Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Wahlergebnis: Angies „Erfolg“

von Gérard Bökenkamp

Über das schlechteste CDU-Ergebnis seit 1949

28. September 2009

Es gibt Reaktionen, die brauchen kaum kommentiert werden, denn sie sind nachvollziehbar. Dass die FDP-Änhänger sich über das beste Ergebnis ihrer Geschichte freuen, ist verständlich. Dass die SPD-Anhänge tief deprimiert sind über den Absturz und das schlechteste Ergebnis ihrer Parteigeschichte, ist auch verständlich. Um das Verhalten der CDU-Anhänger zu verstehen, muss man wohl auf Konzepte der Sozialpsychologie zurückgreifen. Wenn man die begeisterten Unionsanhänger frenetisch „Angie, Angie“ rufen hört und eine strahlende Kanzlerin vor die Kameras tritt, könnte man meinen, Angela Merkel habe gerade allenfalls knapp die absolute Mehrheit verfehlt. Dabei hat die Union gestern das zweitschlechteste Wahlergebnis ihrer Geschichte eingefahren. Schlechter schnitt die CDU/CSU nur bei der ersten Wahl 1949 ab. Also in einer Zeit, da sie als Volkspartei noch nicht etabliert war. Erst mit dem Wahlsieg von 1953 wurde deutlich, dass durch Adenauers Außen- und Erhards Wirtschaftspolitik eine neue bürgerliche, überkonfessionelle Volkspartei entstanden war.

Diesen Anspruch darauf, eine „Volkspartei“ zu sein, hat Angela Merkel zwar auch gestern Abend wieder erhoben, die Entwicklung spricht aber eine andere Sprache. Als Helmut Kohl im Jahr 1998 abgewählt wurde, galt seine Niederlage mit 35,1 Prozent als historisch. Nach 16 Jahren galt der Kanzler und seine Regierung als ausgebrandt. Die Wahl 2005 galt für die Union dann nach sieben Jahren Rot-Grün als sichere Sache. Am Ende landete Kanzlerkandidatin Merkel wieder bei knapp über 35 Prozent. Bei der CDU gab es deshalb lange Gesichter. Wie konnte es kommen, dass die Union nach sieben Jahren Regierungschaos von Schröder und Fischer genauso schlecht abschnitt wie nach 16 Jahren Kohl? Wie Merkel nur wenige tausend Stimmen vor Gerhard Schröder landete, obwohl sich die SPD schon damals in Auflösung befand?  Heute hat die Union mit 33 Prozent weniger Stimmen erhalten als bei der Wahl 2005, als 1998 bei der Abwahl von Helmut Kohl nach 16 Jahren und weniger Stimmen als Gerhard Schröders SPD nach der Durchsetzung der Agenda 2010 und der Abspaltung der Linken. Dabei hatte Angela Merkel diesmal den Amtsbonus auf ihrer Seite. 2005 wurde in der Union noch eine Diskussion über das schlechte Wahlergebnis gefordert, heute feiert die Partei „Angie.“

Dabei hätten die CDU-Anhänger lieber „Guido, Guido“ rufen müssen, denn alle Erfolge, die Laufe des Abends von den Unionspolitikern für die „bürgerliche Mehrheit“ reklamiert wurden, hat die FDP eingefahren. Um die Niederlage zum Erfolg umzumünzen, ist den Vertretern des Unionslagers kein Argument zu platt. Das Argument ist, die Bürger hätten FDP gewählt, weil sie Merkel wollen. Die Frage, die sich stellt, ist doch: Wenn sie Merkel wollen, warum haben sie dann nicht Merkel gewählt? Schließlich hat die CDU ausdrücklich für Erst- und Zweitstimme geworben, und in den letzten Wochen war der einzige Inhalt der CDU-Wahlwerbung die Kanzlerin. Selbst dem politisch Unbedarftesten sollte klar gemacht werden, dass man Merkel bekommt, wenn man CDU/CSU wählt..

Halten wir uns an die Fakten: Merkel war 2005 Kandidatin, weil sie als Frau und Ostdeutsche neue Wählerstimmen für die CDU erreichen sollte. Ihr Ergebnis war aber unter viel günstigeren Ergebnissen schlechter als das von Edmund Stoiber, der von Schröders Irakkriegs-Kampagne überrumpelt wurde, und zwar auch unter Frauen und bei Ostdeutschen, obwohl Stoiber bekanntlicherweise ein Mann ist und aus Süddeutschland kommt. Nach dem schlechten Wahlergebnis von 2005 hieß es aus der CDU-Führung, Schuld sei der Parteitag von Leipzig und der „neoliberale“ Kurs. Die Union müsse jetzt einen sozialdemokratischen Kurs fahren, weil sonst die Wahl nicht mehr zu gewinnen sei. Inhalte seien schlecht. Man habe die Wahl 2005 verloren, weil man zu genau gesagt habe, was man politisch wolle. Daher sollte die Partei in Zukunft lieber sozialdemokratischer und weniger scharf in ihren Aussagen sein. Außerdem müsse die Union neue Wählerschichten erschließen, weil die Stammwähler sie ohnehin wählen. Genau dieser Kurs wurde in den letzten Jahren, Monaten und Wochen verfolgt. Das Ergebnis ist seit gestern um 18 Uhr bekannt.

Die Union hat mit Merkel also 2005 verloren mit einem Reformprogramm, und sie hat 2009 noch stärker verloren mit einem sozialdemokratischen Kurs. Am Inhalt kann es also kaum liegen, denn dieser war grundsätzlich verschieden. Die Konstante war die Kandidatin – Angela Merkel.

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