06. September 2009

Schwerpunkt Sozialismus Die Verortung des Nationalsozialismus im ideengeschichtlichen Kontinuum

Und über Gefahren für heute

„Hitler erkannte keine Vorläufer an. Mit einer Ausnahme: Richard Wagner.“ So die Einschätzung des früheren Präsidenten des Senats des Freistaates Danzig, Hermann Rauschning, die er in seinem Buch „Gespräche mit Hitler“ getroffen hat. In der Tat musste etwa Johann Plenge, der Doktorvater des späteren SPD-Bundesvorsitzenden Kurt Schumacher, die Erfahrung machen, wie aggressiv von Seiten des Nationalsozialismus (NS) reagiert wurde, wenn sich andere als Hitler der „Vaterschaft des Nationalsozialismus“ berühmen wollten. Diese Zurückweisung hat auch Werner Sombart erfahren, der noch von Friedrich Engels als ein „etwas eklektischer Marxist“ eingeordnet und lange als künftiger Chefideologie der SPD gehandelt worden war (s. den Briefwechsel zwischen diesen bei: Dieter Krüger, Nationalökonomen im wilhelminischen Deutschland, 1983, S. 240). Auch das Verbot des relativ harmlosen Buchs des späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss, Hitlers Weg, 1932, ist damit zu erklären, dass die Frage nach möglichen Vorläufern des NS verdrängt werden sollte, hatte doch Heuss in dem SPD-Gründer Lassalle einen Vorgänger von Hitler ausgemacht, eine These, die Heuss im Übrigen viel besser hätte begründen müssen als er dies dargelegt hat: Hatte doch schon 1879 Eugen Dühring die Position von Lassalle ausdrücklich als „eine Art Nationalsozialismus“ angesprochen (die er dabei allerdings als „auf die Dauer für allen echten Socialismus unhaltbar“ einstufte), möglicherweise die erste Nennung des entsprechenden Begriffs im Deutschen!

Unabhängig von der von einigen Experten aufgeworfenen Frage der Glaubwürdigkeit des Buches von Rauschning ist dennoch mit dessen Einschätzung hinsichtlich der Zurückweisung von Vorläufern das zentrale Problem bei der ideengeschichtlichen Einordnung des NS angesprochen.

NS-Einordnung nach bundesdeutschem Ideenverbotskonzept

Die ideengeschichtliche Einordnung einer politischen Richtung sollte bei genuinem Erkenntnisinteresse generell bei der Selbstverortung der zu untersuchenden Strömung ansetzen. Da diese Frage nach der Selbstverortung im Falle des NS wegen seiner bewussten Zurückweisung von Vorgängern kaum zu einem allgemein akzeptablen Ergebnis führt, scheinen den heutigen Interpreten beliebige Möglichkeiten der Zuschreibung offen zustehen. Diese Beliebigkeit findet allerdings seine Begrenzung nicht aufgrund theoretischer Erwägungen, die sich aus der Methodik der Geisteswissenschaften ergeben. Maßgebend ist vielmehr das starke (partei-)politische Interesse, also ein machtpolitisches Anliegen etablierter Interessen, das mittels Verfügung über staatliche Machtpositionen durchgesetzt wird, nämlich Vorstellungen konkurrierender Parteien und Ideologien eine Verwandtschaft mit dem NS zuzuschreiben, um diese dadurch zu diskreditieren, ja zu kriminalisieren. Im Rahmen der für eine liberale Demokratie singulären Demokratieschutzkonzeption der Bundesrepublik Deutschland, die schon bei der staatlichen Ideenunterdrückung ansetzt (das Bundesverfassungsgericht hat den Sinn des Parteiverbotes darin gesehen, die von der verbotenen Partei vertretenen Ideen aus dem Prozess der politischen Willensbildung auszuscheiden), hat die Diskreditierung von politischen Ideen durch Zuschreibung einer Verwandtschaft mit angeblichem oder auch tatsächlichem NS-Gedankengut zur konkreten rechtlichen Folge, dass damit Vereinsverbote und die Auflistung in ideologie-politischen Proskriptionslisten („Verfassungsschutzberichte“) gerechtfertigt werden. Schlagwort ist dabei der rechtsstaatlich kaum definierbare Begriff „rechtsextrem“, der sich bislang auch nicht in der Gesetzessprache, sondern sich nur in der entsprechenden Behördensprache findet, die sich damit rechtsstaatswidrig von ihrer gesetzlichen Ermächtigungsgrundlage „emanzipiert“. Um diese Politik der amtlichen Ideenbekämpfung „gegen rechts“ umsetzen zu können, müssen dem NS quasi-amtlich alle möglichen konservativen und sogar liberale Vorläufer zugeschrieben werden, um heutige Vertreter „rechten Gedankenguts“ (auf eine Unterscheidung von „rechts“, „rechtsradikal“, „rechtsextrem“ oder „rechtsextremistisch“ wird dabei ohnehin verzichtet) als geistige Nachfolger des NS identifizieren und in eine ideologie-politische Apartheid (Verweigerung des Demonstrationsrechts, Aussperrung aus „Dialogveranstaltungen“ des sozialisierten Rundfunksystems etc. pp.) verbringen zu können.

