28. Juli 2009

Philosophische Praxis (Vol. 26) Daimon

Über das persönliche Los

In der älteren griechischen Literatur wurde das Wort daimon ebenso wie theos zur Benennung des Göttlichen verwendet. Doch während theos einen Gott benannte, der im kultischen Leben Bedeutung besaß, stand daimon für eine dunkle und rätselvolle Kraft. Diese teilte den Menschen ihr Lebenslos zu.

Dieses Zuerteilte konnte dem Einzelnen zum Vorteil oder zum Nachteil gereichen. Es war imstande, ihn glücklich oder unglücklich zu machen. Jedes Wesen hatte mit seinem daimon zu leben: Die Bindung begann mit der Geburt und endete mit dem Tod.

Der erste Versuch einer philosophischen Deutung bestand aus drei verflochtenen Worten, die Herakleitos zugeschrieben werden: Ethos Anthropo Daimon. Übersetzt man bloß das mittlere dieser Worte und behält die Wortfolge bei, so lautet der Satz: Das Ethos ist dem Menschen Daimon.

Ethos heißt so viel wie Haltung, Verhalten, Eigenart, Wesen, Gesinnung und Sitte, die in sich selbst begründete Art des Charakters und des Denkens, moderner formuliert: die Individualität. Daimon wiederum bedeutet sowohl Zuteiler als auch Schicksal. Eine mögliche Übersetzung wäre: Des Menschen Eigenart ist sein Schicksal.

In der „Apologie“, der Verteidigungsrede des Sokrates, ließ Platon den angeklagten Philosophen sich auf sein daimonion berufen: Es habe ihm immer schon als Entscheidungshilfe beigestanden, falls er unsicher gewesen sei und „irgendwie unrichtig“ habe handeln wollen. Es sei stets seine „warnende Stimme“ und sein „göttliches Zeichen“ gewesen, auf das er sich verlassen habe.

Noch in der Antike nahm daimon die Bedeutung des heutigen „Dämon“ an. Man dachte zunehmend an eine Person, an ein gottähnliches Wesen niederen Ranges, an ein Mittleres zwischen Göttern und Menschen. Das christliche Denken formte daimon dann zur rein teuflischen Figur: Legionen finsterer Gestalten bevölkerten die niederen Sphären des Himmels. Ein Dämon war das Resultat der Sünde, der geschlechtlichen Vereinigung zwischen Teufel und Frau, ein Wesen halb Tier und halb Mensch.

Die Unzahl an Dämonen, von denen die ersten Wüstenväter geplagt wurden, waren, so denken wir heute, bloß die Folgen exzessiv betriebener Askese. Als Spiegelung unbewusster Wünsche, als ureigenes Ethos, kamen „die Dämonen“ schmerzlich zu Bewusstsein.

Des Menschen Ethos liegt meist im Verborgenen. Wiewohl als Hintergrund des Bewusstseins allgegenwärtig, braucht es einen Anlass, um offensichtlich zu sein. Je zwingender ein Anlass es erfordert, desto bestimmter tritt der daimon auf die Bühne. Je extremer die Umstände sind, desto deutlicher zeigt er seine Gestalt. In der Liebe, im Krieg, in der Kunst und auch beim Philosophieren zeigt sich des Menschen Eigenart am eindrucksvollsten.

Daimon meint das persönliche Los, den inneren Zufall, den Zustand, den es zu meistern gilt. Es handelt sich um etwas, von dem wir besessen, auf das wir ganz und gar versessen sind, weil es uns ausmacht, weil wir es selber sind. Auch muss man nicht dem Schicksal oder gar Dämonen gläubig verfallen sein, um an sich selbst eine Gestimmtheit existentiellen Themen gegenüber beobachten zu können. Diese Tendenzen haben potentielle Kraft, genug, um zu Motoren und Wegweisern des Denkens zu werden.

Philosophie, als Reflexivität, als Verwandlung ins Klare und Deutliche, ist eine Form der Antwort auf die Fragen, die uns der Daimon stellt.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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