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![]() Studierte Rechtswissenschaften in Wien und Madrid. Mitarbeiter am Institut für Wertewirtschaft; seine Beiträge geben jedoch nicht unbedingt die Meinung des Instituts wieder. ef-Sucheef-EinkaufspartnerWenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button: ef auf FacebookBesuchen Sie uns auch auf Facebook: |
Studenten als Klassenkämpfer von oben: Bildung für alle!von Ralph Janik Über den unsozialen Effekt der bildungspolitischen Gleichheitsideologie Dieser Tage besetzen österreichische Studenten das Auditorium Maximum der Universität Wien. Ihre Forderungen lauten wie folgt: 1. Bildung statt Ausbildung Bildung für eine mündige Gesellschaft und nicht bloße Ausbildung nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit! Unser Ziel ist die Möglichkeit eines freien, selbstbestimmten Studiums für Alle! Wir wollen keine Verschulung der Studienpläne! Daher fordern wir eine grundlegende Überarbeitung des BA/MA Systems. Wir fordern: Schluss mit den STEPs als versteckten Zugangsbeschränkungen. Die STEP als eine tatsächliche Orientierungsphase statt als Selektionsinstrument durch Knock-Out Prüfungen. Freie Gestaltung des Studiums – Schluss mit der unnötigen Verzögerung durch Voraussetzungsketten. Freie Wahlfächer statt Erweiterungscurricula. Weg mit den intransparenten Anmeldesystemen. Freie Master und PhD Zugänge. Gewährleistung der Beendigung des begonnenen Studienplans (zB Diplom). Dazu bedarf es eines entsprechenden Lehrangebots und fixer Äquivalenzlisten sowie der bestehenden Übergangsfristen. Aufrechterhaltung der noch bestehenden Diplomstudiengänge. Gewährleistung der Anrechenbarkeit von LVs und Abschlüssen im In- und Ausland. 2. Freier Hochschulzugang Freie Studienplätze für Alle und Abschaffung der Studiengebühren, auch für nicht-EU-BürgerInnen und Langzeitstudierende. Die Sicherstellung eines angemessenen Lehrangebots und die Qualität der Lehre darf nicht durch Zugangsbeschränkungen erwirkt werden. Freier Hochschulzugang und qualitativ hochwertige Lehre sind kein Widerspruch! Es gibt nicht zu viele Studierende sondern nur zu wenige Studienplätze! 3. Demokratisierung der Universitäten Unser Ziel ist die demokratische Organisation der Universitäten. Dazu gehört eine Demokratisierung der Verwaltung in einer Form, die ProfessorInnen, Studierende, das wissenschaftliche und das nicht wissenschaftliche Personal gleichberechtigt an der Entscheidungsbildung beteiligt. 4. Ausfinanzierung der Universitäten 5. Das Behindertengleichstellungsgesetz muss an allen österreichischen Universitäten umgesetzt werden, um ein barrierefreies Studieren zu ermöglichen. 6. Beendigung der prekären Dienstverhältnisse an den Universitäten 7. 50 Prozent Frauenquote in allen Bereichen des universitären Personals Nun wäre jede einzige dieser Forderungen einen Artikel wert; doch grundsätzlich werden daraus zwei zeitgenössische Trends erkennbar, auf die an dieser Stelle eingegangen werden soll: Erstens eine Nehmermentalität, gepaart mit widersprüchlichen Forderungen – „wir wollen, dass…“ sowie zweitens ene Unzufriedenheit, die die falschen Adressaten zum Ziel hat (der Staat als neoliberales Instrument der Wirtschaft, die vorgibt, was erwünscht ist). Die Situation an den österreichischen Universitäten ist vielerorts in der Tat äußerst prekär; jedoch vorwiegend in den klassischen Massenstudien wie Medizin, Jura, Psychologie, Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, Politikwissenschaften, IBWL und BWL . Bei technischen Studien ist die Lage weitaus weniger