Abgesehen davon, dass sich der historische NS ideengeschichtlich nicht auf konservative oder liberale Vorläufer berufen hat, ebenso wenig wie er sich explizit auf sozialdemokratische Theoretiker bezog, ist die bundesdeutsche Politik der amtlichen Ideenbekämpfung nicht nur erkenntnistheoretisch wenig glaubwürdig, sondern - und darauf kommt es rechtlich an -  konzeptionell rechtsstaatswidrig, weil ein freier Staat, will er sich als solcher qualifizieren, nur rechtswidrige Handlungen bekämpfen darf. Diese Maxime kann damit begründet werden, dass sich politische Ideen rechtmäßig, aber auch rechtswidrig umsetzen lassen. Den Bürgern bloße Ideen zu verbieten, widerspricht zudem dem aus der Menschenwürde ableitbaren Mündigkeitsprinzip, wonach der freie Bürger aufgrund seiner ihm zur Verfügung stehenden Verstandeskräfte seine Ideen selbst bestimmt, ohne sich dafür gegenüber staatlichen Stellen verantworten zu müssen. Will er mit entsprechenden Ideen in ein Wahlamt gewählt werden, wird er seinen potentiellen Wählern (nicht aber Inlandsgeheimdiensten) erklären müssen, was aus diesen Ideen konkret für ihn als politische Programmpunkte folgen. Methodisch kommt hinzu, dass politische und weltanschauliche Ideen als komplexe, aber auch unmethodische Phänomene, die zudem der oft beliebigen Eigeninterpretation ihrer jeweiligen Vertreter ausgesetzt sind, zu sehr in einem geistigen Kontinuum stehen, so dass eine Abgrenzung von der Art wie dies eine staatliche Ideenbekämpfung erfordert, letztlich nur willkürlich sein kann; es sei denn, man würde zu einem offenen Ideologiestaat übergehen, der gedankliche „Tatsachen“ als amtliche Dogmen festlegt, was aber ebenfalls rechtsstaatswidrig wäre. Gerade der amtliche, para-gesetzliche Begriff des „Rechtsextremismus“ verkennt dieses geistige Kontinuum, das „von liberalen und sozialistischen bis zu neokonservativen und faschistischen Vorstellungen“ reicht, wobei insbesondere die Erkenntnis erhellend sein sollte, dass sich gerade „die Übergänge zwischen sozialistischen und faschistischen Ideologien“ als „fließend“ darstellen konnten (so zu Recht: Stefan Vogt, Nationaler Sozialismus und Soziale Demokratie. Die sozialdemokratische Junge Rechte 1918-1945, 2006, S. 18).

Zudem kommt bei politisch ausgerichteten Ideenkomplexen ihre Wandelbarkeit hinzu, die sich aus der Notwendigkeit der konkreten Umsetzung in einem u. U. völlig geänderten Umfeld, der Koalitionsbildungen, aber auch der Reaktion auf Vorhaltungen konkurrierender Strömungen ergibt. So bleiben politische Ideen, wie etwa „Sozialismus“ über längere Zeiträume relativ unverändert, verbinden sich aber zu neuen Mustern und werden in immer wieder neuen Gestalten zum Ausdruck gebracht, nämlich epochentypisch und damit die Geschichte strukturierend. Die Aufgabe des Ideengeschichtlers ist es, solche Ideen und Begriffe zu identifizieren und ihr historisches Auftauchen und Wiederverschwinden zu beschreiben sowie womöglich zusammenhängend zu erklären. Hinsichtlich der amtlichen Ideenbekämpfung bedeutet dies, dass diese Politik, die gegen die Wiederkehr des NS ankämpfen will - falls sie genuin gemeint sein sollte - kaum ziel führend sein kann, weil gerade der historische NS, anderes als etwa der Kommunismus, ein derart zeitspezifisch-kurzfristiges und wesentlich tatsächlich auf eine spezifische Person ausgerichtetes Phänomen darstellte, dass eine Wiederkehr dieses Phänomens, zumindest in der Weise wie es in Erscheinung getreten war, so gut wie ausgeschlossen ist. Nicht ausgeschlossen, sondern eher wahrscheinlich ist aufgrund ihrer bis in die Spätantike zurückführenden gnostischen Motive die Wiederkehr vom NS vertretener Ideenkomplexe und Verhaltensmuster, die sich allerdings nicht einer spezifischen politischen Richtung zuordnen lassen werden. Würde man die Wiederkehr dieser Ideenkomplexe politisch bekämpfen wollen, dann müsste etwa eine Berichterstattung in sog. „Verfassungsschutzberichten“ und damit die den Berichten vorausgehende staatliche Bürgerbeobachtung viel umfassender sein und müsste sich etwa auf die überwiegend noch auf die Sozialdemokratie ausgerichteten bundesdeutschen Gewerkschaften beziehen, bei denen ja ein erhebliches Maß an „rechtem Gedankengut“ festgestellt worden ist (s. den Kommentar von Hans-Ulrich Jörges, Die Gewerkschaftspartei, in: Stern 37/2005, S. 154). Dieses „Gedankengut“ entgeht in diesem Fall natürlich der „Beobachtung“ durch die von etablierten politischen Kräften gesteuerten Inlandsgeheimdienste völlig und deshalb müssen die amtlichen Berichte insofern nachhaltig und bewusst „verschweigen“. Wirkliche Erkenntnis hinsichtlich der geistesgeschichtlichen Einordnung des NS kann demnach nur außerhalb amtlicher Politdogmatik gefunden werden.

