30. August 2009

Philosophische Praxis (Vol. 29) Über Optimismus und Pessimismus

Standpunkt und Tendenz

Der Begriff „Optimismus“ bezieht sich auf den von Gottfried Wilhelm Leibniz, einem deutschen Universalgelehrten aus dem Barock, her geprägten „philosophischen Optimismus“, welcher besagt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben – mundus optimus.

Der Zweck dieser Aussage war der Versuch einer Theodizee (aus gr. theos und dike, Gerechtigkeit), also einer Rechtfertigung Gottes, und zwar gegen den Vorwurf, dass Gott auch für das Böse in der Welt verantwortlich sei, da es ja in seiner Allmacht gestanden haben müsste, dies zu verhindern. Um diesen Vorwurf zu entkräften, hob Leibniz im Jahre 1710 unsere Welt zur besten aller möglichen Welten empor, zur besten, die Gott uns auch bei äußerster Anstrengung bieten konnte. Dies machte ihn in der Folge zu einem der meistverlachten Philosophen seiner Zeit.

Geraume Zeit später tauchte bei Arthur Schopenhauer der gegensätzliche Standpunkt auf, nach welchem wir in der schlechtesten aller Welten leben – mundus pessimus. Dies sei schon allein deshalb so, weil viele Lebewesen nur durch den Verzehr von anderen Lebewesen überleben könnten und schließlich jedes Leben ausnahmslos dem Tod entgegengeht.

In der Folge wurde das Wort „Pessimismus“ zum Gegenbegriff des damals gängigen Fortschrittsglaubens, zum Symbol der Ernüchterung nach dem Scheitern der Revolution von 1848. Schopenhauer hingegen hatte nicht die Absicht, seine Zeitgenossen zu entmutigen. Er verschob bloß den Kampf von der Außen- in die Innenwelt, wo mit den Mitteln des Mitleids und der Kunst die Befreiung auf asketischem Weg versucht werden sollte.

Heute würde zweifellos niemand von einem Menschen, der sich als Optimist bezeichnet, annehmen, dass er ein Anhänger der Leibnizschen Theodizee sei. Dies macht deutlich, dass auch der Begriff „Optimismus“, was immer er für uns heißen mag, heute nur mehr wenig mit seiner ursprünglichen Bedeutung gemeinsam hat, wie auch sein Gegenbegriff „Pessimismus“ sich vom anfänglichen Sinnzusammenhang entfernte.

Befreit man hingegen die Worte „Optimismus“ und „Pessimismus“ von ihrem philosophiegeschichtlichen Korsett und betrachtet ihre Bedeutung anhand des lateinischen Wortstammes, so scheinen sie durchaus fähig, etwas Bedeutsames auszusagen. „Optimismus“ wäre demnach eine Haltung, eine Stimmung des Willens, ein Bekenntnis, bei dem ein Mensch das Bewusstsein vom Besten und Hervorragendsten dauerhaft in sich trägt, demnach zu wissen meint, was dieses Beste und Hervorragendste ist oder was es sein könnte, sein sollte, sein müsste, was sich zwangsläufig auch auf die Lebensgestaltung auswirkt. Analog gilt dies vom „Pessimismus“.

Eine solche grundlegende Tendenz, den Blick vorwiegend auf das einem Angenehme oder Unangenehme zu richten, lässt sich nun freilich auch mit philosophischen Gedanken und Konzepten anreichern, die Ausdruck eben jener vorherrschenden Haltung und Stimmung sind.

Vom Standpunkt der Logik freilich kann die Welt als Gesamtphänomen weder die Beste noch die Schlechteste genannt werden. Sie ist mangels jeglicher Vergleichsmöglichkeit zu anderen Welten, mangels außerweltlicher Maßstäbe, schlichtweg nur dasjenige, was der Fall ist, in ihrer Gesamtheit bloß die wertneutrale Realität, was aber andererseits nicht heißen muss, dass immer nur geschwiegen wird, wovon man nicht sprechen kann.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Eugen Maria Schulak

Über Eugen Maria Schulak

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige