16. September 2009

Links Wo der Ungeist weht

Über lieblose Solidarität

„Der Geist weht links“, überschrieb die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ vom 13. September ihren Aufmacher des Wirtschaftsteils. Gemeint war Angela Merkels Werbung für eine noch weiter gehende Sozialdemokratisierung Deutschlands. Als ich diese Schlagzeile erblickte, fragte ich mich sofort, was denn Sozialdemokratismus mit Geist zu tun haben könne. Kann man den Antriebsmotor des Sozialdemokratismus, den Neid, als Geist bezeichnen? Hatte die Redaktion nicht schlicht die Vorsilbe „Un“ vergessen? Denn nach meinem (zugegebenermaßen vom heiligen Augustinus beeinflussten) Verständnis gibt es nur einen Geist. Das ist der Geist der göttlichen Liebe, der seit dem Urknall das ganze Weltall durchstrahlt und weit voneinander entfernte Elementarteilchen miteinander kommunizieren lässt. Leider entstehen dabei wohl auch Schattenzonen. So erklärte Augustinus, das Böse könne ähnlich wie das Dunkel durch die Abwesenheit des Lichts durch die Abwesenheit des Guten, der Neid durch die Abwesenheit der Liebe erklärt werden. Als eigenständiges Wesen wollte Augustinus das Böse nicht gelten lassen.

„Eine wissenschaftlich begründete menschliche Solidarität gibt es nicht“, erklärte der im Juli verstorbene große polnische Philosoph Leszek Kolakowski in einem in der „Literarischen Welt“ am 5. September posthum veröffentlichten Interview. Weder mit Wissenschaft noch mit Nächstenliebe hat die Solidarität, die uns Sozialdemokraten jeglicher Couleur predigen, in der Tat etwas zu tun. Dafür umsomehr mit im Schatten herangewachsenem bürokratischem Ungeist. Der noch immer nicht abgeschaffte „Soli-Zuschlag“ zur Einkommenssteuer offenbart das besonders deutlich. Von Ungeist zeugt auch die von Angela Merkel in letzter Zeit bevorzugte Bedienung kurzfristiger gegenüber längerfristiger Sicherheitsinteressen potenzieller Wähler. Das jüngste Beispiel dafür ist die sogenannte „Opel-Rettung“. Hier fragt man sich allerdings, ob man es wirklich nur mit Geistesabwesenheit zu tun hat. Denn die Pläne für die Sanierung der Staatsfinanzen nach der Bundestagswahl liegen längst in der Schublade. Es geht dabei nicht nur um die Einführung neuer Steuern (zum Beispiel auf Nahrhaftes und angeblich dick Machendes, das durch die Lebensmittelampel mit einem roten Punkt markiert wird), sondern auch um die Möglichkeit der Pfändung von Privatvermögen, die Kunden von Geschäftsbanken gerade mithilfe einer ihnen aufgedrückten Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen einräumen müssen.

Internet

FAS: Der Geist weht links

Leszek Kolakowski: Ich rechne nicht mit dem Tod Gottes


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