19. Oktober 2009

Philosophische Praxis (Vol. 33) Über die Mode

In der Demokratie haben sich die Verhältnisse umgekehrt

Die Mode, so Christian Garve, einer der populärsten deutschen Philosophen des 18. Jahrhunderts, gehe von der herrschenden Schicht aus und werde von den unteren Schichten imitiert. Ihr periodischer Wechsel ergebe sich dadurch, dass sich die Oberschicht nach einiger Zeit genötigt fühlt, sich erneut durch Kleidung und Verhalten zu distanzieren. Mode, als ein zeitlicher Vorsprung, hat demnach den Charakter informeller Führung. Jene, die sie als Erste tragen und anderen dadurch zum Vorbild werden, gewinnen soziales Prestige.

Für Charles Baudelaire, den Dichter, war Mode jedoch weitaus mehr, nämlich „ein Zeichen des Strebens hin zum Idealen“. Weit entfernt davon, bloß etwas Neues zu sein, komme der Mode die zivilisatorische Aufgabe zu, die Natur des Menschen beständig zu verbessern. In seinem Naturzustand sei der Mensch stets hässlich und roh. Nur ästhetisch modifiziert könne er Schönheit für sich beanspruchen.

In die gleiche Kerbe schlägt auch Vivienne Westwood, die Modeschöpferin: „Von Frauen, die ihre Natürlichkeit zur Schau stellen und glauben, dass sie bereits ganz wundervoll sind, wenn sie ein paar Turnübungen gemacht haben und ein weißes T-Shirt tragen, halte ich nicht viel. Die Kleidung eines Menschen ist ein wesentlicher Teil seines Selbstkonzepts. Irgendetwas muss man einfach tun, entweder Make-up auftragen, eine passende Frisur oder die passende Kleidung tragen. Aber einfach gar nichts zu tun, das ist pöbelhaft. Die Entwicklung hin zu einer demokratischen Gesellschaft hat dazu geführt, jeden Menschen so zu nehmen, wie er ist, ohne dass er dafür etwas tun muss.“

Und so scheint es, als ob sich die Verhältnisse heute umgekehrt hätten: Die Unterschicht, die als die demokratische Mehrheit nicht bloß in politischer Hinsicht als beherrschend gilt, gibt auch der Mode ihren Takt. Was zählt, ist die Bequemlichkeit. Wenn es heiß ist, geht man mit Badeschlappen durch die Stadt. Mode ist zum Bedarfsphänomen geworden und muss „praktisch“ sein. Im Sinne eines Strebens nach Idealität und Schönheit auch etwas Unbequemlichkeit in Kauf zu nehmen, stößt mehrheitlich auf Unverständnis. Betrachtet man Fotografien aus dem alten Wien, so fällt unweigerlich auf, dass die Dienstboten und Wasserträger des 19. Jahrhundert stets sorgfältiger gekleidet waren, als heute so manche Chefs von Zeitungen und Werbeagenturen.

Selbst die Haute Couture, die nach wie vor von und für Menschen produziert wird, die sich als Oberschicht verstehen, orientiert sich an Sujets aus dem Milieu: So konnte man vor einiger Zeit in der Vogue magersüchtige Mannequins mit eingefallenen Wangen und gegrätschten Beinen sehen, im Heroin-Stil. Ihre Schenkel waren fleckig und von Mücken zerstochen. Sie lagen angefeuchtet und wie tot im Wald, waren aber perfekt geschminkt, trugen Seide und rosa High-heels. Wie unschuldig waren dagegen die Schäferspiele des französischen Adels im Ancien Regime.

Für Immanuel Kant, den man aufgrund seiner exquisiten Kleidung „Magister elegantissimus“ nannte, war Mode bloß Ausdruck populären Geschmacks und damit unauflösbar mit Eitelkeit und Torheit verknüpft. Damit steht sie im Gegensatz zum gediegenen Schönen. Aber wissen wir heute noch, was das gediegene Schöne ist? Manche wissen es, tragen es und manche können es auch sehen und schätzen. Aber das ist selten geworden.

Information

Die Kolumne „Philosophische Praxis“ von Eugen Maria Schulak (Institut für Wertewirtschaft) erscheint in der „Wiener Zeitung“, der ältesten Zeitung der Welt, sowie anschließend in loser Folge auf ef-online.


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