03. Oktober 2009

Marktkommentar Das Jahr nach Lehman

Die Ruhe vor dem Sturm

Am 15. September 2008 war die US-Investmentbank Lehman Brothers pleite. Einige Tage später beinahe auch der US-Versicherer AIG und die deutsche Hypo Real Estate. Diese beiden Institutionen wurden von den Regierungen mit gigantischen Bailoutsummen gerettet, da sie als „systemrelevant“ eingestuft wurden. Ihr Untergang hätte das Weltfinanzsystem umgebracht. Sogar Finanzeliten wie der Pimco-Chef El Erian hatten schon richtig Angst und damals vorsorglich Bargeld von ihren Konten abgehoben. Er war sicher nicht allein, aber nur er hat darüber geschrieben. Inzwischen sickert heraus, was sich damals abgespielt hat. Vieles davon war schlichte Erpressung der Politik. Einige Wochen später begann dann der allgemeine Run auf die Banken, zuerst in Irland, dann in Griechenland, später in Deutschland und Österreich. Alle betroffenen Regierungen haben gleich alle Spareinlagen „garantiert“, damit diese Runs endeten. Dennoch wurden 500 Euro-Scheine knapp.

Die Bailout-Orgie danach

Es ist unglaublich, was Zentralbanken und Regierungen danach in ihre Banken gesteckt haben. Allein für die USA rechnet man inzwischen mit 14.500 Milliarden Dollar – so viel wie das Bruttosozialprodukt. Davon allein etwa 4.500 Milliarden Dollar Staatszuschüsse an Banken und Konjunkturpakete. Der bekannte Bond-Guru Jim Bianco hat ausgerechnet, dass das mehr war als für den Zweiten Weltkrieg, ja auch mehr als für alle Kriege plus das Mondprogramm danach. Europa liegt nicht weit dahinter: Man braucht sich nur ansehen, was Deutschland etwa in die HRE oder die Landesbanken gesteckt hat. Sogar der Quelle-Katalog des insolventen Arcandor-Konzerns wurde für die Bundestagswahl gerettet.

Die Lehman-Pleite hat gezeigt, was deren „Assets“, also Vermögenswerte wirklich wert waren: etwa 9 Prozent vom Nominalwert. Auch die Assets der anderen Großbanken dürften nicht viel mehr wert sein. Die Deutsche Bank hat über 1600 Milliarden Euro davon mit „Fair Value“ bewertet, das heißt ein „Wert“ wurde selbst angenommen, nachdem auf Druck der Banken auch in Europa die Bilanzierungsregeln massiv aufgeweicht wurden.

Der Run auf das ganze System folgt

Mit dieser Bailout-Orgie hat man 2008 und 2009 noch einmal das Finanzsystem gerettet (kleine Banken lässt man in den USA untergehen). Die Realwirtschaft ist im ersten Halbjahr 2009 weiter eingebrochen und hat sich trotz aller Lügen bisher nicht erholt. Nur ein weiterer, massiver Absturz wurde für den Moment gestoppt. Hier ein Satz aus einem Artikel von F. William Engdahl: „Der Aufschwung steht unmittelbar bevor – dieser berühmt-berüchtigte Satz des US-Präsidenten Herbert Hoover aus dem Jahr 1931 ist auch heute wieder allerorten zu vernehmen.“

In den 1930er Jahren hat man tatsächlich von höchster Stelle genauso agiert und gelogen. Man weiß inzwischen, dass der Tiefpunkt der Depression 1933 erreicht war, nicht 1931.

Einiges wird diesmal etwas anders kommen: In mehreren Marktkommentaren habe ich schon geschrieben, dass ein Indikator für die nächste Attacke auf das Finanzsystem ein steigender Goldpreis sein wird. Seit einigen Wochen liegt dieser bei 1.000 Dollar pro Unze und lässt sich von den Zentralbanken nicht mehr signifikant drücken. Nicht-westliche Zentralbanken wie die Chinas, Hedge-Fonds und vermögende Privatpersonen verhindern das, in dem sie massiv Gold kaufen. Sie bereiten sich auf die Hyperinflation und damit auf den Abverkauf aller westlichen Währungen vor. Irgendwann kommt der richtige Ausbruch des Goldpreises und der Run aus dem gesamten System, inklusive Staatsanleihen. Das ist dann ein Run aus dem Papiergeld – eine Folge der staatlichen „Rettungen“. Die Staatsdefizite in den USA und Großbritannien haben bereits 50 Prozent des Gesamtbudgets erreicht – das ist echtes Hyperinflations-Territorium. Deutschland oder Frankreich sind nicht weit davon entfernt. Die Rettungen haben also ein Jahr Zeitgewinn gebracht. Dann ist die richtige Krise wieder da. Der Goldpreis wird es anzeigen.


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