dramatisch, so sie das überhaupt ist. Gleiches gilt auch für die zahlreichen Nischenfächer. Doch in den genannten Studien (und wohl einigen mehr) ist sie so ziemlich überall äußerst drastisch; die Lehrenden finden kaum noch Zeit zu forschen, weil sie dermaßen überlastet sind; persönlicher Kontakt und Austausch werden auf ein Minimum beschränkt; in Einführungsvorlesungen findet man teilweise nicht einmal mehr auf dem Boden eine Sitzmöglichkeit, die Plätze in den Seminaren, Übungen und dergleichen, in denen Anwesenheitspflicht besteht, sind äußerst begrenzt; auch Prüfungsplätze sind keine Selbstverständlichkeit. So bricht jedes halbe Jahr, pünktlich zu Semesterbeginn, ein Run auf die wenigen verbleibenden Plätze aus, der an das Spiel „Reise nach Jerusalem“ erinnert. Kurzum – die Universitäten platzen, was räumliche wie auch personelle Kapazitäten anbelangt, aus allen Nähten und es lässt sich durchaus fragen, ob es vergleichbare Zustände irgendwo sonst in EU-ropa gibt. Dass die meisten der genannten Studien in Deutschland unter die Numerus-Clausus-Bestimmungen fallen, sei hier am Rande erwähnt; der Zustrom deutscher Stundenten an österreichische Universitäten hat die Lage deshalb zusätzlich verschärft. Was steckt hinter den Protesten? Angefangen hat die österreichische Hochschul-Misere mit dem Bologna-Prozess, dessen adäquate Umsetzung man verschlafen hat. So wurden nahezu alle Studien hierzulande wie auch sonst innerhalb der EU auf das Dreistufensystem bestehend aus Bachelor-, Master und PhD- Studien umgestellt; mit dem Ergebnis, dass ein Bachelor auf dem Arbeitsmarkt als unfertiger Student angesehen wird, weshalb alle versucht sind, mindestens einen Master zu machen. Während also in vielen anderen Ländern die Studenten möglichst schnell mit ihrem Bachelor fertig werden (wollen), um baldigst ins Berufsleben einzusteigen, hat sich die österreichische Titelgeilheit auf die Bewertung des Bachelors negativ ausgewirkt; der Master wird mit dem traditionellen Magister gleichgesetzt und alles, was weniger ist, hat keinen wirklichen Wert. Dazu gibt es hierzulande ein sehr schwach ausgeprägtes Stipendiensystem, vor allem kaum bis gar keine privaten Stipendien und eine noch aus der Kreisky-Ära stammende Mentalität, dass der Staat lieber Schulden machen sollte, als sich gewisse Dinge nicht leisten zu können. Zu guter Letzt ist eine verzerrte Wertvorstellung festzustellen – denn Studiengebühren (die es im Moment nicht gibt) werden von der Mehrheit der Studenten nicht komplett abgelehnt, der Tenor lautet eher: „Wenn ich Studiengebühren zahlen soll, müssen sich auch die Bedingungen verbessern.“ Man nahm also den Status quo als „gratis“ war und jedes Abgehen vom „Gratis-Studium“, das freilich nie gratis war (Österreich liegt bei den Bildungsausgaben nur knapp unter dem OECD-Durchschnitt) kann in dieser Denkweise nur mit einer erheblichen Verbesserung einhergehen. Kurzum – das Dreistufensystem passt nicht zu Österreich, ebenso wenig wie Anpassungen an sich verändernde Gegebenheiten; hierzulande wiegt man sich nur allzu gerne in der Illusion der Insel der Seligen. Also fordern die Studenten angesichts der desaströsen Zustände wie wild drauf los und verleihen ihrer Stimme zusätzliche Schlagkraft, indem sie den Lehrbetrieb erheblich stören (zahlreiche Vorlesungen und sogar einige Prüfungen mussten verlegt oder abgesagt werden). Interessanterweise scheint es, als hätten sie mindestens die Hälfte wenn nicht mehr der Studenten hinter sich; schließlich ist in der Tat etwas faul in der österreichischen Hochschulbildung. So