Ralph Janik

Studierte Rechtswissenschaften in Wien und Madrid. Mitarbeiter am Institut für Wertewirtschaft; seine Beiträge geben jedoch nicht unbedingt die Meinung des Instituts wieder.

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

Demokratiekritik: Ich bin Wir

von Ralph Janik

Die Zeit scheint nun reif für mehr Kollektivismus

Viele Dinge ist man dieser Tage. Opel, Deutschland, Papst oder ein Fußballverein. Der „Westen“ versteht sich seit dem Aufkommen des Christentums und dessen neuen Menschenbilds vom gottgleichen Menschen als Hort des Individualismus. Von daher rührt die Kritik am Konzept der Menschenrechte, die Anspruch auf Universalgeltung verfolgen (müssen). Ihnen wird immer wieder Eurozentrismus (von allen von Seiten islamischer Staaten, weswegen es auch zur Kairoer Erklärung der Menschenrechte kam) vorgeworfen – eben weil zu stark auf das Individuum abstellend, zu wenig die Gesellschaft in Betracht ziehend; und eben auch, weil die Religionsfreiheit betonend. Doch wir leben auch im vermeintlichen Hort des Individualismus in einer Gesellschaft, die das Ich zurückdrängt, um das „wir“ zu betonen.

Man erkennt, wenn auch noch in abgeschwächter Form, ein Muster, das aus der Geschichte bereits bekannt ist (die Theoretiker der Moderne und der Überlegenheit der westlichen Gesellschaftsform konnten sich das Phänomen des Nationalsozialismus und den damit verbundenen Gräueln niemals von der Warte westlicher Überlegenheit aus erklären; an der Frage, wie ausgerechnet in der ideengeschichtlichen Geburtsstätte des Individualismus zu einem kollektiven Massenwahn ausbrechen konnte, ist bis heute noch ein Widerspruch zu den hehren Erwartungen an die Moderne) – in Zeiten der Krise (die uns im Moment verkündet werden) wird auch heute aus dem „Ich“ ein „Wir“. Die Menschen sehnen sich angesichts der Hilflosigkeit gegenüber abstrakten Mächten, als die der „freie Markt“ skizziert wird, nach einer größeren Identität, einer Art „Über Ich“, das Sicherheit und Orientierung in einer globalisierten Welt gibt, in der eine Wirtschaftskrise in der Tat „alle“ erfassen kann und nicht einmal der Staat, dessen vielgepriesene soziale Sicherungsfunktion immer öfter erschüttert wird, ausreichenden Schutz bieten kann.

„Wir“ bedeutet nicht nur Integration, sondern, viel verheerender, auch Exklusion. Jedes „Wir“ bringt notwendigerweise ein „Nicht-Wir“ mit sich, von dem man sich abgrenzt, das eben nicht dazugehört. Sonst würde man „alle“ sagen und das Gefühl von Identität verlöre sich in der Masse der Weltbevölkerung, etwas, das man der Globalisierung gerne unterstellt – dass sie Identitäten, lokale wie größere, zum Erodieren bringt. Es heißt, die Globalisierungsverlierer hätten nur die Kehrseiten der Medaille abbekommen – sie verlieren ihre Identität und ihre althergebrachten, traditionellen Gesellschaftsformen (wie es auch bei den „Gewinnern der Globalisierung“ durchaus der Fall sein kann), und zusätzlich sehen sie nichts vom wirtschaftlichen Aufschwung, den die Globalisierung verheißt. Angesichts dessen, dass diese populären Thesen von Globalisierungsgewinnern und -verlierern einer empirischen Prüfung kaum standhalten, ist es an dieser Stelle notwendig, eine kleine Klarstellung zu üben – es gibt gewiss „Globalisierungsverlierer und -gewinner“. Doch zeigt sich, dass die „Gewinner“ jene sind, die daran partizipieren und die „Verlierer“ in Staaten leben, deren Führung sich entschlossen hat, intern keine funktionierende Marktwirtschaft aufzubauen und extern dem Weltmarkt fern zu bleiben. Abgesehen davon, dass wie sich anhand von gängigen Indikatoren wie der Armutsgrenze, Analphabetenquote oder durchschnittlicher Lebenserwartung ablesen lässt, der Wohlstand nahezu überall auf der Welt zugenommen hat – wenn auch in einigen Ländern weniger als in anderen, was zu der vielgescholtenen Schere zwischen arm und reich führt. Dass jedoch auch „die Armen“ profitiert haben, wenn auch in Relation weniger, wird dabei bewusst außen vor gelassen.

Die große Illusion vom „Westen, der alles richtig macht“ ist spätestens seit Einsetzen der der großen „Finanzkrise“ geplatzt. Plötzlich tönt es von allerorts, das der Kapitalismus (und die unzähligen anderen Schmähwörter) gescheitert sei, obwohl es stets liberale Ökonomen waren, die die Finanzkrise vorhergesehen und die Wirtschafts- und Geld-Politik der führenden westlichen Staaten seit je her kritisiert haben.

So kommt es, dass die Sehnsucht nach einem „Wir“ in Zeiten der Krise wächst. Das instrumentalisierte Gemeinschaftsgefühl, das sich bei kleinsten ethnischen oder politischen Gruppen in ärmeren Ländern findet, setzt auch im vermeintlichen „Hort des Wohlstands“ wieder ein. Oft suchen die Menschen in Zeiten der Krise mit einsetzendem Ohnmachtsgefühl des Einzelnen Halt  in der Religion, die ihrerseits identitätsstiftende Wirkung hat. So hat Samuel Huntington in seinem Standardwerk „The Clash of Civilizations“ die Religion als primären Identitätsstifter klassifiziert.

Es lässt sich feststellen, dass die Religion ihre identitätsstiftende Wirkung vor allem für Menschen, die in der Diaspora leben, zeigt. Ein Türke in Österreich oder Deutschland kann sich durch die Zugehörigkeit zu einer relativ kleinen Gemeinschaft viel eher via Moschee und Glauben als Teil eines größeren Ganzen sehen, eben gerade weil er und dieses größere Ganze in einem fremden Land wiederum ein kleiner Teil sind. Die Wirkung steigt an, je kleiner die Gemeinschaft und je stärker sie sich von der übergeordneten, innerhalb der sie existiert, abgrenzen kann – denn in einer Massengesellschaft wird die Wirkung von Zugehörigkeitsgefühl abgestumpft, da das „alle“ oder „beinahe alle“ wiederum für sich kein „Wir“-Gefühl zu erzeugen vermag.
Es muss jedoch nicht zwangsläufig die Religion Anlaufstelle für den Gemeinschaftssuchenden sein; im Westen, der großteils von einer Abnahme der Religiosität gezeichnet ist, werden eben Ersatz-Götzen gesucht.

Im Europa dieser Tage sind es oft andere Dinge, die für das „Wir“ ge- oder missbraucht werden; oft mit wenig Erfolg – was nicht weiter verwundert, denn ein Gemeinschaftsgefühl lässt sich nicht künstlich in kurzer Zeit verschaffen, wenn nicht bereits ein Grundstein dafür besteht. So war die Imagekampagne für das kriselnde Deutschland, im Zuge derer zahlreiche Prominente aus allen Bereichen, von Sport über Wissenschaft bis hin zu Musik instrumentalisiert wurden, um „wir sind Deutschland“ zu zelebrieren, ein schwacher und offensichtlich „von oben“ oktroyierter Versuch, Mut zu machen, Einheit zu stiften und ein eben solches künstliches „Wir- Gefühl“ zu erzeugen. Mit dem Problem, dass es auf einer zu abstrakten Ebene stattfand, um angenommen zu werden; dieses Gefühl lässt sich nicht per Knopfdruck ab- und hervorrufen, es braucht fundamentale Krisensituationen, die eine Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern, wie etwa Kriege. Umso bizarrer mutete die „du bist Deutschland“-Kampagne an, da sie in einem Land stattfand, in dem der Slogan des größeren „Wir“, der deutschen (Rassen-)Einheit schon einmal da war, sogar mit identischem Wahlspruch von „du bist Deutschland“. Die Vorzeichen sind gewiss andere, doch die Grundzüge von der versuchten Instrumentalisierung der Massen dieselben. Es sind genau solche Kampagnen, die für die Menschen gefühlt von oben geführt werden, um die Saat des Kollektivismus zu streuen, um Gefühle, die im Eindruck der Verlorenheit in einer modernisierten und globalisierten Welt entstehen, für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass wir nicht Opel, Papst oder Deutschland sind – weil sich niemand als etwas fühlt, das ihm jemand anders vorgedacht hat, zumindest so lange nicht, bis er aufgrund von einer Ausnahmesituation dafür empfänglich ist, auch künstliche Zusammengehörigkeit zu akzeptieren. Menschen fühlen sich am intensivsten denjenigen Einheiten zugehörig, die am meisten Bedeutung für sie haben (Familie, Freundeskreis, Dorf/Stadt, Bundesland, Staat/Nation, Europa/USA) und diese Intensität nimmt mit steigender Abstraktheit der Einheit ab. Je größer und abstrakter diese wird, desto bedeutendere Ereignisse braucht es, um einen derartigen Zustand der Gemeinschaft (wenn auch nur kurzfristig) künstlich, „von oben herab“ herbeizuführen. So brauchen die USA Kriege, um Zusammengehörigkeitsgefühle unter ihren Bürgern zu wecken. In Europa hat sich das seltene Gefühl der „Wir Europäer“ in Abgrenzung zu den vergleichbar großen USA im Zuge des Irakkriegs und der kritischen Haltung, wie sie durch Dominique Villepin und Gerd Schröder demonstriert wurde, breit gemacht. Auf EU-ropäischer Ebene war in Österreich im Zuge der durch die EU verhängten „Sanktionen“ nach der Regierungsbeteiligung der damaligen Jörg Haider FPÖ ein starker Solidarisierungseffekt zu bemerken – wiederum in Abgrenzung zu „den anderen“, in diesem Fall der übermächtig erscheinenden EU.