„Pierre Joseph Proudhon – Wegbereiter des Dritten Reiches“

In seinem jüngst erschienenen Werk „Sozialismus für Kleinbürger“ stellt Frédéric Krier den französischen Sozialisten Proudhon (1809-1865) als Vorläufer des deutschen als „Mittelstandssozialismus“ eingeordneten NS dar. Dieses Werk geht von der entsprechenden, schon 1945 vertretenen These von J. Salwyn Schapiro aus und muss eine umfassende geistesgeschichtliche Epochenschilderung vornehmen, um über die Suche nach „missing links“ zu belegen, dass eine ideologische Entwicklungslinie besteht, die von dem berühmten Ausspruch von Proudhon, (das nicht durch Arbeit erworbene, Anm.) „Eigentum ist Diebstahl“ zum zentralen von Gottfried Feder geprägten Schlagwort des NS von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ führt. Betrachtet man die Ideen der genannten Personen, dann ist eine große Übereinstimmung der Auffassungen nicht zu verkennen, die sich aus den gemeinsamen Grundprämissen ergibt, wonach der Zins das Übel des Kapitalismus darstellt. Dementsprechend wird zwar das Eigentum akzeptiert, was innersozialistisch als der große Unterschied hingestellt werden kann, jedoch kann es sich dann nicht um wirklich kapitalistisches Eigentum handeln, dessen Wesen in der Tat in der Beleihbarkeit (Kreditsicherungsmittel) besteht, die mit dem Zins als Eigentumsprämie notwendigerweise verbunden ist. Den „Kapitalismus“ haben deshalb Proudhon und Feder besser als Karl Marx begriffen, der dem Zins keine so große Bedeutung beimaß und ihn nur als Teil des dubiosen „Mehrwerts“ verstand. Marx hat in seiner Kritik („Das Elend der Philosophie“) an Proudhon („Die Philosophie des Elends“) allerdings zutreffend den vormodernen, reaktionären Charakter der Eigentumslehre dieses „kleinbürgerlichen Sozialismus“ erfasst, der trotz seiner unbestreitbar revolutionären Position auf ein feudales Eigentum hinauslaufen würde, das der Produktivitätsentwicklung entgegenstünde. Allerdings ist die Gegenposition von Marx derart konfus, zumindest so abstrakt, dass Proudhon berechtigter Weise nicht den Unterschied zwischen seiner Lehre und derjenigen von Marx zu erkennen schien und man könnte zugunsten von Proudhon ergänzen, dass die Lehre von Marx von der Abschaffung des Eigentums in einer noch reaktionäreren Weise geradewegs in die Steinzeit führt (wo die Dialektik tatsächlich den Urkommunismus vermutet, der den gar nicht so geheimen Bezugspunkt des Sozialismus darstellt).

Auch wenn sich Eigentums- und Zinstheorie von Proudhon und Feder decken, so hat sich letzterer nicht auf ersteren berufen, so dass sich die Frage stellt, ob die Ähnlichkeit der Ideen sich nur aus den gleichen theoretischen Prämissen ergibt (was aber schon ausreichen würde, um legitimer Weise eine geistige Verwandtschaft zu konstatieren), die in ihrer inneren Logik zu denselben Ergebnissen führen oder doch eine gedankliche Übernahme vorliegt. Die Vermutung für eine Ideenübernahme, die dann den NS eindeutig in die sozialistische Ideenströmung einordnet, wird durch den spezifischen Antisemitismus bestärkt, der sich bei Proudhon und natürlich beim NS findet: Der Zins und damit letztlich der Kapitalismus wird als „jüdisch“ eingeordnet. Sozialismus bedeutet dann Gegensatz zu Judentum und Kapitalismus.

Dieser Gedankenansatz, den auch Krier verdientermaßen behandelt, zumal sich Proudhon explizit und damit bewusst auf diese Problematik bezieht, die Sozialisten oft nicht geläufig ist (aber es vielleicht sein sollte), führt zur Entstehungsgeschichte des Christentums und dabei zur Frage zurück, wie stark sich das Christentum vom Judentum abgrenzen sollte. Im Zentrum war es dabei um die Frage der Geltung des jüdischen Gesetzes gegangen. Die Position von Marcion, der das „Alte Testament“ (ein von ihm geprägter Begriff) total aufgeben wollte, wurde schließlich als häretisch verworfen, die Kirche behielt den Dekalog bei und wies vor allem das jüdische Sakralrecht (Beschneidung, Speisegesetzes und dergl.) zurück. Eine radikale Unterströmung, die als „Gnosis“ zusammengefasst wird, wies allerdings selbst den Dekalog zurück, was wiederum mit der für den Sozialismus grundlegenden Frage der Gerechtigkeit zusammenhängt: Die Gnosis beantwortete die schwierige Frage der Theodizee (wie kann ein guter und allmächtiger Gott schreiende Ungerechtigkeit zulassen) in einer antinomistischen (Gesetz und Herrschaft verwerfenden) Weise mit der Konstruktion, dass der Gott des Alten Testaments, der Welterschaffer (Demiurg), gar nicht der wirkliche Gott sei, sondern letztlich der Teufel, der mit seinem Gesetz die Menschen knechtet. Der wirkliche, „fremde“ Gott, jenseits von Sein und Nichtsein angesiedelt (er existiert möglicherweise also gar nicht), der Vater Christi, wird mit Hilfe der Menschen, die in der Welt des Judengottes „entfremdet“ sind (ein Zentralbegriff der Marxschen Anthropologie) in einem dialektischen Prozess irreversibel die Herrschaftslosigkeit herbeiführen, wo man keine Gesetze mehr braucht, sondern die natürliche Güte der Menschen alles regelt: Im Traktat des Epiphanes, „Über die Gerechtigkeit“ (heutige Sozialisten würden hier „soziale“ hinzufügen) wird dabei explizit sozialistisches Gedankengut formuliert: Herrschaftslosigkeit ist nur als Gemeinschaft in Gleichheit vorstellbar, die dem eigentlichen Wesen der Dinge entspräche, während mit dem Gesetz das Privateigentum und damit die Verbrechen in den Welt gebracht wurden, die es ohne dieses gar nicht gäbe! Das Tierreich wird als Beleg genommen, dass (der wirkliche) Gott eine freie Liebensgemeinschaft vorgesehen habe, weshalb das Gebot „Du sollst nicht begehren Deines nächsten Weib“ lächerlich sei: Der wahre Gott wird doch den Menschen nicht die Begierde wegnehmen wollen, die er „keinem Tier wegnimmt“! Die volle Konsequenz dieser Ansicht kommt bei den Karpokratianer zum Vorschein, nach denen man guten Gewissens jede Missetat und jeden Frevel begehen müsse, zumal gut und böse ohnehin nur menschliche Vorurteile wären. Der Demiurg als Gesetzgeber würde dadurch seine Macht verlieren, womit dann die Erlösung eintreten könne.

