond sein würde. Hier ein Auszug aus dem Gespräch, das Fallaci in ihrem Buch „Wenn die Sonne stirbt“ dokumentierte:

Fallaci: „Es muss [...] eine große Freude für Sie gewesen sein, Astronaut zu werden.“
Armstrong: „Weiß ich nicht. Lassen Sie mich nachdenken ...“
„Sie haben noch nie darüber nachgedacht?!“
„Für mich war es einfach eine Versetzung von einem Büro ins andere. Ich war in dem einen Büro, und man hat mich in dieses andere gebracht. Nun ja, ich glaube, es hat mich gefreut. Eine Beförderung freut einen ja immer. Aber ob ein Büro oder ein anderes, das macht keinen Unterschied, persönlichen Ehrgeiz habe ich nicht. Mein einziger Ehrgeiz ist, zum Gelingen dieses Programms beizutragen. Ich bin kein Romantiker.“

Das Kontrastprogramm zu diesem Langweiler war ein anderer Astronaut in spe. Fallaci war an ihm etwas ungewöhnliches aufgefallen: Er fuhr Rad, eine Ausnahmeerscheinung in den sechziger Jahren, vor allem für jemanden, der in einem so hochtechnischen Beruf wie den eines Testpiloten tätig war. Diesem NASA-Angestellte brauchte nicht viel gefragt zu werden, Fallaci scheint eher Mühe gehabt zu haben, seinen Wortschwall zu bremsen. Doch was er sagte, hat das Potential, den Leser zu verzaubern. Er erzählte, dass sein Vater ihm als Kind einmal einen Flug bezahlte und er da gemerkt habe, dass seine Heimat Delaware, die er bis dahin als hässlich empfand, von oben gesehen viel schöner aussah. Er habe darüber nachgedacht, dass er wohl deshalb so gerne fliegt, weil die Welt von oben viel schöner aussieht, und weil sie schöne Dinge wie zum Beispiel Rembrandts „Nachtwache“ enthält – die aus einer Entfernung betrachtet ebenfalls viel schöner aussehe als von Nahem. Er meinte, dass auch die anderen Astronauten aus diesem Grund gerne fliegen, nur hätten sie nie darüber nachgedacht. Kritikern, die behaupteten, der Mond sei nicht schön, weil da nichts Lebendiges sei, entgegnete er, der Mond sei nicht wirklich tot, denn, was immer man anschaue „es braucht doch nur ein lebendiger Mensch hinzusehen und dann ist es nicht mehr tot, es wird selbst lebendig, nicht wahr?“

Fallaci berichtet, der Mann habe „ohne Punkt und Komma“ gesprochen, „ich setze hier ein paar, aber die waren bei ihm gar nicht da“. So fuhr er fort: „Schönheit will gesucht sein wenn man sie richtig sucht findet man die Schönheit überall, vielleicht erscheint dir ein Mann oder eine Frau hässlich aber wenn du sie genauer anschaust merkst du dass sie sehr schön sind, und mit dem Mond ist es dasselbe. Aber der Mond ist doch traurig weil dort nur die Einsamkeit wohnt sagen sie, und da behaupte ich Einsamkeit ist schön die Stille ist schön, Traurigkeit gibt es oft in Gesellschaft und im Lärm.“

Dieser sensible Visionär hieß Theodore Freeman. Heute kennt ihn kaum einer mehr, denn er starb fünf Monate nach dem Interview mit Fallaci, am 31. Oktober 1964. Sein Düsenflugzeug kollidierte mit einer Gans und stürzte ab. Auf seinen Fahrradexkursionen hatte Freeman ironischerweise besonders gerne Gänse beobachtet.

Der Zufall wollte es, dass Neil Armstrong der erste Mann auf dem Mond wurde. Sein Team war gerade „dran“, als die NASA grünen Licht für den ersten Landeversuch gab. Doch wie merkwürdig passend, dass sein gälischer Vorname übersetzt „Kämpfer“ im Sinne von „Landsknecht“ bedeutet, wohingegen der griechische Name Theodore „Gottesgeschenk“ heißt. Somit wurde einem wortkargen, phantasielosen, unromantischen Bürokraten mit dem Namen „Armstarker Landsknecht“ die Ehre zuteil, im Auftrag der stärksten Regierung der Welt und finanziert mit Zwangsabgaben als erster Mensch den Mond zu betreten, während der Philosoph mit dem Namen „freies Gottesgeschenk“ vorzeitig aus dem Verkehr gezogen wurde. Der Zufall, so sagen manche, ist lediglich die Anonymisierung Gottes.

Heute denken Staatsangestellte über neue Mondlandungen und bemannte Marsmissionen nach. Es ist derzeit jedoch nicht zu erkennen, dass sie jemals genug Geld für diese Projekte zusammensammeln werden und dass sie, selbst wenn sie realisiert würden, etwas anderes als gigantische Geldverschwendungen sein werden. Die Wahrscheinlichkeit einer Realisierung ist deswegen so gering, weil der einmalige historische Kontext von 1969 fehlt. Es fehlt ein Supermacht-Duopol mit gewaltigen Ambitionen und dem Drang, aufgrund von Atomwaffen den Krieg miteinander nicht etwa zu vermeiden, sondern zu sublimieren. Diese Konstellation kehrt so schnell nicht wieder. Nur ein drohender gewaltiger Meteoriteneinschlag oder gar eine Invasion von Aliens und ähnliche Drohkulissen oder Träume der Machtbesessenen könnte eine solche gewaltige Kräftebündelung in der Raumfahrt nochmals möglich machen. Aus einem ähnlichen Grund übrigens erleben wir die gegenwärtige Klimahysterie.

Die heutige gewaltige Finanzkrise wird solche Höhenflüge, wie auch die grünen Fieberträume von Solarkraftwerken in der Sahara, vorerst gänzlich verhindern. Ernsthafte bemannte Weltraumfahrt jenseits der Erdumlaufbahn wird es erst wieder geben, wenn der Staat schrumpft und freie Unternehmer ohne Steuerlast auch im Weltraum ihr Glück suchen können. Dies wird erst geschehen, wenn Unternehmer merken, dass es für solche Projekte private Geldgeber gibt. Und das wiederum wird vermutlich erst dann geschehen, wenn zunächst andere Unternehmer viele andere Bedürfnisse zur allgemeinen Zufriedenheit gedeckt haben. Wenn, mit anderen Worten, die Möchtegern-Captain Kirks die Armstrongs nicht mehr für ihre dunklen Triebe missbrauchen und den Freemans nicht mehr zur Last fallen.

Internet:

Gary North: Why I missed Armstrong's Walk on the Moon

Wikipedia-Eintrag zu Oriana Fallaci

20. Juli 2009

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