18. September 2009

Wirtschaftswissenschaften Haben die Ökonomen die Finanzkrise wirklich nicht vorausgesagt?

Zwischenruf zu „Finanzminister Steinbrück rügt die Zunft der Ökonomen“ in der „FAZ“ vom 17. September

In den 1920er Jahren hat angeblich niemand die Weltwirtschaftskrise von 1929 vorausgesehen und heute angeblich niemand unsere Weltfinanzkrise. Selbst unser Finanzminister Steinbrück fragt in seiner Rede anlässlich der Preis­verleihung im Projekt „Jugend und Wirtschaft“ der „Frankfurter Allgemeinen Zei­tung“: „Wo waren die Wirtschaftswissenschafter mit ihrer Warnung: Vorsicht an der Bahnsteigkante?“

In den 20er Jahren war die Ökonomik an den Universitäten in Deutschland durch die Dominanz der Historischen Schule gelähmt. Heute befindet sich die universitäre Ökonomik in den Fesseln der neoklassischen Gleichgewichtstheo­rie.

In den 20er Jahren versagte die Historische Schule, weil man sich im Sammeln von Einzeleinheiten, kleinsten Details und einzelnen historischen Tatbeständen verloren hat, weil man sich aus diesen „Kleinigkeiten“ auf induktivem Wege Aussagen über das Große und Allgemeine versprach und weil man dadurch die Zeichen und Gefahren der Zeit  - „den Wald vor lauter Bäumen“ wie man so schön sagt – nicht gesehen hatte. Heute hat die dominierende und die wissenschaftliche Konkurrenz unterdrückende neoklassische Gleichgewichtstheorie versagt, weil man den alleinigen wissenschaftlichen Heilsweg darin sieht, durch ausgefeilte mathemati­sche Modelle ökonomische Erklärungen generieren zu können, die bei näherem Hinsehen eine reine Anmaßung von Wissen darstellen und zudem meistens nur das als Ergebnis liefern, was in den Annahmen bereits vorausgesetzt worden ist. Gefahren, Risiken und Systemrisiken werden so systematisch weggerechnet.

Das Denken in Ordnungen, wie Walter Eucken es gefordert hat, und die Be­schränkung auf Mustererkennung, die uns trotz aller Begrenztheit des menschli­chen Wissens und der menschlichen Erkenntnisfähigkeit möglich ist und die der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek immer angemahnt hat, wird an den deutschen Hochschulen kaum noch gelehrt. Im Gegenteil: Wir beobachten zur Zeit einen Ausverkauf der Ordnungstheorie und Ordnungspolitik an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland. Der wissenschaftliche Wettbewerb um Problemlösungen wird so systematisch an den deutschen Uni­versitäten ausgeschaltet. Eine einzige ökonomische Schule soll es richten. An­dere Denkweisen werden an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten un­terdrückt.

Von einer Praxeologie, die Ludwig von Mises als deduktive Erkenntnisme­thode und damit anders, als das Wort Praxeologie vermuten lässt, vertreten hat, habe ich in meinem Studium auch nie etwas gehört. Merkwürdig ist nur, dass sowohl Ludwig von Mises als auch sein Schüler Friedrich August von Hayek die Weltwirtschaftskrise von 1929 vorausgesehen hatten. Und merkwürdig ist auch, dass die Schüler von Mises und Hayek und viele Vertreter der österreichi­schen Schule der Nationalökonomie seit Jahren vor einem Kollaps unseres un­gedeckten Papiergeldsystems im größeren Ausmaß gewarnt haben, obwohl sie natürlich kein konkretes Datum des Zusammenbruchs benennen konnten.

Aber auch heute können wir überall an den deutschen Hochschulen und selbst von unserem Bundesfinanzminister Steinbrück hören: Das hat niemand voraus­gesehen! Klar, wer gibt schon zu, dass man andere Denkansätze unterdrückt und deren Warnungen seit Jahren in den Wind schlägt?


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