10. Oktober 2009

Sozialstaat Mit Dynamit gegen die Nächstenliebe

Angst vor der Freiheit und Hass auf den Massengeschmack

Der Hass weiter Bevölkerungsgruppen auf den Liberalismus kam nie besser zum Vorschein als nach dem für manch einen überraschenden Stimmenzuwachs der FDP bei der Bundestagswahl. Gewohnt reflexartig schnappen die sozialdemokratischen Kiefer führender Medien nach Herrn Westerwelle und seinen angeblichen Marktradikalen. Vergessen ist die politische Korrektheit, Tiefschläge unter die Gürtellinie des Privaten sind nun erlaubt. Was gegen Herrn Wowereit als unanständig gölte, das ist gegen Herrn Westerwelle statthaft, da es gegen einen homosexuellen Freidemokraten geht. In der Empörung und Enttäuschung über den Sieg des gelben Antichristen vergisst das linke Milieu und die ihm nachhechelnde Schickeria alle Manieren, wenn solche dort je anzufinden waren.

Die Krise bringt häufig das Schlechteste im Menschen hervor. Und so muss es nicht verblüffen, wenn konservative Besitzstandswahrer das dem Antiliberalismus freundlich gesinnte Meinungsklima als willkommenen Anlass nehmen, mit dem Kopf aus der vordergründig rechten Deckung hervorzulugen und in das Klagelied der befürchteten Ökonomisierung einzustimmen. Noch bevor die „Zeiten von Schwarz-Gelb“ überhaupt richtig angebrochen sind, unternimmt ein Autor der „Jungen Freiheit“ den Versuch, den Sozialstaat gegen den befürchteten Abbau zu verteidigen. Harald Harzheim behauptet, die Marktwirtschaft mache alle gleich, mutiere jeden zum Marktfetischisten und verdamme zur Huldigung des Markt-Götzen. Die „Ökonomie“ rücke in den Fokus und der Erwerb werde zum höchsten Wert. Vor diesem egalisierenden und totalitären Fundamentalismus bewahre nur der Differenzierung erlaubende Sozialstaat. Der allein ermögliche die Vereinbarkeit der Marktwirtschaft mit dem Christentum, sei doch Nächstenliebe im Konkurrenzkampf undenkbar. Die alleinige Unterstellung des Menschen unter das ökonomische Gesetz will Harzheim in einem „Liebesakt mit Dynamit“ in die Luft gesprengt sehen.

Ökonomischen Irrglauben dieser Art würde ein Marxist oder Wertkritiker nicht anders äußern. Wie diese verortet Harzheim den Raubtierkapitalismus in Südamerika, wovon die Südamerikaner sicherlich nichts wissen. Auch sprachliche Form und Ausdruck gleichen sich wie ein Ei dem anderen: „Marktfetischismus“, „Moneten-Gott“, „Markt-Götze“ sind beredte Beispiele für das rhetorische Zusammenwachsen von Fraktionen, die nur in ihrer Einbildung getrennt voneinander bestehen. Wunderbar kommt dies in dem Freiheitsbegriff Harzheims zur Geltung. Den Sozialstaat versteht er „als Garant der Freiheit“. Der Sozialstaat garantiert vor allem, dass die Aufwendungen für Essen und Unterkunft nicht selbst erbracht werden müssen. Der Mensch ist nach diesem Freiheitsbegriff unfrei, wenn er sich um die Befriedigung dieser Bedürfnisse eigenhändig sorgen muss. Die Unfreiheit ist ihm somit angeboren, denn ein jeder muss essen, schlafen und braucht ein Dach über dem Kopf. Er entledigt sich der Unfreiheit, wenn seine Grundbedürfnisse „bedingungslos“ befriedigt sind. Die Menschen, die unter dem Regime der DDR leben mussten, werden sich freuen dies heute zu hören. Verhungert und erfroren sind sie nicht, nach Freiheit verlangte es sie damals dennoch.