kommt es, dass in einer typisch blinden politischen Hauruck-Aktion vor den letzten Wahlen in Österreich aus populistischen Gründen die Studiengebühren und die Zugangsbeschränkungen aufgehoben wurden. Mit dem Ergebnis, dass die Universitäten, die die Lage schon mit Beschränkungen nur schwer unter Kontrolle halten konnten, erst Recht wieder ausbaden durften, was das Parlament eingebrockt hat und mit Massen an Studenten konfrontiert waren. Das zeigt sich dieser Tage mit voller Wucht: Mehr Menschen denn je drängen an Österreichs Hochschulen und sie sind nicht sonderlich kreativ bei der Wahl ihrer Studien. Die Forderungen der Besetzer geben ein gutes Bild über die Mentalität ihrer Vertreter – die Forderung von Bildung statt Ausbildung zeigt, dass man vom Staat (als Anbieter von Bildung) etwas verlangt, zu dem der Staat gemäß seiner inneren Logik noch weniger Motivation hat als eine private Universität oder die vielgescholtene „Wirtschaft“. Denn der Staat – und das vergessen viele – hat ein noch größeres Interesse an produktiven Menschen, die möglichst viel verdienen und insofern mehr Steuereinnahmen bringen, als letztgenannte. Wenn ein Unternehmen nicht die Arbeitskräfte vorfindet, die es braucht, wandert es ab; wenn ein Staat nicht die Produktivkräfte hat, die er für die Aufrechterhaltung seines immer teurer werdenden, weil chronisch ineffizienten bürokratischen Apparats braucht, geht er bankrott. Also werden die einzelnen Studienrichtungen nicht danach finanziert, wie viele sie studieren, sondern danach, wie wünschenswert, weil hohe Gehälter und folglich hohe Steuern versprechend, sie sind. Da in Österreich die Allgemeinheit das Studium finanziert, muss sich der Staat das in den einzelnen Studenten investierte Geld über allgemeine Steuern zurückholen und nicht etwa, wie andernorts, von jedem Studenten direkt, indem dieser ein gegebenes Darlehen zurückzahlt. Und da beispielsweise ein Politikwissenschafts-Student zumeist entweder sein Leben lang Netto-Empfänger bleibt (weil er etwa in einem staatlich finanzierten Institut landet, also dem bürokratischen Apparat zusätzlich zur Last fällt, der Geld dringend braucht) oder in den meisten Fällen ein im Vergleich zum typischen Absolventen eines technischen Studiums niedriges Gehalt beziehen wird, ist dieser von staatlicher Seite auch weniger gewünscht als etwa ein Bauingenieur –in dieser Logik ist es wenig verwunderlich, dass der Verteilungsschlüssel nicht zu Gunsten auf dem Arbeitsmarkt wenig verwertbarer Studien ausfällt. Die logische Alternative wird naturgemäß, wie immer bei Protesten dieser Art, vorneweg verteufelt – private Universitäten mit staatlichem Darlehenssystem etwa, bei dem jeder für sein gewähltes Studium selbst verantwortlich wird (etwa, wenn er ein weniger nachgefragtes Studium gewählt hat und dadurch sein Darlehen schwerer zurückzahlt als andere), werden verteufelt. Nein, die Allgemeinheit (und damit auch jene, die nie studieren werden) soll jedem das Studium finanzieren, das er will. Und wenn mehr Menschen studieren wollen, braucht es eben mehr Geld. Doch verbietet die innere Logik des Steuerstaates eine derartige Handelsweise. Im Namen der Allgemeinheit wird Diversifizierung dem geopfert, was dem Staat bei seinem wirtschaftlichen Überleben hilft. Freie Bildung, freie Zugänge, kein Leistungsdruck, keine Knock-Out- Prüfungen Die gestellten Forderungen sind womöglich bewusst überzogen, denn immerhin handelt es sich hier um indirekte Verhandlungen (auch wenn der zuständige Minister Johannes Hahn bereits wenig Bereitschaft zu Verhandlungen