Die Kirche hat diese Lehren (übrigens auch im Interesse der Juden!) entschieden verworfen, sie blieben als antinomistische Unterströmung der europäischen Geistesentwicklung immer virulent. Sie sind die Grundlage immer wieder in denselben Mustern auftretender utopischer Sehnsüchte: Freie Liebe, kollektive Erziehung der Kinder, befreiende meist mit pseudo-heidnischen Elementen verbundene Triebreligion (d.h. Abschaffung des Schuldgefühls), Abschaffung des Eigentums und des Geldes als Element der menschlichen Trennung (also Abschaffung der Schulden, zumindest der Zinsen), wobei dies alles ziemlich schnell mit zentraler Überwachung und Regulierung des Denkens, des Wollens und der Begierden einherzugehen pflegt: Wie könnte man auch sonst die vorhandene Sexualität (das nackte Gemeineigentum, bzw. Besitzrechte und Aufstiegschancen) gerecht verteilen? Auch der Marxschen Dialektik, die einen derartigen Endzustand als Rückkehr eines natürlichen Urzustandes imaginiert, liegt der gnostische Antagonismus zwischen dem despotischen Judengott und dem fremden Gott zugrunde, der vermittels der Menschheit, die ihre vom bösen Demiurgen (= alttestamentlichen Gott) auferlegte „Entfremdung“ überwindet, im heilsgeschichtlichen Drama den Sieg davontragen wird. Die Vorstellung der Herrschaftslosigkeit („Absterben des Staates“ bei Friedrich Engels und August Bebel) als Endziel der Geschichte, die sich dialektisch (letztlich im gnostischen Dreischritt von These, Antithese und irreversibler Synthese) entfaltet, lässt manche Vertreter des Sozialismus als Anarchisten erscheinen und so wird auch Proudhon gelegentlich dieser Strömung zugerechnet. Dies gilt auch für Eugen Dühring, den Engels in seinem „Anti-Dühring“ insbesondere als Vertreter der Lehren von Proudhon in Deutschland ausmachte, nachdem er „Marx von links“ her (so die Einschätzung des „Revisionisten“ Bernstein) kritisiert hatte. Die Auseinandersetzung Engels mit Dühring sollte verhindern, dass Marx als maßgebliche theoretische Bezugsgröße der Berliner SPD durch die Lehren von Dühring und damit derjenigen von Proudhon ersetzt wurde. Dühring sollte daher primär Einfluss auf den Sozialismus außerhalb oder am Rande der klassischen Sozialdemokratie haben, auch wenn er mit dem „freiheitlichen Sozialismus“ (Betonung des Koalitions- und Streikrechts bis hin zur israelischen Kibbuzbewegung) auch innerhalb derselben virulent blieb. Die Vorstellung Dührings vom „Gewalteigentum“, das den unberechtigten -  da gewaltsam angeeigneten - Aspekt des Eigentums ausfindig machen wollte, kann als „missing link“ zwischen Proudhon und Feder angesehen werden. Vor allem gilt dies für den radikalen Antisemitismus, der auf der Prämisse beruhte, dass die weitgehende Herrschaftslosigkeit, also so etwas wie paradiesische Verhältnisse wegen des autoritären, „knechtischen“ Charakters der Juden, der sich in der Unterwerfungsbereitschaft gegenüber ihrem Gott zeige, nur durch deren Ausrottung herbeigeführt werden könnte (während Proudhon die Juden primär „nach Asien zurückschicken“ wollte und „exterminieren“ nur als Option aufscheint). Dies würde den „Ersatz der Religion durch Vollkommeneres“, also Freiheit von der Religion ermöglichen, wobei als Zwischenschritt angesichts der freiheitlichen Institutionen der Germanen die Rückkehr zur altgermanischen Götterwelt auch anstelle klassizistisch-hellenistischer Bestrebungen nahe gelegt wird. Dühring war dabei kein romantischer Reaktionär, seine Bezugspunkte blieben der Aufklärer Voltaire, die Französische Revolution, die Pariser Kommune und „das allgemeine Menschenrecht und entsprechender Freiheit“.

Während Dühring nach dem durch den „Anti-Dühring“ von Engels ausgelösten Streit und dessen Sieg total mit der Sozialdemokratie brach, versuchte der sich auf Proudhon beziehende Anarchist Wilhelm Marr (1809-1904), der wohl den Begriff „Antisemit“ geprägt hat, eine Verbindung von Sozialdemokratie und Antisemitismus herzustellen. Erst als Parteiführer Bebel dieses Ansinnen im Großen und Ganzen zurückwies, meinte Marr, einen „arischen Sozialismus“ dem „jüdischen Sozialismus“ der Sozialdemokratie entgegenstellen zu müssen. Marr hielt aber weiterhin die Bekämpfung der Sozialdemokratie durch die antisemitische Bewegung für einen strategischen Fehler und gab sich der Hoffnung hin, dass zumindest Reste der antisemitischen Bewegung in der Sozialdemokratie aufgehen würden. Dies erschien nicht völlig unrealistisch: Die Bebel zugeschriebene Aussage, wonach der „Antisemitismus der Sozialismus des dummen Kerls“ sei, belegt nämlich trotz der in der Aussage liegenden Zurückweisung des Antisemitismus dessen aus Sicht der klassischen Sozialdemokratie grundsätzlich sozialistischen Charakter (man hätte sonst etwa vom „Konservativismus des dummen Kerls“ oder Liberalismus, Nationalismus etc. des dummen Kerls sprechen können). Auch die besondere Distanzierung des alten Engels vom Antisemitismus, dass dieser nämlich „eine Abart des feudalen Sozialismus“ sei, belegt, dass man sich der ideengeschichtlichen Tradition durchaus bewusst war, in die man sich etwa unter Bezugnahme auf die chiliastischen (d.h. tausendjährige, dritte Reiche anstrebenden) Bewegungen des Mittelalters stellte, deren Antisemitismus (Ausrottung der „Wucherer“) übrigens kaum etwas mit einer Rassenlehre zu tun hatte.

Für die von Krier aufgeworfenen Frage nach dem „missing link“ zwischen den Ansichten des Sozialisten Proudhon, der in dem von dem SPD-Chefideologen Karl Kautsky skizzierten „Stammbaum des modernen Sozialismus“ von 1900 als Bestandteil der sozialistischen Ideenströmung anerkannt ist und dem NS-Programm ist allerdings bedeutsam, dass der NS den sich auf Proudhon beziehenden Antisemiten Marr ignoriert und es auch vermieden hat, sich explizit auf Dühring zu beziehen. Es gab zwar positives Schrifttum zu Dühring (der „blinde Seher“!). Proudhon selbst wurde nur marginal behandelt und dann in einer Weise, die man kaum als parteiamtlich ansehen kann. Eine Einschätzung lässt die „Schwarze Liste“ der aus öffentlichen Bibliotheken auszusondernden Bücher, die unter VIII. die „Abteilung: Politik und Staatswissenschaften“ betraf und folgende Vorbemerkung enthielt: „Die restlose Sperrung der Abteilung Sozialismus geht zu weit, in jedem Fall ist das nicht- und vormarxistische deutsche Schrifttum zum Sozialismus von der Sperrung auszunehmen. Zum Ersatz für die ausrangierten marxistischen Bücher empfiehlt es sich, das parteifreie Arbeiterschrifttum vor allem aus den Abteilungen: Arbeiterfrage, Sozialpolitik, Genossenschaftswesen, Bevölkerungsfrage, Arbeitsdienst mehr in den Verkehr zu bringen. Außerdem ist darauf zu achten, dass gerade von der Literatur des wissenschaftlichen Marxismus je I Exemplar im Giftschrank der Studien-, Haupt- und Stadtbüchereien aufgehoben wird.“ Nach diesen Grundsätzen waren die Schriften von Proudhon von keiner Aussonderung betroffen, d.h. sie wurden zumindest nicht als nachteilig für die NS-Ideologie angesehen, was auch für Engels Werk über den deutschen Bauernkrieg galt (zumindest für  diese historische Phase erkannte der NS noch eine Gemeinsamkeit der Sozialismen).

Richard Wagner als „Proudhonist“ ...

Der adäquate ideengeschichtliche Zusammenhang kann vielleicht doch in der eingangs zitierten Einschätzung von Rauschning über den Bezugspunkt Richard Wagner gefunden werden. Dabei kann man sich auch auf die Aussagen von Hitlers Jugendfreund August Kubizek stützen, wonach sich Hitler intensiv mit allem beschäftigt hat, was mit Wagner zusammenhing und etwa Texte von Wagner frei vortrug und aus dessen Schriften vorlas. Schon 1852 war Wagner unter Bezug auf seine kunsttheoretischen Schriften („Die Kunst und die Revolution“, „Das Judentum in der Musik“ oder das Feuerbach gewidmete „Kunstwerk der Zukunft“) vorgehalten worden, ein Schüler Proudhons zu sein. In der Tat hat sich Wagner, zwar nicht direkt in den angeführten Schriften, mit der Eigentumskritik von Proudhon bis ins hohe Alter auseinandergesetzt, die in seine Musikdramen eingeflossen ist; danach ist der Ring (der Nibelungen) Symbol des Kapitals, Alberich der kapitalistische Unternehmer und die Nibelungen das Industrieproletariat, Siegfried als Revolutionär, der mit dem Drachen das Symbol der feudalen Gesellschaftsordnung zerschlägt: „Es ist festzustellen, dass es Wagner mit dem Nibelungen-Mythos ... gelungen war, deutsche Sage, Proudhonschen Sozialismus und Feuerbachsche Religionskritik in Einklang zu setzen“ (Opelt, Nachweis bei Krier). Wagner imaginiert in seinem „Ring“ „die Welt ohne Walter“, in der nur „Liebe“ noch Bestand hat, d.h. es wird die anarchistische Vorstellung geträumt, die zumindest Endziel des Sozialismus bleibt, wonach „der Untergang des Staates“ (der Herrschaft) die „gesunde organische Gesellschaft“ mit der „freien Selbstbestimmung der Individualität“ als „gesellschaftliche Religion der Zukunft“ herbeiführt. Die das Individuum unterdrückende Herrschaft sieht Wagner im Eigentum als Herrschaftsinstrument. Dies wird dabei als Verfallserscheinung verstanden, was sich in der „Geldheirat“ spiegelt, welche der Eigentums- und Machtakkumulation dient. Erst die Abschaffung des Eigentums wird wahre von Eigentums- und Machtinteressen gelöste Liebesbeziehungen ermöglichen. Man kann Wagner in diesem Zusammenhang eine Verherrlichung des Inzests zuschreiben: Die Liebe der Geschwister Siegmund und Sieglinde, die den Helden Siegfried hervorbringt, wird als Ausdruck totaler Freiheit zum ursprünglich anarchistischen Akt.

