03. September 2009

Der Film „Inglourious Basterds“ Koscherer Rache-Porno

Über die Aufkündigung der „Trauersolidarität“

Der „Walküre“-Film mit Tom Cruise, der sich um ein differenziertes Bild vom NS-Deutschland bemühte, wurde von den deutschen Medien in zäher Kleinarbeit um jede Wirkung gebracht. Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ dagegen, wo ein Trupp jüdischer Rächer hinter der Front massenhaft Deutsche tötet und skalpiert, dürfe man sich nicht entgehen lassen, wird seit Wochen suggeriert.

Nun gut, der Film war mir zu lang, bei den schlimmsten Gewaltszenen habe ich weggeschaut, dass „Nazis“ und „Deutsche“ synonymisch verwendet werden, hat mich – ein klein wenig – geärgert, Christoph Waltz in der Rolle des diabolischen SS-Offiziers fand ich großartig, und gegen Schluss, als im Film eine Filmpremiere stattfindet, ein deutscher Held reihenweise Amerikaner abknallt und Adolf Hitler als Premierengast sich diebisch darüber freut (ehe er selber abgeknallt wird), sagte ich zu meinem Nachbarn – Achtung, Ironie! –: „Für uns Nationalsozialisten ist es schön zu wissen, dass der Führer kurz vor seinem Ende noch ein wenig Freude hatte.“ Wäre ich nicht in den Film gegangen, ich hätte – für meinen Geschmack – nicht viel versäumt.

Die meisten der begeisterten Kritiker, so mein Eindruck, wussten mit dem Film gar nichts anzufangen, doch weil es um Nazis (bzw. Deutsche) und Juden ging, haben sie sich angestrengt, um gefühlten höheren Erwartungen zu entsprechen. Bei Verena Lueken in der „FAZ“ klang das tantenhaft. Der Film sei ein „würdiges Unterfangen“, denn: „Er befreit unseren Kopf.“ Die Begeisterung in der „Süddeutschen Zeitung“ äußerte sich infantil: „Comicgewalt versus Holocaust-Schrecken, Baseballschläger versus explodierende Nazischädel, Brad Pitt mit dem Riesenmesser, das Hakenkreuze in Soldatenstirnen graviert, dazu ein geschichtsfälscherisch verkürzter Zweiter Weltkrieg“. Eine rigorose Zensur der Kommentarfunktion verhinderte eine Diskussion darüber. In der „TAZ“ schrieb Christina Nord: „So verwandelt sich im flirrenden Irrealis des B-Pictures die Ohnmacht, die man angesichts des realen Verlaufs der Geschichte empfindet, in Aggression und Selbstermächtigung. ‘Inglourious Basterds’ bietet den Raum, diese Empfindungen auszuagieren. Das ist eine befreiende Erfahrung.“ Da Frau Nord vom „realen Verlauf der Geschichte“ vermutlich nur das kennt, was ihr auf Klippschulen-Niveau vermittelt wurde, kann die Film-Erfahrung sie nicht „befreit“, sondern ihr falsches Bewusstsein bloß zusätzlich verwirrt haben. Die Welt raunte vermeintlich geistvoll: „Historische Exaktheit ist eine Tugend, aber erst Phantasie bringt Befreiung.“

Der Filmkritiker Georg Seeßlen lobte in der „Berliner Zeitung“ den Film als antifaschistische Tat: „Den Opfern der Nazis wird aber nicht nur ein heroisches Bild der Gegenaktion gegeben – im, wie es Tarantinos Mitstreiter Eli Roth nennt, ‘koscheren Porn’ der Rachefantasie darf auch die Tabugrenze von Hass und Gewalt überschritten werden. Widerstandsträume werden wahr. Wäre nicht jeder Filmkritiker gern ein Untergrundheld?!“ Und steckt nicht auch in ihm, Seeßlen, ein verklemmter Sadist? Im „Spiegel“ philosophierte er: „In der Welterzählung ist der Nationalsozialismus das absolut Böse; weiter geht es nicht – selbst wenn auch andere Regimes sich grausamer Verbrechen schuldig gemacht haben, so haben sie es doch nicht mit einer solch offensichtlichen Freude, Effizienz und Bedingungslosigkeit, mit einer solch innigen Übereinstimmung von Herrschaft, Volk und Ideologie getan.“ Stets müsse man „sich die Frage stellen, ob dieses absolute Böse aus dem relativ kleinen, mitteleuropäischen Land das Böse ist, das in der ‘Natur des Menschen’, in der Mechanik der Geschichte, in allem lauert. Oder ob es direkt aus der Hölle kommt.“ Ach, Seeßlen, das ist die alliierte und antifaschistische Mystifikation der Geschichte plus Billig-Philosophie!

