Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Freiheitsbegriff: Anarchische Hypothese als Zielmarkierung

von Gérard Bökenkamp

Über Detmar Doerings „Traktat über Freiheit“

Detmar Doering sieht die Freiheit durch begriffliche Beliebigkeit gefährdet. Um dieser Geführdung entgegenzuwirken, hat er in seinem "Traktat über Freiheit" den Versuch einer grundsätzlichen Klärung des Freiheitsbegriffes auf möglichst intersubjektiver Basis unternommen.

Bei Doering gibt es den Gegensatz von Minimalstaatlern und Anarcholibertären auf grundsätzlicher Ebene nicht. Im Traktat ist dieser Gegensatz reduziert auf den Widerspruch zwischen dem moralphilosophisch Wünschbaren auf der einen und dem, was  praktisch umsetzbar ist auf der anderen Seite. Er schreibt dazu: „Die Kritik am individualistischen Anarchismus setzt weniger auf der moralphilosophischen Ebene an, die zugestehen muss, dass reine und absolute Freiheit nur herrschaftslos denkbar ist, sondern an der Frage der Praktikabilität. Deshalb ist die anarchische Hypothese von durchaus hoher Bedeutung als Zielmarkierung. Sie definiert den Punkt, dem sich die Praxis nähern muss, ohne dabei das Ziel der Freiheit selbst zu gefährden.“ Doering ist allerdings skeptisch, ob anarchische Experimente wie im mittelalterlichen Island oder in Somalia auf moderne westliche Großgesellschaften übertragen werden können. Er will diese Option aber nicht für alle Zukunft ausschließen.

Nach eingehender Untersuchung der klassischen liberalen Positionen zur Letztbegründung von Werten, die von der Naturrechtslehre bis zu den fragwürdigen Folgen einer rein utilitaristischen Position reicht, kommt Doering zu dem Fazit, dass „es keine Letztbegründung oder gar Beweise in dieser Angelegenheit gibt.“ Dies solle jedoch nicht allzu sehr beunruhigen, denn nicht absolutes Wissen, sondern die „Einsicht in das eigene Nichtwissen“ sei die Basis des Freiheitsgedankens. Er empfiehlt daher die Erwartungen an die Möglichkeit der Letztbegründung „niedriger zu schrauben.“ Freiheitsrechte, so stellt Doering fest, seien keine „Naturgesetze“ sondern „Setzungen“. Diese könnten keinen Absolutheitsanspruch geltend machen und setzten eine bewusste Entscheidung voraus. Diese Setzungen könnten aber in Anspruch nehmen, widerspruchsfrei und plausibel zu sein.

Doering bezieht sich an dieser Stelle auf das Konzept der „Beweislastumkehr“ von Gerard Radnitzky. Danach soll nicht freies Handeln begründet werden müssen, sondern die Einschränkung einer Handlungsoption begründungspflichtig sein. Dies ergebe sich schon aus rein praktischen Gründen. In einer komplexen Gesellschaft wachse die Zahl möglicher Einwände gegen eine Handlung bis ins Unendliche. Deshalb werde es schließlich fast unmöglich für den Handelnden, seine Handlung gegenüber allen denkbaren Einwänden zu rechtfertigen. Der Vorteil eines solchen abstrakten Handlungsrahmens sei, dass dieser mit dem Zielpluralismus moderner Gesellschaften in Überstimmung steht: „Die bloße Existenz der pluralistischen Großgesellschaft macht ein pluralistisches Freiheitsverständnis zur Überlebensfrage und rechtfertigt sie damit zumindest in unseren realen Gesellschaften.“

Auf der Suche danach, wo überhaupt noch ein freiwilliger Konsens innerhalb moderner Großgesellschaften gefunden werden kann, verweist Doering auf Max Webers Gegenüberstellung von Gesellschaft und Gemeinschaft und führt David Humes Unterscheidung zwischen der Moral ersten Ranges und der Moral zweiten Ranges an. Die Moral ersten Ranges ist zwingend und betrifft die Abwehr von Zwang, Gewalt und Beschränkung. Innerhalb dieser einfachen Regeln ist das Handeln frei. Das heißt, dass Handeln in diesem Rahmen zwar nicht verboten werden, aber nicht, dass es nicht bewertet werden darf. Diese Bewertung fällt in die Kategorie der Moral zweiten Ranges. Die Moral zweiten Ranges betrifft Dinge, die „letztlich in den Freiheitsspielraum des Einzelnen gehören.“ Dinge können moralisch, sittlich falsch oder ästhetisch abstoßend sein, gehören aber trotzdem nicht in die Sphäre, in der Verbote greifen sollten. Doering zitiert Lysander Spooner mit dem Satz: „Laster sind keine Verbrechen.“ Verbrechen darf man mit Zwang unterbinden, Laster nicht.

Die Moral ersten Ranges ist deshalb wohl vor allem der Gesellschaft, die Moral zweiten Ranges wohl vor allem der Gemeinschaft im Weberschen Sinne zuzuordnen. Eng damit zusammen hängt die Unterscheidung zwischen Toleranz als öffentliche Tugend und Intoleranz als privatem Recht. Menschen haben das Recht, sich freiwillig sehr restriktiven Moralregeln einer Gemeinschaft zu unterwerfen. Intoleranz im privaten Raum ist also mit Toleranz im öffentlichen Raum durchaus vereinbar. Dies reicht bis zur Akzeptanz von Parallelgesellschaften, solange diese ihre von der Gesamtgesellschaft abweichenden Moralvorstellungen nur durch die Androhung von Ausschluss, nicht aber durch direkten Zwang durchzusetzen suchen.

Meinungsfreiheit, die Auseinandersetzung um geistiges Eigentum, Demokratie und Antiökonomismus sind weitere Themen, auf die Doering Antworten aus der Perspektive der liberalen Philosophie zu geben sucht. Bei aller Konsequenz im Denken gesteht Doering ein, dass es nicht lösbare Dilemmata gibt und nicht auf alle praktischen Fragen eine ethisch eindeutige und unbestreitbare Antwort gegeben werden kann. Das mag die Folge davon sein, dass Doering ein zu guter Kenner der Ideengeschichte ist, um der Illusion anzuhängen, man könne sich durch eine schlüssige Theorie von allen Einwänden und Zweifeln befreien. Widerspruchsfreiheit und ein hohes Maß intersubjektiver Nachvollziehbarkeit ist wohl das Äußerste, was eine Theorie zu leisten vermag. Er sieht den Erkenntnisprozess als Folge einer Evolution, den der Einzelne niemals vollständig überschauen könne. Aus dieser Perspektive wäre die Feststellung eines absoluten und nicht mehr hinterfragbaren Systems geradezu ein Widerspruch.

Literatur

Traktat über Freiheit

15. September 2009

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