19. September 2009

Vorbildlich Zivilcourage und bürgerlicher Mut

Dominik Brunner ist ein Individuum

Dominik Brunner hat Zivilcourage gezeigt. Er hat sich vor zwei hilflose Jugendliche gestellt und mit seinem Leben dafür bezahlt, die von ihm vertretenen Werte verteidigt zu haben. Für den von ihm als Bürger aufgebrachten Mut, seine zivile Courage, wird er zum Dank von Reden schwingenden Politikern aller Parteien gelobt. Sie loben ihn für seine Zivilcourage. Und sie verdammen diejenigen, die ohne Zivilcourage zu haben dabeistanden, als Dominik Brunner zu Tode geprügelt und getreten wurde.

Es ist keine gute Zeit für Zivilcourage. Dabei ist sie gefragter denn je. Die Zahl der Konflikte hat zugenommen und dadurch die Erforderlichkeit, sie zu lösen. Die Zivilcourage des Dominik Brunner sollte einen Konflikt lösen. Er hatte den Mut, ein Wagnis einzugehen, als er das Eigentum und die beiden Kinder verteidigte. Er tat dies nicht aus der Stärke der Amtsstellung heraus, sondern als Privatmann, als Zivilist. Das ist ihm hoch anzurechnen. Denn selbst bewaffnete Amtspersonen sind heute nicht mehr unbedingt in der Lage, Konflikte mit den ihnen allein anvertrauten Mitteln zu lösen. Allenthalben klagt die Polizei über eskalierende Gewalt, über Straßenzüge, in denen sich die Besatzung nur eines Streifenwagens unsicher fühlt und lieber Verstärkung anfordert, über Personalmangel. Was Dominik Brunner eine Tugend war, ist für Polizisten ein Beruf, der nicht leicht ist.

Die Umstehenden, die angeblich von den von Dominik Brunner verteidigten Kindern um Hilfe gebeten wurden, hatten diesen tugendhaften Mut nicht. Sie konnten sich nicht überwinden einzugreifen und Dominik Brunner beizustehen. Sie haben eines gemeinsam. Sie haben sich gruppenkonform verhalten. Nichtkonformes Verhalten, nämlich ein Parteiergreifen zugunsten Dominik Brunners hätte jedem einzelnen von ihnen ebenso großen Schaden bringen können. Keiner war bereit, mit Mut dem Beispiel Dominik Brunners zu folgen und ein Wagnis einzugehen. Wo Dominik Brunner den Mut aufbrachte, als Individuum nach seinen Überzeugungen – vielleicht auch nur nach seinen Instinkten – zu handeln, da verharrten die Umstehenden in der Masse. Der Massenmensch ist der persönlich der Verantwortung enthobene Mensch. Er ist ein Herdentier. Gerät die Herde in Panik, gerät auch er in Panik. Kommt die Herde ins Rennen, rennt er mit. Sein eigenes Verhalten ist abhängig von dem Verhalten aller anderen und deren Tun kann er sich nicht entziehen, sondern zieht mit. In der Herde geht dem Menschen die Individualität verloren. Oder anders: Der Herdenmensch ist der, der ohne Individualität ist.

Der Verlust der Individualität ist ein Merkmal des Zeitgeists. Individualität kann nicht gedacht werden ohne die private Betätigung des Menschen. Der spezifische Charakter des Individuums kann nicht übersehen werden, wenn private Betätigung üblich und erlaubt ist. Denn das Erscheinen des Privaten im Verhalten des Menschen ist die Kehrseite des Zerbröckelns von Gemeinschaftsstrukturen. Das Zerbröckeln traditioneller Strukturen brachte das moderne Europa und mit ihm die moderne Individualität hervor. Erst aufgrund der Erfahrung der Individualität entstand die Neigung, die Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums zu erproben. Der Genuss der Individualität ist Hauptquelle des Glücks und der hohe Wert, der der Individualität beigemessen wurde, die natürliche Folge dessen.

Indes ist das Private und mit ihm die freie Entfaltungsmöglichkeit des Individuums auf dem Rückzug. Der Staat hat schrittweise im Laufe vieler Jahrzehnte die vom Bürgertum einst gewonnenen privaten Entfaltungsräume zurückerobert. Vorsorge gegen Krankheit, Alter, Unfall und andere Widrigkeiten sind nicht oder nur schwer privat zu erledigen. Erziehung ist bereits lange nicht mehr Privatsache, wenn sie es überhaupt schon gewesen ist. Selbstverteidigung wird verschmäht, im kritischen Fall hat man sich auf die Polizei zu verlassen. Die meisten Menschen wären sogar unfähig, die Entscheidung zur Flucht zu treffen. Mit dem Abtöten des Privaten muss auch die Individualität verschwinden. Es folgt unausweichlich der Rückfall in die Masse. Dort organisieren sich die Anti-Individuen. Dort sind sie heimisch. Und sie sind in der Überzahl.

Der Massenmensch ist gekennzeichnet durch seine Seelenverfassung. Es verlangt ihn nach Konformität. Ein Anderssein kann er nicht dulden. Der Selbstverantwortung versucht er sich wo er nur kann zu entziehen. Freilich rühmt sich das Anti-Individuum seiner Individualität, die sich im Tragen bestimmter Kleidung von Markendesignern und dem Herzeigen von je nach sozialer Schicht unterschiedlichen Statussymbolen erschöpft. Das Anti-Individuum ist ein Triebmensch. Es ist Mitläufer. Es ist berufen zu folgen, will geführt werden und fügt sich freiwillig in dieses Schicksal, weil es das so will, weil es ihm Spaß macht und weil es nichts anderes kennt.

Wäre auch nur einer der Umstehenden ein Individuum und nicht ein Anti-Individuum gewesen, wäre Dominik Brunner noch am Leben. Denn dem Vorbild des einen wären die anderen gefolgt und die Täter könnten sich glücklich schätzen, wenn sie dem aufgebrachten Mob entgangen wären, der den Tätern womöglich angetan hätte, was sie Dominik Brunner zudachten. Der Massenmensch ist zu allem fähig.

Dominik Brunner dagegen war ein Individuum. Er braucht kein Vorbild, um richtig und mutig zu handeln, sondern ist ein Vorbild. Ist es ein Zufall, dass er einer Unternehmerfamilie entstammte und Geschäftsmann war?

Literatur:

Michael Oakeshott, Die Massen in der repräsentativen Demokratie, in: Albert Hunold (Hrsg.), Masse und Demokratie, Erlenbach-Zürich 1957, S. 189 ff.

Mehr bei ef:

Andreas Tögel, Das moralische Versagen eines verlogenen Staates;

André F. Lichtschlag, Sozialismus tötet.


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