18. August 2009

Grevenbroicher Tagblatt Horst Schlämmer, der Bundeshase und ein fröhliches Verdämmern

18 Prozent für die HSP

Der hässliche Deutsche hat wieder Konjunktur. Diesmal ist es kein Zerrbild, aufgebaut und ausgebreitet von dritter, durchaus interessierter Seite. Nein, diesmal kommt der hässliche Deutsche aus der Mitte des Volkes, ja fühlt dieses sich bei ihm aufgehoben, will es vielleicht von ihm sich gar vertreten lassen. Der hässliche Deutsche riecht streng nach Schnaps, er nuschelt, er schwitzt, er versprüht den Charme von Dosenbier und Herrentoilette. Horst Schlämmer ist sein Name.

Wie in früheren Zeiten auch ist der hässliche Deutsche ein Kunstprodukt, ein Resultat raffinierter Propaganda. Der Schauspieler Hans Peter Kerkeling spielt den fiktiven stellvertretenden Chefredakteur des erfundenen „Grevenbroicher Tagblatts“, und in dieser Rolle füllt Kerkeling die größte Zeit eines Kinofilmes, welcher die Kandidatur Schlämmers zum Bundeskanzler zum Inhalt hat: ein Klamauk, was sonst.

Der propagandistische Trick jedoch, der vertrackt und sich verratend auswirkt, besteht darin, dass die Rollenfigur Schlämmer momentan die einzige öffentliche Erscheinungsform Kerkelings ist. Als Schlämmer, nicht als Kerkeling, war er zu Gast bei „Wetten, dass?“ und bei „Wer wird Millionär?“, als Schlämmer und also als fiktiver Kanzlerkandidat der virtuellen „Horst-Schlämmer-Partei“ (HSP) bestritt er eine realiter krachvolle Pressekonferenz, bei der er vor einer guten Hundertschaft Journalisten sein „politisches“ Programm zum Besten gab.

Ein Nachrichtensender übertrug komplett und schenkte dem Marketingtrick damit dreimal so viel Aufmerksamkeit wie der Grundsatzrede des echten Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Dieser wiederum tat im Anschluss das Falscheste überhaupt: Er wollte witzig sein, indem er einen Witz des Filmschauspielers retournierte – Grevenbroich könne schon aus logistischen Gründen nicht Bundeshauptstadt werden. Tatsächlich gab Steinmeier so zu verstehen, dass auch er kapituliert hat vor der Verschmelzung von Realität und Simulation im Namen des Klamauks.

Längst sind die ehedem journalistischen TV-Formate zu Unterhaltungssendungen abgewrackt worden, welchen Frauennamen auch immer sie tragen. Schlämmer, die auf Kinogröße aufgeblasene Fernsehfigur, eine RTL-Geburt aus der Show „Hape trifft“, vollendet den Sieg des Boulevards.

Jene 18 Prozent der Deutschen, die ihn angeblich zum Nachfolger Angela Merkels wählten, wenn man sie denn ließe, geben humorlos preis, wie gering sie von sich und wie geringer noch sie vom Realitätsprinzip denken. Sie wollen heraus gebeamt werden aus sich selbst, aus der Zivilisation, aus den Sitten, aus den Kausalitäten, die das Leben ausmachen. Der hässliche als der oberste Deutsche wäre ein unüberbietbares Signal: Lohnt sich alles nicht, ist alles nicht ernst zu nehmen, alles sinnlos hier.

Manche Medien spielen mit, wollen spaßig sein, nennen den real inexistenten Schlämmer „Grevenbroichs bekanntesten Sohn“ oder zitieren ihn schlicht als Schlämmer, ohne auf den Rollencharakter hinzuweisen. Auf diesem Weg ist der übel riechende Schwadroneur tatsächlich real geworden. Man reagiert auf ihn wie auf einen Menschen, nicht auf eine Filmfigur.

Natürlich: Von einer gewissen Abstraktionshöhe aus kann man sich rein darüber amüsieren, kann man die 18 Prozent für souveräne Ironiker halten, Hans Peter Kerkeling für einen gnadenlos begabten Selbstvermarkter, die Fernsehsender für geschickte Quotenmechaniker.

Darunter aber liegt das wabernd wachsende Unbehagen am Projekt der Zivilisation, das prinzipielle Ungenügen sämtlicher funktionalen Weltbezüge. Der Bundeshase von Horst-Hans-Peter lädt ein ins fröhliche Verdämmern, und lachend hoppeln wir hinterher.


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