Die so garantierte Überflüssigkeit der Sorge um die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, kann – das wissen alle Liberalen – nur auf die eine Art verwirklicht werden. Ein anderer muss nicht nur für die Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse, sondern auch die Bedürfnisse des befreiten Menschen arbeiten. Für ihre Kinder macht das eine Mutter gern. Für seine Eltern macht das ein Mann gern. Kurzum, für die Nächsten ist gesorgt. Der Sozialstaat aber weitet das Prinzip aus auf die, für die man nicht mehr aus eigenem Antrieb sorgen würde. Im Sozialstaat mutiert die Nächstenliebe zur Fernstenliebe. Wer arbeitet, muss nicht nur die, die ihm am Herzen liegen, sondern jedermann versorgen. Mit christlicher Nächstenliebe hat das nichts zu tun. Nächstenliebe ist eine Tugend, die aus eigenem Antrieb und aus herzlicher Überzeugung gelebt wird. Jemanden zu zwingen sein Hab und Gut zu teilen, beraubt ihn der Möglichkeit Nächstenliebe zu leben. Die Befolgung der Regeln des Sozialstaats in Form der Weggabe des Eigentums entspringt nicht einem Akt der Liebe.

Das Mittel, mit dem die unfreiwillige Weggabe an die Fernsten bewirkt wird, ist staatliches Handeln. Kein Jurist bestreitet, dass staatliches Handeln letztlich auf Gewalt beruht. Die Androhung von Gewalt verstößt gegen das von Jesus vorgelebte Prinzip der Gewaltlosigkeit. Jesus wurde als Aufrührer verurteilt wegen des Anzettelns eines politischen Umsturzes. Er war aber in Wirklichkeit nie der politische Revolutionär, als der er ans Kreuz genagelt wurde, sondern ein Aufwiegler der Herzen. Gewalt war ihm als Mittel ebenso fremd wie weltliche Ambitionen. Zu Dynamit hätte er niemals gegriffen, geschweige denn seine Nutzung als Liebesakt gesehen. Im Gegensatz zu Jesus war Barrabas ein sich der Gewalt bedienender Mörder und Aufrührer. Das Volk zog Rettung des Terroristen Barrabas der des gewaltlos handelnden Jesus vor. So wie Barrabas, so hat auch die Linke immer die gewaltsame Revolution angestrebt. Der Autor der „Jungen Freiheit“ teilt diese Ethik von Mord und Totschlag mit den Linken, bestimmt aber nicht mit Christen.

Wenn Harzheim dem Markt eine Ethik zuweist, die von seiner eigenen abweicht, muss dies daher schon fast als Kompliment durchgehen. Der Markt ist aber niemals das Fundament einer Ethik, sondern dessen Folge. Wo immer Menschen friedlich interagieren, kann ein Markt entstehen. Ein Markt benötigt identifizierbare, friedliche Tauschhandlungen, so wie ein Wald einzelne Bäume benötigt. Wo sich die Menschen zu einem friedvollen Umgang miteinander entscheiden, da blühen die Märkte. Wo sie sich für Waffengewalt, Lug und Betrug entscheiden, da kann es keinen geben. Zunächst entscheiden sich die Menschen für das, was ihnen wichtig ist, geben sich eine Wertordnung. Bei der Verfolgung ihrer Werte kann es zur Entstehung von Märkten kommen. Dass es das zuweilen tut, ist ein Verdienst der Menschen und ein Beweis dafür, dass noch nicht jedermann moralisch so weit verrottet ist, sich gänzlich der Gewalt zugewendet zu haben.

Meist erweisen sich die als unfähig von etwas anderem als unfriedlichen Handlungen Gebrauch zu machen, die von Moneten-Göttern, Markt-Götzen und Marktfetischismus sprechen. Sie mögen es nicht, dass ihre eigene künstlerische Leistung nicht den Gefallen der Vielen findet. Sie tragen Ressentiments gegen den Geschmack der Massen in sich. Sie halten sich für elitär und ihre eigene Kopfarbeit der Entlohnung wert. Dass keiner freiwillig ihr Tun bezahlen will, sehen sie als Marktversagen an und nicht als ihr eigenes. Es ist ihnen ein Greuel, dass sich der Massengeschmack laufend ändert und dies von ihnen nicht vorhergesehen werden kann. Die Abhängigkeit von den Launen des Publikums macht ihnen Angst. Sie sind es, die ihre eigenen ästhetischen Werte zu allgemeinen Werten erhoben sehen wollen, die vom Staat und dadurch auf anderer Leute Kosten leben. Sie sind es, die egoistisch ihr Wohlergehen über Nächstenliebe stellen und sich „freigiebige Spenden“ nicht vorstellen können, weil sie von sich auf andere schließen.

Mehr online:

Harzheim, Liebesakt mit Dynamit, Junge Freiheit v. 06.10.2009

Quelle:

Ludwig von Mises, Die Wurzeln des Antikapitalismus, Colombo/Vaduz 2007 (1958);


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