„Wir-Gefühle“ sind entweder historisch lange gewachsen (Religion, gemeinsame Geschichte, Kultur und Identität), entstehen spontan (Cordoba '78 für Österreich, die WM 1954 für Nachkriegsdeutschland) oder eben durch gesellschaftliche Ausnahmesituationen – wobei ersichtlich ist, dass die beiden letztgenannten durch die jeweiligen Situationen zeitlich determiniert werden. „Wir“-Gefühle sind von unterschiedlicher Intensität, je nach Gesellschaft und Ereignis – sie sind etwa in den USA gewiss stärker vorhanden als im heutigen Deutschland, was gewiss auch mit der permanenten Erzeugung von Ausnahmesituationen in den USA zusammenhängt. Außerdem sind identitätsstiftende Ereignisse stets so lange von begrenzter Wirkung, als sie nicht die totalitäre Natur von Religionen aufweisen können – die nahezu sämtliche Bereiche des Lebens betrifft, während ein gemeinsam erlebter Meistertitel im Fußball das freilich nicht tut –  es ist hier wenig verwunderlich, dass die extremsten Fußballfans von ihrem Verein als ihrer Religion sprechen, wenn sie damit verdeutlichen wollen, welch einen Stellenwert dieser Verein in ihrem Leben genießt.

Masse macht stark und in der Masse wird der einzelne mehr als eben nur ein einzelner, weswegen er sich vor allem dann nach ihr sehnt, wenn er sich schwach und überfordert fühlt. Er wird zu einem großen Ganzen, verschmolzen mit zahlreichen anderen, die, wenn auch nur kurz (etwa im Fußballstadion, bei einem Konzert, einer Parteikundgebung oder einer Demonstration), ihre Individualität aufgeben, sich in der Menge fallen lassen, um ein Gefühl von Stärke, Geborgenheit und Zusammengehörigkeit zu erleben. Die Masse wird zu einer großen, schützenden Familie, in der in gefühlter Reziprozität jeder für jeden da ist. Diese Sehnsucht nach Masse und größerer Gruppe wohnt den meisten Menschen inne, wenn auch in abgestufter Form. Es scheint, dass im Moment mit der „Finanzkrise“ die Ausnahmesituation geschaffen ist, die gebraucht wird, um radikale, die Freiheit des Einzelnen betreffende Maßnahmen im Namen der Allgemeinheit durchzusetzen. Sie scheint als verheerend genug wahrgenommen zu werden, um alte Nationalismen, den Protektionismus oder die (globale) Regulierung zu verstärken.

„Der Feind“, „die anderen“ sind hierbei nicht einmal zwangsläufig Staaten, sondern in diesem Fall eine großteils anonymisierte Personengruppe. Diese bekommt dann Titel wie „Heuschrecken“ verpasst und plötzlich meint jeder zu wissen, was „Hedgefonds“, Derivate“ oder „Devisen“ und deren Auswirkungen auf den globalen Finanzmarkt sind. Im Zuge der nach 9/11 eingeführten Maßnahmen hat sich dieser anonyme Feind in aller Deutlichkeit als „Schläfer“ gezeigt – etwas, das prinzipiell jeder sein kann. Dann werden die „Neoliberalen“, die „Reichen“, „Investoren“ oder „Schläfer“, „Terroristen“ und „Dschihadisten“ zu „den anderen“, denen das Volk bzw. der einzelne hilflos ausgeliefert ist und es die Politik und ihre Mittel braucht, um es zu schützen.

Es mag wenig verwundern, wenn an diese Sehnsüchte appelliert wird, wenn man sie sich zu Nutze machen möchte, um „im Namen des Volkes/der Belegschaft/der Studenten“ zu sprechen, um oftmals partikularistische Interessen als Interessen der Allgemeinheit, eben des „wir“, zu etikettieren. So hüllen Politiker um Deals, die nur ihnen oder ihrer Partei etwas bringen, gerne den Mantel des „Allgemeinwohls“. So werden allen erdenklichen Maßnahmen, seien es neue Überwachungsgesetze, neue Regulierungen der Wirtschaft oder zusätzliche Besteuerung als im „öffentlichen Interesse“ deklariert, um ihnen den Schrecken zu nehmen und sie am Ende in etwas Positives zu verwandeln – es geschieht ja für den guten Zweck. 

Genau hier liegt die Gefahr derartiger Kampagnen – darin, dass utilitaristisch im Namen der Allgemeinheit, wenn es auch in Wirklichkeit anders aussieht, alles möglich wird, und das eintrifft, wovor schon Aristoteles in seiner Beschreibung der Demokratie als defizitäre Staatsform gewarnt hat – dass die Herrschaft der Massen (in diesem Fall die Herrschaft im Namen der Massen) alle Gesetze der Vernunft außer Kraft treten lässt und sie zwar eventuell sogar vielen (bei Aristoteles den Armen), nicht jedoch allen nützt.

07. September 2009

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen