10. September 2009

Philosophische Praxis (Vol. 31) Sprache und Wirklichkeit

Ein Spiel ohne Grenzen

Gorgias, ein griechischer Sophist und Rhetor, dem Platon einen seiner berühmtesten Dialoge widmete, brachte das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit eindrucksvoll auf den Punkt: „Das Organ, wodurch wir etwas mitteilen, ist das Wort; das Wort aber ist nicht das Ding, das existiert. Wir teilen also unseren Mitmenschen nicht die Dinge mit, sondern Worte, die von den Dingen selber ganz verschieden sind“.

Die Dinge und die Worte sind miteinander nicht ident. Erstere repräsentieren die Außenwelt, letztere unsere Gedanken. Beide stehen freilich in Beziehung zueinander. Diese Beziehung, so Gorgias, kann einfach und klar, aber auch höchst problematisch sein, „denn auch die Skylla (ein Meerungeheuer, das bellt wie ein Hund, sechs Rachen und zwölf Arme hat) und die Chimaira (ein feuerspeiender, aus Löwe und Ziege zusammengesetzter Drache) und vieles andere, was nicht existiert, kann man sich denken“.

Doch selbst dann, wenn das Verhältnis zwischen Ding und Wort ein Einfaches und Klares wäre, sind die Probleme noch nicht gelöst: „Denn wenn es auch möglich ist, ein Wort zu vernehmen, ja genau zu vernehmen – wie ist es möglich, dass sich der Hörende dasselbe wie der Redende darunter vorstellt?“. Angesichts solcher Schwierigkeiten, schließt Gorgias, „ist das Kriterium der Wahrheit zunichte gemacht“.

Mehr als 2000 Jahre später vergleicht Ludwig Wittgenstein in seinen posthum veröffentlichten „Philosophischen Untersuchungen“ die Sprache mit einem Werkzeugkasten: „Da ist ein Hammer, eine Zange, eine Säge, ein Schraubenzieher, ein Maßstab, ein Leimtopf, Leim, Nägel und Schrauben. So verschieden die Funktionen dieser Gegenstände, so verschieden sind die Funktionen der Wörter“. Auch ist es keineswegs gleichgültig, ob man ein und dasselbe Wort innerhalb eines Befehls, eines Theaterstücks oder eines Witzes verwendet, ob man mit ihm bittet, dankt, flucht, grüßt oder betet.

Die Bedeutung der Wörter liegt demnach in ihrem Gebrauch. Sie entsteht erst im Rahmen eines praktischen Zusammenhangs, den Wittgenstein „Sprachspiel“ nennt. Denn wie beim Spielen eines Brettspiels, bei dem wir die Spielfiguren nach bestimmten Regeln nach und nach verschieben, setzen wir auch beim Spielen eines „Sprachspiels“ Wörter und Sätze regelhaft ein. Diese Regeln zeigen im Unterschied zu jenen eines Brettspiels eine noch weitaus höhere Komplexität: Gleich Organismen entziehen sie sich einer vollständigen Analyse. Sprache – und damit unser Denken – bleibt letztlich rätselhaft, logisch undurchschaubar.

Die Komplexität der Sprache ergibt sich unter anderem auch aus dem Umstand, dass es sich beim Sprechen eben nicht bloß um Wörter und Sätze handelt. Gebärden, psychische Verhaltensmuster, implizite Bedeutungen, Ziele, Zwecke, ja der komplette Kontext, in dem sich der Sprecher und sein(e) Hörer befinden, geben dem Gesagten erst seine volle Bedeutung. Ein „Sprachspiel“ zu beschreiben, kommt demnach dem Erzählen einer unendlichen Geschichte gleich.

Sprache, so Wittgenstein, ist letztlich „Teil einer Tätigkeit“. Sich diese Tätigkeit umfassend vorstellen, heißt, „sich eine Lebensform vorstellen“. Das Sprachspiel, das ich spiele, bestimmt meine Lebenswirklichkeit. Im „Tractatus“ konnte Wittgenstein dies bereits eindrucksvoll formulieren: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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