Die treffendste Zusammenfassung von Wagners Ansichten finden sich bei Friedrich Nietzsche: „Wagner hat, sein halbes Leben lang, an die Revolution geglaubt, wie nur irgendein Franzose an sie geglaubt hat. Er suchte nach ihr in den Runenschriften des Mythus, er glaubte in Siegfried den typischen Revolutionär zu finden. – `Woher stammt alles Unheil in der Welt?´ fragte sich Wagner. Von ´alten Verträgen´; antwortete er, gleich allen Revolutions-Ideologen. Auf Deutsch: von Sitten, Gesetzen, Moralen, Institutionen, von Alledem, worauf die alte Welt, die alte Gesellschaft ruht.“ Auch wenn Proudhon ein Besuch der „Walküre“ sicherlich entsetzt hätte, so wurde durch Richard Wagner zumindest die Proudhonsche Kritik an Staat und Eigentum vermittelt und wenn Hitler an die 140 Male den „Ring“ gesehen hat, dann ist er damit hundertvierzig Mal mit der Proudhonschen Eigentumskritik konfrontiert worden. Wagner hat dabei der Maxime von Dühring entsprochen, die utopischen Sehnsüchte des Sozialismus in die germanische Sagenwelt zu übersetzen.

... und: Der Politiker als Künstler 

Allerdings hat die Bedeutung Richard Wagners für Hitlers nicht so sehr in der bloßen Übermittlung des Proudhonschen Sozialismus gelegen, sondern in einer zentraleren Weise (die außerhalb der Betrachtung des ideengeschichtlichen Panoramas von Krier liegt) darin, dass Wagners Kunstkonzeption Hitlers Selbstverständnis als Künstler ansprach. Für Richard Wagner, der 1848 / 49 beeinflusst von den Ideen der Sozialisten / Anarchisten Bakunin und Proudhon an den politischen Unruhen in Sachsen aktiv beteiligt war, ist die Vorstellung eines Gesamtkunstwerkes von zentraler Bedeutung. Die Kunst sollte die Rolle der Religion übernehmen und der Mensch würde entsprechend der Technikgläubigkeit der französischen Frühsozialisten, der Saint-Simonisten, durch den technischen Fortschritt von der Mühsal der Arbeit befreit, zum Künstler werden können. Der Antinomismus als sozialistisches Endziel der Geschichte würde sich im Künstlertum als absoluter Freiheit verwirklichen. Dementsprechend sollten die Rollen des Künstlers und des Politikers verschmelzen. Diese Verschmelzung hat jedoch zur Folge, dass das legitime Spiel der Künstler mit menschlichen Sehnsüchten und Wünschen, die den Menschen in der mythologischen Erzählung Trost vermitteln sollen, für Realität genommen werden. Es wird die Warnung missachtet, die Tocquille aus liberaler Sicht wie folgt zum Ausdruck gebracht hat: „Was beim Schriftsteller (gleiches gilt auch für andere Kunstmedien, Anm.) ein Vorzug ist, wird beim Staatsmann manchmal zum schweren Fehler, und dieselben Dinge, die oft schöne Bücher (oder auch Kunstwerke wie diejenigen von Wagner oder des Futurismus, Anm.) entstehen lassen, können zu großen Revolutionen führen“ (was negativ gemeint war). Der Anarchismus und Antinomismus des Künstlers verwandelt sich beim Politiker, wird er unvermittelt aufgenommen, in antiinstitutionellen Terror. 