signalisiert hat) – jeder, der einmal auf einem orientalischen Bazar war, kennt das Spiel; wer den Preis, den er tatsächlich zu bezahlen bereit ist, als erstes nennt, wird schlecht aussteigen. Er wird einen Preis vorschlagen, der weit darunter liegt. Doch ist sein genannter Preis zu unverschämt niedrig, wird der Händler das Interesse verlieren und ihn wegschicken. Ebenso verhält es sich hier – die gestellten Forderungen sind vielleicht zu unrealistisch und widersprüchlich, als dass irgendwer darauf eingehen würde. Da Studenten in Österreich ohnehin keinen allzu guten Stand haben, könnte es durchaus sein, dass im Endeffekt nichts geschieht, außer, dass einige ihren Kindern mal Geschichten von ihren revolutionären Tagen erzählen können. Wirkliche Wählereinbußen würde das wohl nicht mit sich bringen. Jedenfalls steht dieser Tage eine Wiedereinführung der Zugangsbeschränkungen und damit der Knock- Out-Phase im Raum. Wenn staatliche Universitäten mit dem Ansturm nicht fertig werden, versuchen sie zu selektieren. Doch was wäre eine Welt ohne Knock Out? Wenn alle einen Master oder PhD haben, sind diese nichts Besonderes mehr und die wirklich guten Absolventen werden verzweifelt versuchen, sich anderweitig im Positiven abzuheben. Ein Trendmesser dafür ist die immer stärker werdende Tendenz, seinen Lebenslauf auf alle erdenklichen Arten aufzubessern – oftmals mit schlecht bis gar nicht bezahlten Praktika und Volontariaten, bloß, um sich irgendwie von der Masse derjenigen, die auf dem Papier ebensogut ausgebildet sind, abzuheben. Der Verfall des Werts der Bildungszertifikate zeigt sich auch im Vergleich zu früher – war vor einigen Jahrzenten Abitur/Matura noch eine gute Grundlage für einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben, hat sich diese Grenze durch die Forderung, gute Bildung für alle zu schaffen, nach oben verlagert – so ist die Matura in Österreich heute kaum noch etwas wert (weil auch nicht sonderlich schwer zu schaffen und bei der Masse gegeben). Absolventen einer Allgemeinbildenden Höheren Schule sehen sich mehr oder minder gezwungen, in Anschluss an ihre Absolvierung zu studieren. Denselben Effekt hat es, wenn jeder sein Studium schafft, eben, weil die oben zitierte Forderung nach Studium ohne Druck, ohne Knock-Out- Prüfungen und dergleichen tatsächlich umgesetzt werden. Und so werden oft nicht die Menschen intelligenter oder gebildeter, sondern die Bildungszertifikate (Matura, Magister, Master, Dr.) leichter zu erreichen und damit letztlich entwertet. Im Endeffekt wird das Problem dadurch nur wiederum verlagert und bringt negative, von den diese Forderungen stellenden Studenten gewiss nicht gewollte Konsequenzen mit sich. Eine Universität, die nach Leistung aussortiert, verspricht, dass auch ärmere Studenten, so sie Leistung bringen, sich nach oben arbeiten können. Umgekehrt bedeutet Nivellierung, dass es nicht mehr möglich ist, sich über Leistung positiv abzugrenzen. Ohne Leistungsselektion gewinnen andere Kapitalformen, wie soziales und kulturelles Kapital an Bedeutung – also solche Formen, die oft vererbt oder durch Familie und Umfeld mitgegeben werden, wie Status, Kontakte, Habitus und dergleichen. Mit einem Ergebnis, das zu Lasten derer geht, die bereit sind, sich durch Leistung emporzuarbeiten. 02. November 2009 Unterstützen Sie ef-onlineHat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien. Testen Sie eigentümlich freiProminente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht. Diesen Artikel teilenAnzeigen |
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