04. September 2009

Philosophische Praxis (Vol. 30) Logik und Ethik des Netzwerkens

Freundschaft oder Geschäft oder Notwendigkeit?

Netzwerken (Networking) ist der Aufbau von dauerhaften Beziehungen zu den richtigen Leuten und damit eine wesentliche Komponente menschlichen Handelns. Jedes menschliche Leben, so es ein geglücktes ist, beruht auf solchen Beziehungen. Dauerhaft werden sie dann, wenn sich die Erwartungen, die mit ihnen verbunden sind, erfüllen, wenn sich das Vertrauen, das in sie gesetzt wurde, auch lohnt.

Da Beziehungen jedoch jederzeit enden können, auch ohne eigenes Zutun und Verschulden, kann man sich ihrer niemals völlig sicher sein. Genau genommen wird man ihnen nur rückblickend so etwas wie Dauerhaftigkeit attestieren können. Dauerhaftigkeit kann demnach nur im Sinne einer Hoffnung verstanden werden.

Menschliches Handeln besteht maßgeblich aus Kooperation. Ziel ist der jeweils eigene Vorteil. Das Mittel, um an diesen Vorteil zu gelangen, ist der Tausch. Ein Tausch findet nur dann statt, wenn man den Eindruck gewinnt, dass das, was man im Tausch erhält, wertvoller ist als das, was man im Gegenzug dazu entrichtet. Eine Tauschhandlung hängt demnach an subjektiven Bewertungen. Falls der Eindruck entsteht, dass man in Zukunft noch wertvollere Tauschakte durchführen kann, werden aktuelle Tauschakte auch mit Verlust durchgeführt.

Beziehungen sind langfristige Investitionen, die sich womöglich erst nach Jahren rechnen. Erfolgreiche Netzwerker haben demnach eine niedrige Zeitpräferenz, das heißt, sie können warten. Manchmal rechnen sich Beziehungen aber auch gar nicht. Netzwerken ist folglich ein wesentlicher Teil des unternehmerischen Handelns, bei dem es maßgeblich um die Übernahme von Risiken, die Wahrnehmung von Chancen und um ein hohes Maß an Menschenkenntnis geht.

Auch die Freundschaft hat ihren Ursprung im wechselseitigen Nutzen. Niemand ist auf Dauer mit jemandem befreundet, von dem er keinerlei Nutzen hat. Und doch gibt es unbestreitbar einen Unterschied zwischen einem Netzwerkpartner und einem Freund: Unter Freunden ist es die vornehmste Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen. Freilich werden auch Netzwerkpartner sich vor Lügen hüten. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie die Wahrheit sagen werden, so wie es unter Freunden die vornehmste Verpflichtung ist.

Freundschaften in Kombination mit Geschäftsbeziehungen bergen eine Vielfalt an Problemen. Jeder, der einem in Not gekommenen Freund einmal nachdrücklich klarmachen musste, dass er den Auftrag, den man selbst zu vergeben hat, nicht bekommen wird, weiß ein Lied davon zu singen. Dies stellt die Freundschaft auf eine harte Probe. Doch abgesehen davon ist es durchaus vernünftig, mit Freunden Geschäfte zu machen. Kooperation basiert auf Vertrauen und Freunde sind Menschen, denen man vertrauen kann. Es ist demnach wünschenswert, dass gute Netzwerkpartner auch Freunde werden.

Wenn Networking heute in aller Munde ist, so heißt das, dass die Bedeutung von Beziehungen im Geschäftsleben zugenommen hat. Dies könnte durchaus auch ein negatives Indiz sein, nämlich für eine Abnahme von Marktbeziehungen zugunsten von Privilegien. Wenn die Regulierungsdichte zunimmt, wenn immer mehr Menschen in geschützten Werkstätten arbeiten, wenn die Anzahl der Netto-Transferleistungsbezieher ständig steigt, nimmt auch die Abhängigkeit von Beziehungen zu. Die verstärkte Notwendigkeit von Networking im Geschäftsleben (einschließlich Lobbyismus) könnte mit einer wirtschaftlichen Dynamik demnach nur sehr wenig zu tun haben.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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