Diese Vorstellung vom politisch wirkenden Gesamtkünstlertum, die in Wagners theoretischem Schrifttum seinen Ausgangspunkt nehmen sollte, wurde von einem wesentlichen Teil der modernen künstlerischen „Avantgarde“ aufgegriffen, übrigens ein bezeichnender militärischer Begriff. Am konsequentesten sollte diese Vorstellung vom Futurismus dargelegt werden, der mit dem Aufkommen des italienischen Faschismus im engen Zusammenhang steht: Mussolini, der angehende Diktator und F.T. Marinetti (1876-1944), der Verfasser des berüchtigten futuristischen Manifests von 1909 kannten sich noch aus ihrer gemeinsamen Zeit als Aktivisten der Sozialistischen Partei Italiens und beide sollten im Faschismus verbunden bleiben: „Die Machtergreifung des Faschismus stellt die Verwirklichung des futuristischen Minimalprogramms dar“ (Marinetti). Der Futurismus mit seinem radikalen Bruch mit der Vergangenheit, seiner Verherrlichung des mit technischen Waffen geführten Krieges als Ausdruck eines neuen ästhetischen Phänomens, das die Zerstörungswut des Anarchisten zum Ausdruck bringen würde, die absolute Technikbewunderung und Fortschrittsbezogenheit hatte sein Pendant im russischen Rayonismus / Kubo-Futurismus, dessen Vertreter enthusiastisch die sog. Oktoberrevolution, also Lenins Staatsstreich begrüßten. Marinetti, der futuristische Faschist und Majakowski (1893-1930), der bolschewikische Rayonist verstanden sich bei ihrem Treffen von 1925 in Paris als kongeniale Künstler. Hitler Selbstverständnis als Künstler, das von Wagners Schriften inspiriert ist, steht im Einklang mit dem futuristischen Verständnis politischen Künstlertums. Für Hitler war dementsprechend die Kunst eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende Mission, das einzige unsterbliche Ergebnis der menschlichen Arbeit. Durch die Verschmelzung der Rolle des Künstler mit der des Politikers konnte der „Führer“ zum Demiurgen werden: „Wer den Nationalsozialismus nur als politische Bewegung versteht, weiß fast nichts von ihm. Er ist mehr noch als Religion, er ist der Wille zur neuen Menschenschöpfung“: Das ganze Land mit den Menschen als zu bearbeitetem Material wird zur Künstlerwerkstatt, was es dem Politiker als Staatskünstler erlaubt, sein antinomisch-antiinstitutionelles Politikverständnis auszuleben: „Die moderne Kunst, deren Vorstellung die nazistische Politikauffassung beeinflusst hat (die unbeschränkte Freiheit des Künstlers gegenüber seinem Rohstoff, der menschlichen Masse), ist diesem neuen Ziel nicht mehr angemessen. Sie ist nunmehr eine unnütze („entartete“) Kunst geworden, und die Nazis entscheiden sich gegen die Neuerungen der Avantgarde“ (so Tzvetan Todorov, Künstler und Diktatoren. Die Energien der Avantgarde und die Vision vom neuen Menschen, in: Lettre International 85, S. 66 ff.). Dies musste etwa der Expressionist Emil Nolde bitter erfahren, der ja durchaus aufgrund seiner Überzeugung, die „germanische Kunst“ sei allen anderen weit überlegen, bewusster Anhänger des NS war (und erst damit brach als er 1941 Malverbot erhielt). Die Hinwendung zu einem pseudoklassischen Stil (durchaus in Anlehnung an das Bauhaus) entsprang einem ähnlichen Bedürfnis wie die Etablierung des „sozialistischen Realismus“ unter Stalin, der ebenfalls mit der Avantgarde nichts mehr zu tun haben wollte. Schon Lenin war gegen den „Futurismus“ (worunter er die gesamte Avantgardekunst verstand) eingestellt, hatte aber keine Zeit, diese Position politisch umzusetzen. Diese Bekämpfung der eigentlich modernen Kunst wurde im Interesse der machtpolitisch-ideologischen Selbstdarstellung des sozialistischen Regimes durchgesetzt, obwohl bei der Avantgarde der Kommunismus große Unterstützung hatte: Dementsprechend wurde Majakowski in den Selbstmord getrieben, Meyerhold erschossen und Eisenstein unterwarf sich, um nur das Schicksal von drei Künstlern zu nennen. Unter den Künstlerdiktaturen Deutschland, Sowjetunion und Italien erhielt lediglich der „klassische“ Faschismus Mussolinis der futuristischen Avantgarde eine Entfaltungsmöglichkeit. Zumindest gab es keine Diffamierung der modernen Kunst wie in Nazi-Deutschland oder in der Sowjetunion (aufgrund des gegenüber den expliziten Sozialismen humaneren Charakters des Faschismus?). Der „sozialistische Realismus“, basierend auf der Weiterentwicklung der Kunstrichtung der „Wanderer“, von denen Ilja Repin (1844-1930) der bekannteste ist, enthielt die Botschaft, dass die Norm, nämlich Sozialismus, bereits Realität sei und es daher keiner autonomen Kunst mehr bedurfte, eine Position, die auch der Neoklassizismus der NS-Architektur und der symbolhafte Realismus der Malerei zum Ausdruck bringen sollte. Die Unterscheidung, die Walter Benjamin dabei glaubte vornehmen zu können, wonach der Faschismus „folgerecht auf eine Ästhetisierung des politischen Lebens“ hinauslaufe, „dem der Kommunismus mit der Politisierung der Kunst geantwortet“ habe, stellt Antifa-Selbsttäuschung dar: Die ideologische und auch sonstige Gemeinsamkeit der Sozialismen war auch im künstlerischen, genauer: kunstpolitischen Bereich bei weitem größer als die Differenz.

Fortsetzung des NS im BRD-Antifaschismus

Das Selbstverständnis Hitlers eines demiurgischen politischen Künstlertums verbot die Bezugnahme auf mögliche Vorläufer des Nationalsozialismus, der ganz dem Genie des Staatskünstlers Hitler entsprungen sein sollte. Im tausendjährigen dritten Reich, in dem die deutsche demokratische Republik (mit ihren dritten Wegen, Dritte Welt-Verehrung) sich noch immer zu befinden scheint, da nach 12 Jahren „Faschismus“ 988 Jahre Entnazifizierung angesetzt sind, profitiert eine Heerschar von Antifa-Interpreten davon, den „Faschismus“ überall nachzuweisen, nur nicht bei sich selbst. Aufgrund der langen Vorgeschichte von Motiven der geistesgeschichtlichen Entwicklung, die in den NS eingegangen sind, ihren Ausgangspunkt jedoch schon in der Spätantike genommen haben, wäre es in der Tat erstaunlich, dass die entsprechenden Gedankenansätze, Verhaltensmuster und vor allem Mentalitäten mit dem Untergang des NS völlig verschwunden wären. So macht etwa  Martin Kriele (s. Die faschistischen Züge der Sektenjagd, in: Gerhard Besier / Erwin K. Scheuch (Hrsg.), Die neuen Inquisitoren. Religionsfreiheit und Glaubensneid, Teil I, Osnabrück 1999, S. 394 ff.) als „faschistisch“ die „Sektenjagd“ aus, für das eine (quasi-) amtliche Hysterie kennzeichnend ist, die weltanschaulichen Minderheiten entgegengebracht wird. Kriele wirft dabei den „Sektenjägern“ nicht vor, „dass sie Faschisten seien. Die meisten sind in ihrer politischen Orientierung eher dem breiten Spektrum der Sozialdemokratie zuzuordnen. Es geht um bestimmte Elemente ihres Denkens und Agierens, die stark an die dreißiger Jahre erinnern.“

Was Kriele hinsichtlich der Anti-Sektenpolitik ausgemacht hat, gilt erst recht im „Kampf gegen rechts“, der ohnehin, ohne dass ihm dies bewusst zu sein scheint, ein Vermächtnis von Hitler umsetzt, der letztlich zu Beginn des Jahres 1945 sein sich abzeichnendes Scheitern darauf zurückgeführt hat, nicht auch „den Schlag gegen rechts“ geführt zu haben, was er als seine „große Unterlassungssunde“ erkannte. Der NS-Slogan: „Kauf nicht bei Juden“ wird dementsprechend in politisch organisierten Kündigungen von Versammlungsräumen, Konten, Taxen und dergleichen „gegen rechts“ mentalitätsmäßig fortgeführt. Die Tatsache, dass dies trotz oder gerade angesichts von sog. Antidiskriminierungsgesetzen geschieht, zeigt die für den „Faschismus“ typische Verachtung sogar politisch selbst befürworteter rechtlicher Normen an, wenn sie konkret nicht ins sozialistische Programm passen. „Gegen rechts“ wird eine ideologie-politische Apartheidpolitik betrieben, die angesichts der Beschwörung von „Vielfalt“ nur damit zu erklären ist, dass „ein Rechter“ (ein Begriff der entsprechend dem „Faschismus“ des Antifaschismus sehr weit ausdehnbar ist) vom faschistischen Antifaschismus in einer Weise klassifiziert wird, wie Rassisten die Angehörigen einer als minderwertig angesehenen Rasse. Den quasi-rassistischen Charakter dieser Anti-Rechts-Politik zeigt sich auch daran, dass die auf Plakaten von meist rechtswidrigen sog. „friedlichen“ Gegendemonstrationen beschworene „Vielfalt“ offensichtlich nur (multi-) rassisch, also letztlich rassistisch gemeint ist, aber die politische Vielfalt (Pluralismus) explizit ausschließt. In einem gerade erschienenen Film wird das rassistische Vernichtungspotential dieses Antifaschismus in dem für den Gnostiker typischen Unschuldgefühl auf der Grundlage der Gleichung Deutscher = Nazi bereits herbei imaginiert. Ohne Skrupel können dann Deutsche skalpiert, zerstückelt und ausgeschlachtet werden (fehlt nur noch, dass sie auch in Seife verarbeitet und ihre Haut gegerbt wird). Angesichts der für den „Faschismus“ kennzeichnenden Haltung, Ästhetik mit Politik zu verschmelzen, stellt sich die öffentliche Bewunderung derartiger Machwerke (man stelle sich vor, ein Film würde nicht einmal Juden, sondern etwa Afrikaner die Rolle zuschreiben, die dieser Film Deutschen = Nazis zuschreibt) als ominös dar. Eine entsprechende Befürchtung trifft insbesondere deshalb zu, weil in der Bundesrepublik die liberale Einstellung der Trennung von Politik und Kunst (Autonomie der Kunst) nicht beachtet wird, sondern bei Bedarf Kunst politisch-ideologisch nachhaltig instrumentalisiert wird: Deshalb wird etwa, um nur eines von zahlreichen Beispielen zu nennen, ein Bildhauer Arno Breker (1900-1991) nicht aufgrund ästhetischer Kriterien beurteilt, sondern aufgrund politischer Kategorien kunstpolitisch / amtlich geächtet. Dass die politische Linke gelegentlich dafür eintritt, die DDR-Kunst nach ästhetischen Kriterien zu beurteilen, dies aber auf diese Kunst beschränkt, lässt eher ein politisches Anliegen vermuten als ein Eintreten für die grundrechtliche Freiheit der Kunst. Dies trifft auch für die Anschaffungspolitik bundesdeutscher Museen zu, zweifelhafte Werke jüngster Art teuer deshalb anzukaufen, weil die moderne Kunst, worunter dann auch der Toilettengang verstanden wird, insgesamt als Verfolgte des Naziregimes anzusehen ist (man könnte sie allerdings auch als Verfolgte des Kommunismus, zumindest des Leninismus / Stalinismus ausmachen) und deshalb ein – an wen gerichteten? – „Zeichen“ gesetzt werden muss. Die politische Vereinnahmung der Ästhetik und damit der „Faschismus“ werden mit dieser Einstellung methodisch nicht überwunden. Damit ist die Gefahr verbunden, dass die utopischen Sehnsüchte, deren sich die Kunst legitimer Weise annimmt, ins Politische umgesetzt werden, was mit einem erheblichen Vernichtungspotential einhergeht: Es muss ja immer der Schuldige ausgemacht werden, der angeblich verhindert, dass sich das Paradies einstellt. Bekanntlich gehen diesem die Götterdämmerung und der Weltbrand voraus.  

Information

Die hier ausgeführten Gesichtspunkte sind vertieft in dem Buch des Verfassers: Roter, brauner und grüner Sozialismus: Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus

http://www.amazon.de/Roter-brauner-gr%C3%BCner-Sozialismus-ideologischer/dp/3939562041/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1251529389&sr=1-1

Als Ergänzung zu diesem Werk kann die angeführte Veröffentlichung von Frédéric Krier gelesen werden:

http://www.amazon.de/Sozialismus-f%C3%BCr-Kleinb%C3%BCrger-Proudhon-Wegbereiter/dp/341220286X

Die Problematik rechtsstaatswidriger Ideenverfolgung ist ausführlicher dargestellt bei: Josef Schüßlburner / Hans-Helmuth Knütter (Hrsg.): Was der Verfassungsschutz verschweigt. Bausteine für einen Alternativen Verfassungsschutz-Bericht, 579 Seiten, IfS 2007, derzeit vom Verlag reduziert auf 5 Euro.


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