21. August 2009

Philosophische Praxis (Vol. 27) Über Anfang und Ende des Denkens

Das Gift der Skepsis

Das, was Aristoteles für den Anfang allen Denkens hielt – das Staunen –, war für Heidegger die Befindlichkeit. Als die grundlegende Form und Weise, in der wir uns die Welt aufschließen und aneignen, mache die Befindlichkeit erst einmal deutlich, „wie einem ist und wird“. Das heißt, dass wir unseren ersten Bezug zur Welt gar nicht bewusst herstellen können, weil wir uns immer schon, auf Grund unserer Befindlichkeit, in einer Welt befinden und dass wir den Platz, der uns zugewiesen wurde, vorerst einmal einnehmen und annehmen müssen.

Unsere Befindlichkeit begründet so notwendig eine Tendenz. Die Folge ist, dass wir geneigt sein werden, diese Tendenz auch zu erhärten. Wir werden sie stillschweigend als die Basis unseres Denkens akzeptieren, als das Motiv und als den letzten Grund.

Das Denken, speziell das philosophische, ist demnach nur scheinbar auf der Suche. Denn seine Wirklichkeit bedeutet, so pathetisch es auch klingen mag, eine Art Offenbarung oder Wesensschau, die Entwicklung und Ausweitung von dem, was in einem ist oder sich willkommen eingefunden und ungehindert aufgedrängt hat. Alle Erfahrungen, alle Gespräche, das Lesen und Studieren, tragen dazu bei, bloß auszuprägen und zu fördern, was schon vorhanden ist. Am Ende versucht Philosophie dann nur mehr sprachlich exakt zu treffen, was sie seit jeher angespornt und in die Bahn geworfen hat. Sie wird zum „Selbstbekenntnis ihres Urhebers“, wie es Nietzsche formulierte.

Wenn einer Neigung philosophierend auf den Grund gegangen wird, gewinnt sie zunehmend den Anschein einer auf tieferer Einsicht fußenden, frei gewählten geistigen Haltung, deren höhere Rechtfertigung vom Prozess des Philosophierens dann auch erbracht wird. Dieser Vorgang kommt einem hermeneutischen Zirkel beziehungsweise einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleich und ist der Normalfall ertragreichen Philosophierens.

Es ist daher schlichtweg unmöglich, in der Funktion eines neutralen Beobachters über die Menschen und ihre Welt zu denken. Eine objektive Bewertung des Gesamtprozesses ist von vornherein nicht zu leisten. Unsere Tendenz hält uns im Subjektiven fest, unser Votum hat zwangsläufig hypothetischen Charakter.

Diese vorwiegend spätmoderne und ernüchternde Einsicht hat die meisten Philosophen schon längst um ihre Illusion gebracht, mit Pathos die Wahrheit zu sagen. Die meisten sind zu Spielern geworden. Sie spielen mit den Worten und Werten, an die sie nicht mehr glauben können, sie spielen, um doch noch etwas zu sagen zu haben, um nicht verstummen zu müssen.

Das heißt aber noch lange nicht, dass die Idee der Wahrheit prinzipiell in Zweifel steht. Ist auch der Philosoph, wie jeder Mensch, ein Einzelner, der letztlich nur für sich selber zählt, so ist doch diese Einzigkeit sehr wohl imstande, an ein Ziel zu gelangen. Dieses Ziel kann mehr bedeuten als bloß die Niederschrift einer Befindlichkeit. Geistiger Mehrwert kann entstehen, um dann im nächsten Menschen, der ihn empfinden und auch nachvollziehen kann, lebendig zu werden und die zuvor gesetzte Wahrheit erneut zu entfalten.

Das Gift der Skepsis gehört notwendig zur Praxis der Philosophie. Ohne seine subversive Kraft bliebe das Denken auf ewig an der Oberfläche. Die höchste Kunst ist freilich, dieses Gift auch maßvoll zu benutzen; den Faden zu verlieren, ist nicht das Ziel.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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