Der Begriff „antideutsch“ ist für den Film zu plakativ. Sicher, die Deutschen sind Karikaturen, doch die Amerikaner sind es auch. Brad Pitt, der Chef der Bastards, gäbe auch das perfekte Haupt eines negerhassenden Lynchmobs ab. Indem der Film jüdische Rachephantasien bis zum Exzess treibt, thematisiert er schon mal ihre Existenz, immerhin. Der deutsche Offizier, der sich weigert, Kameraden zu verraten und dem der „Bärenjude“ mit einem Baseballschläger erst die Knochen, dann die Hirnschale zertrümmert, hat mehr Tapferkeit als alle Bastards zusammen. Doch das Entscheidende ist etwas anderes: Um wirklich interessant und subversiv zu sein, hätten Tarantinos Ironie und sein schwarzer Humor sich an die zentrale Mystifikation unserer „Welterzählung“ wagen und das „absolut Böse“, das vom NS-Deutschland angeblich verkörpert wird, dekonstruieren müssen. Es handelt sich dabei um eine spezifische Qualität des Bösen: Es wird um seiner selbst Willen getan, eben aus reiner, unverfälschter Bosheit heraus, und findet keine innerweltliche Erklärung und Rechtfertigung. Tarantino spielt mit dieser Mystifikation nur, um Unterhaltungswert daraus zu ziehen und sie zu bekräftigen. Der ganze anarchische Gewaltgestus versandet damit in ideologischer Affirmation und bestätigt am Ende nur, dass wir uns heute mit der US- und Hollywood-dominierten in der besten aller möglichen Welten und Welterklärungen befinden. Und haben vielleicht doch deutschfeindliche Motive eine Rolle gespielt? Eli Roth, der den Bärenjude und Schädelzertrümmerer darstellt, lässt als Regisseur des Splatter-Films „Hostel“ ausgerechnet einen deutschen Geschäftsmann 25.000 Dollar dafür zahlen, dass er einen Amerikaner zu Tode quälen kann. In der deutschen Synchronfassung ist aus ihm ein Spanier geworden. Jetzt ist diese Camouflage nicht mehr nötig.

So nimmt der Tarantino-Film sich am Ende sogar ziemlich bieder aus. Wie wäre es zur Abwechslung mal damit: Ein junger Wehrmachtssoldat, humanistisch, gebildet, aus einer hitlerresistenten Familie stammend, ist gezwungen, am Angriff auf die Sowjetunion teilzunehmen. In Galizien, das die Sowjets knapp zwei Jahre zuvor im Ergebnis des Hitler-Stalin-Pakts in Beschlag genommen haben, sieht er die Hinterlassenschaft des Geheimdienstes NKWD, die Bogdan Musial im Buch „Konterrevolutionäre sind zu erschießen“ beschrieben hat: Die Leichen zehntausender sogenannter Volksfeinde, durch Genickschüsse, mit Maschinengewehren und Handgranaten getötet, in den Gefängnishöfen verscharrt, in Zellen und Kellern aufgestapelt. Ein Film darüber, was in diesem jungen Soldaten vorgeht, vorgehen muss, wie ihn dieses Erlebnis verändert, wie es sein Handeln beeinflusst – ob der in der freien Bundesrepublik mal möglich sein wird?

Die Wirklichkeit eines Films ist nur virtuell, klar. Dennoch mutet es merkwürdig an, dass ausgerechnet deutsche Zuschauer sich in einen Streifen drängen – und halboffiziell dazu gedrängt werden –, der ihre Vorfahren kollektiv als Verbrecher und berechtigtes Freiwild erscheinen lässt, und dass die deutsche Filmförderung auch noch Geld dafür bereitgestellt. Selbstironie und ästhetische Distanz können die totale Abwesenheit von Pietät nicht genügend erklären, es geht um mehr: Den Toten in Deutschland ist von den Lebenden eine grundlegende Solidarität aufgekündigt worden, für die exemplarisch Antigone steht. Gegen den Befehl des Königs bestattet Antigone den toten Bruder, obwohl dieser nach den Gesetzen des Staates als Verräter gilt. Das ewige, das göttliche Gesetz steht für sie höher als das Gesetz des Staates. Der Sozialphilosoph Peter Furth nennt das die „Trauersolidarität“. Die würdige Bestattung der Toten ist eine soziale Urszene, sie erkennt den Toten eine Würde zu, die sich allen praktischen Berechnungen entzieht und die höher steht als der Wille der Lebenden. Weil die Trauer um die Toten die Frage nach dem Nutzen nicht kennt, kann sie zu der Quelle sozialer Solidarität unter den Lebenden werden, „die mehr ist als ein Geschäftsvertrag“. In Deutschland dagegen werden die Toten bewirtschaftet, das heißt, die Trauer um sie richtet sich daran aus, ob ihre öffentliche Bekundung Vorteile (wie im Fall jüdischer Opfer) oder Nachteile (im Fall der „deutschen Täter“) mit sich bringt. Letztere werde sogar aus der Erde gescharrt und zur öffentlichen Belustigung als Schießbudenfiguren freigegeben.

Der Umgang der Deutschen mit ihren Vorfahren korrespondiert unmittelbar mit der Zivilreligion, die in der sakralisierten westlichen Welt innerweltliche Transzendenz stiften soll. In ihr symbolisiert das Deutsche das absolut Böse. Um sich vor ihr stets aufs Neue würdig zu erweisen, müssen die Deutschen die Distanzierung von den eigenen Toten immer weiter vorantreiben. Damit werden die Quellen sozialer Solidarität verschüttet, und der geschäftsmäßige Gehorsam gegenüber der Zivilreligion wird zur wichtigsten Grundlage von Staat und Gesellschaft. Das führt zu einem Zustand permanenter Hysterie und der sozialen, politischen, menschlichen Verrohung.

Das mag auch der zwar unbewusste, aber tiefste, unheimlichste Grund sein für den Zuspruch, den der Film in Deutschland findet. Der Abstand zwischen den Hysterieschüben wird immer kleiner, aus Verrohung wird Bestialisierung. Die Aggression und Selbstermächtigungen, um sich endlich einmal vollständig auszuagieren, könnten eines Tag in die Realität verlegt werden. Die irreguläre Bastard-Truppe hinter der Front und ihre asymmetrische Kriegsführung würden zur Vorlage für lumpenproletarische Großstadtindianer. Die „befreiende Erfahrung“, von der die „TAZ“-Dame schwärmte, wäre dann der politische Mord.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in der zweimal im Monat erscheinenden Zeitschrift "Gegengift", Ausgabe vom 1. September 2009.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Thorsten Hinz

Über Thorsten Hinz

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige