03. August 2009

Rezension Krimi für Kerle

Über Jörg Fausers Thriller „Das Schlangenmaul“ und seine Vorliebe für Bier und Bordelle

Die Deutschen lieben Krimis. Doch wo findet man den deutschen Mickey Spillane, Raymond Chandler oder Dashiell Hammett? Realistische, harte Krimis aus deutscher Feder sind Mangelware. Und auch das, was aus Großbritannien und den USA heutzutage auf den deutschen Buchmarkt schwappt, ist nicht unbedingt erste Ware. Warum müssen Thriller eigentlich immer so dick wie Backsteine sein? Liegt das vielleicht daran, dass sich die Autoren nicht mehr auf eine stringent erzählte Geschichte konzentrieren können, sondern uns mit irgendwelchen Nebengeschichten nerven müssen? Irgendwann hat man genug von den inflationären Serienmördern, den depressiven Kriminalisten oder den supercleveren Pathologen. Nein, die Feminisierung (Beispiel Donna Leon) oder Sozialliberalisierung insbesondere des deutschen oder des skandinavischen Kriminalromans haben den Lesegenuss nicht unbedingt erhöht.

Jörg Fauser hat einmal in einem Interview gesagt, mit dem Begriff Schriftsteller könne er nichts anfangen. Er sei ein Geschäftsmann, der Produkte verkaufe. Eine solche Aussage ist beruhigend. Sie deutet darauf hin, dass hier ein Mann nicht die Welt verbessern oder seine persönliche Betroffenheit zu Markte tragen, sondern schlicht unterhalten will. Fauser war ein Mann, der das Schreiben, das Bier und die Bordelle liebte. Zumindest die beiden letzten Eigenschaften werden ihn den Gutmenschen suspekt machen. Er wurde 1944 geboren und verunglückte unter Alkoholeinfluss am 17. Juli 1987 tödlich bei München. Aus Anlass seines 65. Geburtstages hat der Diogenes Verlag jetzt eine neunbändige Werkausgabe herausgebracht.

Doch zurück zum „Schlangenmaul“. Der Roman ist angenehm kurz (nur knapp 270 Seiten). Die Sprache ist klar und witzig. Der Protagonist des Thrillers, Heinz Harder, ist 38 Jahre alt, Journalist, und hat ein massives Problem mit dem Finanzamt. Aus der Not heraus bietet er per Inserat seine Dienste als „Bergungsexperte für außergewöhnliche Fälle“ an. Ein Auftrag lässt nicht lange auf sich warten. Die Ex-Frau eines Hannöverschen Baulöwen und Politikers, die schöne und blonde und am Ende auch nackte Nora Schäfer-Scheunemann, sucht ihre achtzehnjährige Tochter, die seit einiger Zeit verschwunden ist. Die Handlung spielt vornehmlich in West-Berlin, wo sich Harder auf die Spur der Vermissten macht und im Dunstkreis von Politik und Finanzwelt mit einem mysteriösen Schlangenkult konfrontiert wird.

Das Ganze ist eine rasante Zeitreise in die 80er Jahre (Harder trägt beispielsweise Lederschlipse). Es fließen viel Milch, Wodka und Bier. Fauser, der ansonsten Stil beweist, könnte man höchstens vorwerfen, dass sein privater Ermittler ein Faible für die Marke „Beck’s“ hat. Doch über Biergeschmack sollte man besser nicht streiten. Man kann zur Lektüre ja auch ein leckeres Veltins oder Erdinger Weißier trinken (letzteres kommt im Buch auch vor). Am Rande flunkern immer kleine Boshaftigkeiten auf. So hält der Erzähler zu Beginn bei einer Fahrt durchs Moor bei Hannover fest: „Im Moor gab es eben wenig Arbeitsplätze, seit die KZs nicht mehr im Betrieb waren“. Politische Korrektheit ist Fausers Sache nicht.

Auch der Feminismus hat ihn noch nicht angekränkelt, was bei der Beschreibung von Frau Schäfer-Scheunemann deutlich wird: „Auf den ersten Blick konnte man sie für eine von den typisch hannoverschen Blondinen aus gutem Haus halten, die so unantastbar aussehen, als ob sie auch auf dem Höhepunkt der Lust nur reinstes Hochdeutsch sprechen; aber wenn man die Augen und den Mund lange genug betrachtet hatte, kam man zu dem Schluss, dass die Höhepunkte, die sie versprachen, völlig anders sein würden.“ Und das Bild, welches Harder von sich selbst hat, ist absolut realistisch. Sein Metier ist der „Tittenjournalismus“, das Metier der „Kulturwichser“ bleibt ihm fremd – so wie Fauser dem hochgeistigen deutschen Feuilleton lange fremd blieb. „Busenwunder Made in Germany“ ist Harders publizistisches Terrain. Darin ist er gut. Darin macht ihm keiner so leicht etwas vor.

Dankenswerterweise hat der Verlag auch noch den zuerst in „TransAtlantik“ veröffentlichten Fauser-Text „Ventil: Nichts gegen deutsche Krimis“ abgedruckt. Dort schreibt Fauser, dass der Kriminalroman die „letzte noch mögliche literarische Form ist, in der die Frage von Gut und Böse verhandelt wird“. Nanu, ist unser Autor also doch ein Moralist? Das schon, aber einer mit Stil: „Doch ich beeile mich hinzuzufügen: Unterhalb eines bestimmten ästhetischen Niveaus sackt solche Verhandlung ab zum Volkshochschulkolleg und zur soziologischen Gartenlaube, das ist dann so, als hielte ein Mann, der wie Fidel Castro aussieht, eine Rede, die Helmut Kohl geschrieben hat.“ Und wer noch etwas mehr über Fausers wildes kurzes Leben erfahren will, sollte das Nachwort des deutschen „Krimipapstes“ und Fauser-Weg- und Saufgefährten Martin Compart lesen.

Literatur

Jörg Fauser: Das Schlangenmaul. Diogenes Verlag: Zürich 2009. 320 S. 9,90 Euro. ISBN 978–3–257–23923–2.


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